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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2019-10-15
Updated:
2026-04-19
Words:
301,291
Chapters:
57/60
Comments:
357
Kudos:
204
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Hits:
6,161

Gebrochen

Chapter Text

Wie Ada am nächsten Abend in Begleitung ihres Mannes den riesigen Festsaal betrat, erfasste sie direkt kalte Furcht. Kurz war es ihr als bekomme sie keine Luft, als würden ihre Beine unter dem Gewicht der tausenden Diamanten ihres Kleids nachgeben. Am liebsten hätte sie Armitage gebeten gehen zu dürfen. Aber wie würde das schon aussehen, wenn die Frau eines Generals sich schon nach einer Minute entschuldigen ließ? Also widerstand sie dem Drang zu flüchten. Widerstand auch dem Bedürfnis sich eng an zu schmiegen und Schutz bei ihm zu suchen. Also straffte sie ihre Schultern, machte sich gerade und groß und versuchte sich nicht zu sehr um zugucken. Nicht zu sehr so zu wirken, als vegetiere sie die meiste Zeit angekettet an seinem Bett vor sich her. Als sei dass hier nicht etwas ganz Besonderes für sie, sondern quasi Alltag.

 

Nichtsdestotrotz wurde ihr Griff um seinen Arm unwillkürlich ein wenig fester, als erhoffe sie sich unbewusst doch Schutz und Halt von ihm. Seine behandschuhte Hand legte sich auf die ihre und ohne sie anzuschauen murmelte er: „Du schaffst das...“

 

Sie nickte ein kleines wenig und hob ihren Kopf noch etwas an.

 

Seine Hand drückte die ihre. Erst war der Druck leicht und angenehm als wolle er ihr Beistand leisten. Aber dann wurde dieser im nächsten Augenblick stärker, seine Fingerspitzen gruben sich in ihren Handrücken und sie wusste nicht, ob er nun derjenige war der Halt bei ihr suchte oder ob jener nun pochender Schmerz ihrer Hand eine Warnung sein sollte. Verunsichert blickte sie zu ihm hoch, aber seine Augen waren gerade aus gerichtet als meide er es mit ihr zu interagieren.

„Für mich wirst du das schaffen.“

 

Eine Feststellung, welche keine Widerworte erdulden würden. Noch einmal verstärkte sich der Druck und somit der Schmerz dann lockerten sich seine Finger wieder. Im nächsten Moment tätschelte er ihre malträtierte Hand als wolle er sich entschuldigen. Wie sooft fiel es ihr schwer sein Verhalten zu deuten. Aber was auch immer für eine Intention hinter seiner Tat gestanden hatte, das Ergebnis war dasselbe. Wieder hatte sie dieser sie lähmenden Erwartungsdruck der letzten Tage erfasst. Sie hatte gehofft, dass er endlich verstanden hatte, dass sein ganzes Kontrollieren und Kritisieren ihres Verhaltens die Lage nur verschlimmerte. Denn seit dem gestrigen Abend, welchen sie schweigend und ineinander verschlungen auf dem Sofa verbracht hatten, hatte er aufgehört sie verändern zu wollen. Beziehungsweise war sie sich sicher, dass er sie zwar weiterhin anders haben wollte es aber eingesehen zu haben schien, dass sein Druck nur kontraproduktiv gewesen war. Und so war er ihr an dem heutigen Tag bisher mit einer zwar reservierten, aber auch irgendwie zuvor kommenden Art begegnet. Hatte ihr ihre Medikamente gegen die Übelkeit gegeben, hatte sicher gestellt, dass sie aß und trank und ihr immer mal wieder ganz beiläufig den Kopf getätschelt. Sie hatten nur noch das Nötigste gesprochen als sei alles gesagt worden. Wie sie herausgeputzt für den Abend vor ihm gestanden hatte, hatte er lediglich genickt. Aber seine Miene hatte zufrieden gewirkt und somit war auch sie zufrieden gewesen. So hatte sie schon fast die Last auf ihren Schultern vergessen. Aber jetzt war jene Last zurück und gerade so konnte sie sich davon abhalten auf ihrer Unterlippe herum zu kauen. Noch einmal strich er über ihren Handrücken. Vielleicht hatte er ihr gar nicht weh tun wollen. Vielleicht war ihm sein fester Griff gar nicht bewusst gewesen. Vielleicht sollte sie aufhören so viel zu denken. So wie er es ihr immer wieder gesagt hatte.

Schweigend gingen sie also an den Menschengruppen vorbei, an dem aufgebauten Buffet, an der noch leeren Tanzfläche vorbei bis sie schließlich an ihrem Tisch angelangt waren. Dieses Mal waren sie nicht die Letzten und sogar etwas früh dran. Vielleicht hatte er dies mit Absicht so geplant um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Erleichtert nahm sie wahr, dass der Großmarschall Pryde noch nicht anwesend war. Hatte sie doch das Gefühl, dass dieser mit seinen stechenden Augen bis tief in ihr Inneres blicken konnte und sie schon längst durchschaut hatte. Dass er wusste aus welcher Gosse sie kam und er sie jeden Moment vor allen enttarnen könnte und würde.

Die Erleichterung hielt nur für einen kurzen Augenblick, denn schon erkannte sie, dass sie wieder mit Admiral Griss, seiner Frau und deren Sohn zusammen saßen.

„Ada! Wie schön Sie wieder zu sehen!“, begrüßte die große, blonde Frau sie lächelnd und schob direkt den freien Stuhl neben ihr vom Tisch. Ada zögerte einen kurzen Moment, wollte sich schon bei ihm zurück versichern was nun zu tun sei, als ihre Hand erfasst wurde und sie mit sanfter Unnachgiebigkeit auf eben jenen Stuhl gezogen wurde. Ihre Hand wurde nicht los gelassen, sondern viel mehr ein wenig gedrückt. Wie angenehm weich solch eine Frauenhand war, dachte Ada, trotzdem sie sich bereits jetzt schon absolut überfordert fühlte.

„Sie sehen noch viel hübscher aus, als das letzte Mal. Ich mag ihre Haare! Und dieses Kleid...“

 

Schlanke Finger ergriffen einen der mit Diamanten besetzten Stränge und hielten ihn ins Licht.

 

„Diamanten von Nothoiin....“, murmelte sie und ließ die kleinen Diamanten in der festlichen Beleuchtung funkeln.

„Wie viele Jahresgehälter waren das, General Hux?“, fragte die blonde Frau forsch und Ada war die ganze Situation furchtbar unangenehm.

„Francine...“, kam es genervt von dem Admiral und obwohl der strenge Tonfall überhaupt nicht ihr galt, zuckte Ada ein klein wenig in sich zusammen. Hatte sie mittlerweile begriffen, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen Herr und Ehemann gab. Ihre Augen trafen die der Frau, welche sich nicht sonderlich beeindruckt von dem Ton ihres Mannes zeigte, aber sie schien zu verstehen, dass es Ada anders ging. Es war ihr als wollte die Frau ihr Trost spenden wie diese ihre Hand im nächsten Moment ein kleines wenig drückte und sie anlächelte. Ada sah den Hauch von Mitleid in den Augen der anderen und realisierte mal wieder wie unsagbar Leid sie dieses falsche, heuchlerische Mitleid jener freien Frauen doch war.

 

Die Frau drehte sich schließlich zu dem Admiral um und erwiderte unbeeindruckt: „Ich wollte nur herausfinden, ob du dir das auch leisten kannst, Frantis.“

 

„Was willst du damit sagen?“, brummte ihr Mann daraufhin defensiv.

 

Noch einmal einen Diamantenstrang zwischen ihre Finger nehmend antwortete sie trocken: „Nichts. Ich wünsche mir genau dieses Kleid zum Geburtstag. Nur dass du das weißt.“

 

Wieder funkelten die Diamanten in dem Licht und ebenso funkelten die grünen Augen der Frau neben ihr.

„Wo finde ich dieses Prachtstück?“

 

Ada schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter, fragte sich, ob diese Frau wirklich gar keine Angst vor ihrem Ehemann hatte und antwortete dann kurz und knapp: „Naboo.“

 

„Ah Naboo. Wundervoller Ort, nicht wahr?“

 

Ada war froh, dass sie nun endlich das Thema wechselten und nickte enthusiastisch.


„Es ist wirklich schön dort. So schön warm und die Architektur ist einfach wundervoll...“, schwärmte sie und musste unwillkürlich lächeln. Die Anspannung begann von ihr abzufallen und beiläufig ergriff sie eine der großen Wasserkaraffen um sich einen Schluck Wasser einzuschenken.

„Nicht wahr? Und es ist so friedlich. Man kann sich frei bewegen ohne sich sorgen zu müssen.“

 

Unwillkürlich zogen sich Adas Augenbrauen zusammen und fast hätte sie das Wasser verschüttet, wie sie sich an den Vorfalls des Giftanschlags erinnerte, welcher ihr die Illusion genommen hatte jemals irgendwo anders als hier sicher leben zu können. Zögerlich nickte sie nichtsdestotrotz und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Wieder zitterte ihre Hand ein wenig.

 

„Nicht?“, hakte die Frau nach als habe sie an Adas Miene erkannt, dass diese ihr nicht ganz zustimmte.


Ada biss sich auf die Unterlippe und zögerte kurz, hätte sich am liebsten bei ihrem „Ehemann“, welcher mittlerweile zu ihrer Linken saß, zurück versichert, ob sie jetzt wirklich frei über ihr Erlebnis auf Naboo reden dürfte. Aber auch nur der kleinste, fragende Seitenblick würde sie am Ende möglicherweise verraten. Welche richtige Ehefrau holte sich schon eine Redeerlaubnis bei ihrem Mann? Und er hatte ihr nur zu gut eingebläut, dass sie als eben solch eine Ehefrau hier auftreten zu hatte. Also versicherte sie sich nicht bei ihm und schwenkte das Glas ein wenig in ihrer Hand.

„Leider gab es bei unserem Besuch einen Vorfall...“, wisperte sie und stellte ihr Glas ab.

 

„Man hat versucht uns, beziehungsweise mich zu vergiften, als wir am Ende unseres Aufenthalts Essen gehen wollten.“

 

„Ein Giftanschlag auf Naboo?“, kam es ungläubig zurück und Francine drehte sich zu dem Admiral herum. „Hast du davon schon einmal gehört? Wir waren doch erst neulich auf Naboo.“

 

„Naboo ist schon lange unterworfen und es gab keine nennenswerten Aufstände. Sie verstecken ihre Feigheit unter dem Deckmantel des Pazifismus. Wie hieß es in diesen alten Schriften? 'Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar'“, antwortete Admiral Griss und lachte verächtlich.

„Wie belesen du doch bist, Francis“, murmelte die Frau etwas spöttisch und wand sich dann wieder Ada zu.

 

„Was ich damit sagen will ist, dass ich es kaum glauben kann, dass es dort irgendwelche Rebellentätigkeiten geben soll.“

 

Nervös rutschte Ada etwas auf ihrem Stuhl hin und her. Es war ihr als würde man ihr keinen Glauben schenken. Ein unangenehmes Gefühl. Vielleicht hätte sie einfach schweigen sollen.

„Man fühlt sich wirklich so sicher dort, dass man es kaum glauben kann...“, stimmte die Frau zu, nur um schnell hinzuzufügen: „Damit will ich natürlich nicht sagen, dass es nicht passiert ist!“

 

Erleichtert nickte Ada und sagte: „Ich konnte es auch gar nicht fassen. Alles wirkte so friedlich. Die Vögel am Himmel, die spielenden Kinder auf den Straßen, die wärmenden Sonnenstrahlen... Ich habe mich so sicher gefühlt, aber jetzt nach diesem Vorfall glaube ich nicht, dass ich vorerst zurück dorthin will.“

„Das verstehe ich nur zu gut. Wie ist es denn genau passiert?“

„Wir waren in einem der vielen Restaurants von Theed. Mit Blick auf den Palast. Um uns herum buntes Treiben. Es war überhaupt nichts auffällig oder bedrohlich. Bis unser Essen kam und Armitage...“

 

Seine Hand legte sich plötzlich schwer auf ihre Schulter und noch bevor sie weiterfahren konnte ertönte die Stimme ihres „Mannes“ neben ihr: „Ich habe es immer gesagt. Sie sind überall. Man ist nirgends vor ihnen sicher.“

 

Lässig winkte er einen Droiden herbei und noch lässiger fragte er in die Runde: „Noch wer einen Whiskey?“

 

„Paranoid wie eh und je“, lachte der Admiral und bestellte ebenso einen Whiskey.

 

„Zu recht“, antwortete Armitage mit bewegungsloser Miene.

 

„Und dann? Was ist dann passiert? Erzählen Sie weiter, Ada!“, forderte die Frau Ada auf, doch bevor diese noch etwas sagen konnte antwortete schon Armitage für sie.

 

„Ich habe sie alle eigenhändig standrechtlich erschossen. Aufgereiht vor der Zivilbevölkerung damit diese bloß nicht auf falsche Gedanken kommt.“

 

Ada spürte wie seine Hand über ihren Rücken bis zu ihrem Nacken wanderte und kam nicht umhin zu erstarren. Das erste Mal überhaupt wurde ihr bewusst, dass wahrscheinlich sehr viel Blut an seinen Händen klebte. Das erste Mal überhaupt wurde ihr klar, dass auch ihr Blut eines Tages an seinen Händen kleben könnte. Mal wieder dachte sie, dass sein damaliges Angebot sie irgendwann in ein kleines Häuschen auf Naboo abzuschieben, während er heiraten und eine Familie gründen würde, eigentlich sehr gnädig gewesen war. Denn er könnte ihr auch einfach den Hals umdrehen und sie den Abfallschacht hinunter werfen, falls er ihrer überdrüssig werden sollte.

 

Als könne er ihre Gedanken lesen, gruben sich seine Fingerspitzen ein kleines wenig in ihr Fleisch, nur um sich schließlich wieder von ihr zu lösen. Das Gefühl seiner Fingerspitzen blieb. Aus den Augenwinkeln betrachtete sie seine ruhige, fast stoische Miene. Ein Schauer durchfuhr sie.

 

„Hast du schon einmal jemanden für mich erschossen, Frantis?“, hörte sie die Frau ihren Mann fragen, als sei das Erschießen von Rebellen eine romantische Tat.

„Nicht dass ich wüsste, aber vielleicht hast du Glück bei unserem nächsten Ausflug nach Naboo.“

 

Die Frau lachte hell auf, als sei nichts dabei von Rebellen fast umgebracht zu werden, als sei nichts dabei, dass vielleicht auch Unschuldige daran hatten glauben müssen. Als sei das alles nur ein Spiel.

Die warme Hand der Frau legte sich auf die ihre und Ada fragte sich warum die beiden Personen neben ihr sie die ganze Zeit anfassten.

 

„Sie können sich wirklich glücklich schätzen so einen Mann an ihrer Seite zu haben. Gerade in diesen schrecklichen Zeiten in denen wir leben ist es doch gut jemanden an seiner Seite zu wissen, der einen vor allem Schlimmen dort draußen beschützen kann.“

 

Kurz hielt Ada inne und studierte das Gesicht ihres Gegenübers. War sie sich doch sicher einen Hauch von Spott in ihrer Stimme wahrgenommen zu haben. Kurz blickten sich die beiden Frauen an, kurz war es still zwischen ihnen, dann lächelte Ada. So wie sie es immer tat, wenn sie nicht weiter wusste.

„Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, ich weiß“, wisperte sie und lächelte noch ein wenig mehr und wusste nicht, ob sie gerade log oder die Wahrheit sprach.

„Können wir das Thema wechseln? Der Vorfall hat meine Frau damals sehr mitgenommen“, brummte Armitage neben ihr und noch bevor irgendwer reagieren konnte ging ein Raunen durch die Menge. Das Raunen verebbte und mündete in eine unangenehme Stille, welche dann vom Klacken schwerer Stiefel ersetzt wurde. Unwillkürlich zuckte Ada zusammen, verhieß dieses Geräusch doch selten etwas Gutes.

 

Eine Gruppe betrat den Raum und Ada realisierte einmal wieder wie schlecht ihre Augen waren. Sah sie aus der Entfernung nur eine schwarze in sich verschwimmende Masse, die sich kontinuierlich auf einen länglichen Tisch am Ende des Raums zu bewegte. Sie kamen näher und Ada kniff ihre Augen ein wenig zusammen. Realisierte, dass an der Spitze jener Masse Ren voran schritt. Groß und breit überragte er den Rest. Seine Miene ausdruckslos und gelangweilt. Ada erkannte schließlich, dass es sich um sechs schwarz gekleidete, maskierte Männer handelte und schon erfasste sie Panik. Anstatt Schutz bei ihrem Mann zu suchen, ergriff sie den Arm der Frau neben sich und fiepste erschrocken: „Wer ist das? Wer sind diese Männer?“

Sie vernahm ein leises, warnendes Schnalzen neben sich, aber Ada ignorierte ihn und starrte wie gebahnt auf die Formation, welche an den Tischen vorbei zog.

„Die Ritter von Ren...“, flüsterte die Frau und tätschelte beruhigend ihre Hand, „... ein furchtbarer Haufen...“

 

„Francine!“, zischte es einen Stuhl weiter und dieses Mal war der Ton des Admirals ernsthaft streng. Sie kannte solch einen Ton nur zu gut und erneut zuckte ihr Körper wieder in sich zusammen. Wieder wurde ihre Hand getätschelt. Sie nahm die Hand der Frau wieder als angenehm warm und weich war und Ada war dankbar für diese Geste und doch fiel es ihr schwer zu atmen. Es war ihr als erdrücke die Präsenz jener Männer sie, als presse sie ihre Lungen zusammen. Ohne dass die Männer etwas anderes taten, als als geschlossener Trupp hinter ihrem Anführer hinterher zu gehen, strahlten sie eine sie unsagbar ängstigende rohe Brutalität aus und kurioserweise war es ihr als habe sie diese „Ritter“ schon einmal irgendwo gesehen. Ihre Schläfen begannen schmerzend zu pochen.

 

Die Formation blieb stehen und wurde vom Großmarschall persönlich begrüßt. Ren und Enric Pryde schüttelten ihre Hände. Die Männer traten jeweils einen Schritt zurück und eine kleine Person kam zum Vorschein.

 

Rey“, durchfuhr es sie als sie das in cremefarbener Tunika und cremefarbener Hosen gekleidete Mädchen zwischen all den großen Männern sah. Wieder kniff sie ihre Augen zusammen um Reys Gesicht besser erkennen zu können. Die Situation musste sicher sehr ängstigend für das Mädchen sein und trotz dessen der General ihr eingebläut hatte, dass Rey zu den Feinden gehörte, verspürte sie Mitleid mit ihr. Aber Reys Mimik wirkte nicht ängstlich, viel eher trotzig und wütend. Gerade stand sie da und funkelte Ren böse an, welcher unbeeindruckt schien. Mit einem Wink zeigte er in Richtung des langen Tischs und Rey wurde kurzerhand von zwei der Männer auf einen der Stühle bugsiert. Sie schien wenig beeindruckt und verschränkte lediglich ihre Arme vor ihrem Brustkorb.

 

Das arme Mädchen... Was sind das nur für Zeiten in denen es erwachsene Männer für nötig halten junge Mädchen, die fast noch Kinder sind, so vorzuführen“, vernahm Ada es neben ihr. Nachdenklich blickte sie in das Gesicht der Frau, welche sie noch vor wenigen Monaten für ihren Sohn hatte abkaufen wollen. Ihre Stirn runzelte sich etwas und am liebsten hätte sie die Admirals Frau gefragt wie sie das eine mit dem anderen in Einklang bringen konnte, aber sie schwieg und konzentrierte sich darauf ihre unregelmäßige Atmung zu beruhigen.

Noch einmal betrachtete sie das Mädchen und fragte sich das erste Mal warum Rey damals in Rens Räumen der Meinung gewesen sei sie zu kennen? Zu sehr war sie damit beschäftigt gewesen zu überleben als dass sie noch einen weiteren Gedanken an die Rebellin hatte verschenken können. Hatte der General sie doch nur wenige Minuten später wie einen streunenden Hund gechipt und ans Bett gekettet. Ihr Blick wanderte zu Ren, welcher nun neben Rey saß. Vielleicht hatte er nur ein grausames Spiel mit ihnen treiben wollen. Sie hatte seine Grausamkeit bereits mehrfach am eigenen Leib erfahren. Nie würde sie vergessen, dass er sie hatte glauben lassen, dass jemand auf sie wartete. Nicht nur jemand, sondern ein freundlich drein blickender Mann, welcher ihr Rettung und Sicherheit versprach. Wieder hatte sie das Bild jenen Mannes vor Augen, sein gebräunte Haut, seine grünbraunen Augen, seine hellbraunen Haare, sein strahlendes, sorgloses Lächeln. Alles nur eine Illusion, aber damals hatte sie sich so sehr an diesem Bild fest geklammert, dass sie geglaubt hatte, dass sie es nur schaffen müsste zurück zu diesem Mann zu gelangen und schon würde ihr Leben wieder gut werden. Sie hatte Armitage dafür verraten und trotzdem hatte er sie wieder zurück genommen. Schon allein deswegen stand sie für ewig in seiner Schuld.

Wie nun alle ihren Platz eingenommen hatten, löste sich die Stille in dem Raum langsam auf. Von überall ertönten erst leise, dann lauter Stimmen, Gespräche wurden wieder aufgenommen und es war so als habe nicht der ganze Saal den Atem angehalten. Und auch Ada spürte wie sich ihre Atmung und ihr Sein wieder beruhigte.

„Ich brauche jetzt auch erst einmal einen Whiskey“, stieß die Frau des Admirals hervor und winkte einen Droiden herbei.

„Sie auch?“

 

Ada schüttelte den Kopf und hob abwehrend ihre Hand.

 

„Ach, ein kleines Glas können Sie doch mit mir trinken?“

 

„Ich bleibe bei Wasser“, erwiderte sie lächelnd und nahm demonstrativ einen Schluck aus ihrem Glas.

Aber schon wenige Augenblicke später stand ein Glas mit rotbrauner Flüssigkeit vor ihr und schon wurde ihr zu geprostet.

 

„Danke, aber ich...“

 

Armitage kam ihr zuvor, ergriff das Glas, leerte es in einem Zug und stellte es zurück auf den Tisch.

 

Kurz wurde es offenbarend still zwischen ihnen. Hellgrüne Augen lagen einen Moment auf ihrem Bauch, wanderten dann zu ihrem Gesicht, blitzten wissend und Adas Finger fassten das Glas in ihren Händen nur noch fester. Armitages Hand legte sich wieder besitzergreifend auf den Übergang zwischen Nacken und Rücken, seine Finger zogen leichte Kreise entlang ihrer Halswirbel. Es war sehr ungewöhnlich, dass er sie hier in der Öffentlichkeit so viel berührte.

 

Musik begann zu spielen. Admiral Griss murmelte: „Gott sei Dank keine Rede.“ Und seine Frau und die anderen an dem Tisch lachten. Armitage blieb stumm und blickte sich missmutig um. Sie fragte sich wie viele Fehler sie in seinen Augen an dem heutigen Abend schon begangen hatte.

Pryde gesellte sich zu ihnen. Ließ Ada, abgesehen von einer kurzen Begrüßung, zum Glück in Ruhe.

Die Musik spielte weiter, Menschen begannen zu tanzen, Ada beobachtete das bunte Treiben und vermied es zu Ren und seinem Gefolge zu blicken. Armitage schien in einem Gespräch mit Pryde verwickelt zu sein und sie genoss für einen Moment keinerlei Aufmerksamkeit zu bekommen.

Aber wie sooft in ihrem Leben war Ada auch an diesem Abend keine Ruhe vergönnt. Schon stellte sich eine blaue Uniform in ihr Blickfeld, schon hob sie ihren Blick und schaute in die braunen, sanften Augen des Stiefsohns von Admiral Griss. Es war das erste Mal am heutigen Abend, dass sich ihre Blick trafen. Hatte sie es doch vermieden ihm in die Augen zu schauen. Befürchtete sie zum einen Armitage würde sie wieder des Flirtens bezichtigen, schämte sie sich zum anderen diesem Mann überhaupt wieder unter die Augen zu treten. Sie war sich nicht sicher, ob er von den Plänen seiner Mutter gewusst hatte sie abzukaufen. Aber falls ja berührte es sie peinlich, dass diese Menschen ahnten wer sie war und woher sie kam, dass diese Menschen sie hatten kaufen wollen wie man ein Haustier kaufen würde. Sie spürte wie ihre Wange ein wenig warm wurden unter seinem freundlichen Blick. In den wenigen Monaten erschien er älter, erwachsener geworden zu sein. Weniger unsicher. Wie alt war er nochmal gewesen? 23 Jahre?

 

„Ich wollte Sie bieten mir diesen Tanz zu schenken“, erklärte er und reichte ihr seine große Hand. Es war nett, dass er sie selber fragte und nicht wie beim letzten Mal Armitage von seiner Mutter gefragt wurde, ob man sie „ausleihen“ könnte.

 

Und doch wusste sie, dass Armitage sicherlich sehr böse mit ihr sein würde, wenn sie jetzt mit diesem Mann tanzen würde. Und gleichzeitig wollte sie ihn nun nicht mit einer Abfuhr beschämen. Das hatte er nicht verdient, denn er war damals wirklich sehr freundlich und rücksichtsvoll mit ihr umgegangen. Vielleicht so freundlich wie noch nie ein Mann zu ihr gewesen war. Kurz kam ihm der törichte Gedanke, dass ihr Leben vielleicht hätte einfacher verlaufen können, wenn der General dem Angebot zugestimmt hätte.

 

Also schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln, welches sie ernst meinte, und sagte dann doch: „Es tut mir Leid, aber ich habe meinem Mann schon den ersten Tanz des Abends versprochen. Nicht wahr, Armitage?“

 

Armitage ganz vertieft im Gespräch mit Pryde fragte irritiert: „Was?“

„Ich sagte, dass ich bereits dir den ersten Tanz versprochen hatte.“

 

Pryde lachte trocken auf, so wie der Rest des Tisches. Ada fragte sich was so lustig war.

 

„Armitage tanzt nicht. Hat noch nie getanzt und wird auch nie tanzen und kann es auch gar nicht“, belehrte der Großmarschall sie und Ada wurde heiß und kalt zugleich.

Aber sie ließ sich nicht beirren, lächelte Pryde an, stand auf, hielt Armitage ihre Hand hin und sagte: „Ich weiß, aber ich werde es ihm heute bei bringen. Darf ich?“

 

„Das will ich sehen.“

 

„Das werden Sie sehen“, erwiderte sie so frech sie es konnte, reckte ihr Kinn und hielt den Blickkontakt trotz der stechenden, blauen Augen.

Sie war erleichtert als Armitage zwar nicht ihre Hand ergriff, aber zumindest aufstand und sich zu ihr gesellte. Ihr Herz klopfte schnell und sie musste sich mit aller Macht zwingen sich nicht auf die Unterlippe zu beißen. Was hatte sie nur getan?

Noch einmal ein Lächeln aufsetzend, blickte sie hoch zu dem jungen Mann, welcher sie um mehr als einen Kopf überragte und lächelte ihn entschuldigend an.

 

„Später vielleicht? Jetzt muss ich meinem Mann erst einmal das Tanzen bei bringen“, sagte sie weiter lächelnd und hoffte, ihn nicht zu sehr gekränkt zu haben. Er ließ sich nichts anmerken, lächelte ebenso höflich und nickte verständnisvoll.

 

„Später... vielleicht“, antwortete er, blickte dann den Mann zu ihrer Seite an und ergänzte: „Viel Spaß!“

 

Wieder lachte irgendwer von den Personen am Tisch.

 

„Werden wir haben, nicht wahr, Liebling?“

 

Ihr Liebling schwieg und Ada brauchte nicht zu ihm zu blicken um zu wissen, dass sie eine große Dummheit begangen hatte.

 

 

 

Wie sich einige Schritte von ihrem Tisch entfernt hatten und somit außer Hörweite waren, fiepste seine kleine Ehefrau hoch und hilflos: „Es tut mir Leid, Armitage, das tut mir wirklich Leid. Ich wusste das nicht...“

 

Armitage entschied sich weiter zu schweigen. Alles was er nun zu sagen hätte, würde ihre zartbesaitete Seele ohnehin nicht verkraften. Also erschien es ihm weiser einfach zu schweigen und außerdem genoss er es sie etwas zappeln zu lassen.

 

Im nächsten Moment hakte sie sich bei ihm ein und schmiegte ihren Körper eng an den seinen.

„Ich wollte dich nicht bloß stellen... Ich dachte, dass du es bestimmt nicht gutheißt, wenn ich mit jemand anderen tanze und ich wollte ihn nicht kränken“, erklärte sie weiter aufgeregt, während sich ihre Finger ein wenig in dem Stoff seiner Uniform verkrallten.

 

Schweigend betrachtete der General die tanzende Menge, welche sich sicher zu den Klängen bewegte.

„Und außerdem wollte ich sowieso schon immer sehr gerne mit dir tanzen.“

 

Ruckartig drehte sich sein Kopf zu ihr und kurz blickte er in ihre treuen dunklen Augen, welche ihn aufrichtig anblickten. Ein Schnauben entfuhr ihm und seinen Blick wieder nach vorne wendend, musste er an seine Außenseiterposition in dieser Gesellschaft denken. Er war sich sicher, dass niemals irgendeine Frau etwas mit ihm hatte zu tun haben wollen. Und sei es nur ein Tanz gewesen.

„Ist das so?“

 

„Natürlich ist das so!“, kam es voller Elan und Inbrunst zurück und noch einmal schaute er zu ihr hinab. Ihr Blick war ernst und determiniert.

Nicht wissend was er nun sagen sollte, nickte er nur. Sie hatte denselben Blick gehabt, als sie ihm voller Inbrunst ihre Liebe für ihn gestanden hatte. Es war das erste Mal gewesen, dass er solch ein Liebesgeständnis bekommen hatte. Und er hatte ihr Geständnis mit Füßen getreten, hatte ihre vermeintliche Liebe direkt versucht im Keim zu ersticken. Weil er die Liebe von so jemanden wie ihr nicht hatte haben wollen. Weil er keiner Liebe wert war. Es war ihm gelungen. Hatte er doch gemerkt wie sich etwas in ihr ihm gegenüber verändert hatte. Aber jetzt war es wieder da. Dieses Gefühl, das sie ihm immer gegeben hatte. Das Gefühl das Größte und Beste in ihrem kleinen jämmerlichen Leben zu sein. Erdrückend und beflügelnd zugleich.

 

„Du bist jetzt nicht böse mit mir, oder?“

 

Gerade so konnte sich Hux es verkneifen mit den Augen zu rollen. Natürlich war er böse mit ihr. Er würde sich gleich zum Gespött aller Leute machen. Wäre sie doch einfach mit jenem jungen Mann mit gegangen. Vielleicht hätte er wieder ein Kaufangebot von seiner Mutter erhalten. Schien diese immer noch begeistert von Ada zu sein. Vielleicht hätte er dieses Mal zugestimmt. Vielleicht wäre dieser Alptraum dann endlich vorbei.

Es gab nur einen Haken. Jetzt da sie schwanger mit seinem Kind war, konnte er sie nicht mehr in die Hände von jemanden anderen geben, denn das würde bedeuten, dass ein anderer Mann nicht nur sie, sondern auch sein Kind besitzen würde. Wenn er sie also weggeben wollte, wäre es am naheliegendsten eben jenes „Kind“ vorher loszuwerden. Keine große Sache. Zwei Tabletten im Abstand von zwei Tagen und das Ganze wäre erledigt.

Keine große Sache für ihn. Für sie jedoch würde die Welt zusammen brechen. Vielleicht würde sie wieder einmal versuchen sich umzubringen. Kurz kam ihm der zynische Gedanke, dass sich damit dann wirklich jedes Problem in seinem Leben gelöst hätte.

 

Nur die möglicherweise daraus resultierende Schuld müsste er dann tragen und er war sich nicht sicher, ob er bereit dazu war.

 

„Armitage“, kam es von seiner Seite. Kaum hörbar, aber trotzdem in eindringlicher Tonlage.

 

„Wenn wir nachher zurück kommen, wirst du mich dann...“, ihre Stimme versagte und er gab ihr einen verächtlichen Seitenblick. Darum ging es also.

 

„...übers Knie legen? Möglicherweise ja“, vollendete er ihren Satz und fand sich witzig. Sie lachte nicht, sondern blickte angespannt nach vorne.

Sein Arm löste sich aus ihrer Umklammerung und locker legte sich seine Hand auf ihren unteren Rücken.Wieso hatte er, trotz dessen sie in der Öffentlichkeit waren, nur solch ein Bedürfnis sie andauernd anzufassen? Seine Finger wanderten zu ihren breiten Hüften und sich zu ihr hinunter beugend raunte er in ihr Ohr: „Nur ein kleiner Scherz...“

Stumm nickte sie, holte tief Luft und setzte dann auf einmal ein Lächeln auf.

„Wir üben erst einmal dort hinten in der Ecke. Da haben wir nicht so viel Aufmerksamkeit.“

 

Sie warf einen Blick über ihre Schulter, als überprüfe sie, ob sie noch im Blickfeld ihrer Tischgesellschaft waren. Dann lächelte sie noch etwas breiter und hob ihre Hand etwas winkend.

 

„Sie können uns noch sehen. Also gehen wir etwas weiter?“

 

Armitage fragte sich, ob es ihr wirklich darum ging ihm eine Blamage zu ersparen oder viel mehr darum einer möglichen Bestrafung zu entgehen. Vielleicht ging auch beides miteinander einher.

 

„Du hast Ihnen gerade noch versprochen, dass sie es sehen werden wie du mir das Tanzen bei bringst“, antwortete er trocken und blieb stehen.

 

„Also bringen wir es hinter uns.“

 

„Wir schaffen das schon“, murmelte sie und es war ihm als spreche sie viel eher sich Mut zu und nicht ihm.

Sie standen sich nun gegenüber und wieder einmal lächelte sie ihn an, obwohl er ihr doch eingebläut hatte dies nicht mehr so oft zu tun.

 

„Die meiste Zeit werden Walzer von Nabicci Futana gespielt. Das ist nicht so schwer und die Abfolge ist eigentlich immer dieselbe.“

 

„Nabicci Futana?“, fragte Armitage irritiert und Ada antwortete ganz selbstverständlich: „Das war ein neoklassizistischer Komponist der viele bekannte Stücke zu den Zeiten des Imperiums entworfen hatte.“

 

Armitage sagte nichts, sondern schämte sich still und heimlich, dass seine aus der Gosse gezogene Sklavin bald mehr von imperialistischer Kultur verstand als er. Als habe er sich nicht gerade offenbart, positionierte sie ihn und sich zurecht. Ihre Hand zitterte etwas in der seinen oder war es eigentlich die seine die vor Aufregung und Anspannung zitterte?

 

„Eigentlich muss der Mann führen, aber wir kriegen das auch so hin. Du musst meinen Schritten erst einmal nur folgen.“

 

Und so folgte er ihr und es fühlte sich wie eine Unterwerfung an. Vielleicht würde er seinen vorherigen Scherz später doch wahr werden lassen um das nun aufgekommene Ungleichgewicht wett zu machen.

 

Ada schien von alldem nichts mitzubekommen. War ganz in ihrem Element und schien fast Freude über ihre Aktivität zu empfinden. Vielleicht machte es ihr Spaß ihn bloß zu stellen. Ganz von alleine ergriff er ihre Hand fester. Aber mal wieder verstand sie nichts, sondern erwiderte seinen Druck und nickte ihm aufmunternd zu.

„Das klappt schon richtig gut. Jetzt können wir versuchen uns zum Takt zu bewegen.“

Kurz schloss sie ihre Augen, dann sagte sie: „Jetzt!“ Und wieder setzte sie sich in Bewegung und führte ihn und er folgte und er hasste es. Ihren Blick ausweichend und weiter mit seinen Augen überprüfend, ob er auch ja alles richtig machte, tanzte er wohl das erste Mal in seinem Leben und hasste es.

„Armitage, guck mich an!“, forderte sie ihn fröhlich auf und widerwillig folgte er ihrer Aufforderung.

„Wir müssen uns angucken. Das gehört zu dem Tanz dazu.“

Armitage nickte und folgte ihr weiter.

„Hast du vorher noch nie getanzt?“, fragte sie beiläufig, während sie begann sie beide zusätzlich zu ihren Grundschritten zu drehen.

 

„Nein.“

 

„Warum nicht?“

 

„Weil wir uns im Krieg befanden und ich Besseres zu tun hatte als das hier.“

 

Dem Gefühl nachgebend sich besser als sie dastehen zu lassen, beugte er sich vor und flüsterte: „Während du dich von irgendwelchen Männern hast ficken lassen und irgendwer meinte aus dir lächerlicherweise eine kleine Dame machen zu müssen und dir etwas über neoklassizistische Komponisten beigebracht hat, habe ich das hier alles aufgebaut. Ich habe mich hoch gekämpft. Ich habe jeden der mir im Weg stand aus dem Weg geräumt. Standardtänze zu lernen war das letzte was auf meiner Agenda gestanden hatte.“

 

Das war nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich hatte er sich in jungen Jahren nichts anderes gewünscht dazu zu gehören. Hätte sich gewünscht ebenso eine Ausbildung wie die anderen seines Alters zu erhalten um dazu zugehören. Aber er war damit beschäftigt gewesen zu überleben. Beschäftigt gewesen sich Brookes vom Leibe zu halten und unabhängig von seinen prügelnden Vater zu werden. Aber das alles musste sie nicht wissen. Sie hatte gestern ihre Chance gehabt, sie hätte ihn fragen könne was es mit seinem Vater auf sich hatte. Wieso er glaubte wie dieser zu enden. Gestern noch hätte er ihr wohl alles erzählt. Sich endlich offenbart. Aber jetzt war es zu spät. Es war besser, sie würde niemals erfahren was für ein Versager er in jungen Jahren gewesen war. Am Ende reimte sie sich noch zusammen, dass sie die erste Frau in seinem Leben war.

 

Als habe sie die Beleidigungen gar nicht wirklich gehört, flüsterte sie zurück: „Um so eine größere Ehre ist es für mich, dass ich so einem mächtigen Mann jetzt das Tanzen bei bringen darf.“

 

Ruckartig drehte er sein Gesicht in ihre Richtung um sich zu vergewissern, dass sie sich auch ja nicht über ihn lustig machte. Aber ihre Miene war wieder ernst und determiniert.

 

„Es ist schön zumindest bei einer Sache die Erste zu sein.“

 

Fast hätte Armitage gelacht. Viel eher war doch die Frage wobei sie nicht die Erste gewesen war. Sein so eben noch aufkeimender Unmut mit ihr verebbte wie sooft ins Nichts. Wie machte sie das nur?

Trocken erwiderte er: „Soweit ich weiß, ist das auch mein erstes Kind.“

 

Im nächsten Moment fragte er sich warum er ihre Schwangerschaft ansprach, welche ihm doch so ein Dorn im Auge war.

 

Der Ernst wich aus ihrem Gesicht und sie lächelte wieder ein kleines, feines bisschen.

 

„Wie unangebracht ist es sich hier in dieser Gesellschaft zu küssen?“, fragte sie und sah ihn so süß an wie schon lange nicht mehr.

 

„Sehr. Sehr unangebracht“, stieß er hervor wie sich ihr Gesicht dem seinigen näherte und wünschte sich sie würde es einfach tun.

„Schade...“, wisperte sie und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.

Sie tanzten weiter, drehten sich jetzt so wie der Rest um die ihre eigene Achse und Hux war erstaunt wie leicht dieser Walzer doch war. Vielleicht würde das hier doch nicht in einer totalen Blamage enden.

 

Und schließlich als sie das Gefühl haben zu schien, sie hätte ihm genug beigebracht, fragte sie: „Möchtest du jetzt die Führung übernehmen? Das wäre der letzte Schritt. Dann hätten wir es geschafft.“

Kurz musste er schmunzeln, da es etwas absurd war, dass dieses kleine, rechtlose Wesen ihm die Erlaubnis ihrer Führung erteilte. Aber er sagte nichts, sondern versicherte sich erst einmal mittels unauffälligen Schulterblick, dass niemand ihnen mehr zu schaute. Tatsächlich war die beginnende Aufmerksamkeit nicht mehr vorhanden und sie alle waren in entweder Gespräche oder ihr Essen vertieft. Erleichterung machte sich in ihm breit und stumm übernahm er die ihm erteilte Führung und musste sich eingestehen, dass es deutlich einfacher gewesen war ihr zu folgen. Aber sie blieb geduldig, korrigierte ihn hin und wieder, wenn er aus dem Takt kam, und lobte ihn immer wieder für seine Fortschritte. Armitage verstand jetzt wieso vor ihm irgendwer darin investiert hatte sie gesellschaftsfähig zu machen und er kam nicht umhin jenem ominösen Vorbesitzer dankbar zu sein.

Und so tanzten sie einen Walzer nach dem anderen. Es fiel ihm immer leichter die Führung zu übernehmen und entweder war sie eine gute Lehrerin oder er ein guter Schüler oder vielleicht war beides der Fall, aber nicht einmal war er ihr auf den Fuß getreten, nicht einmal war er gestolpert. Fast schon freute er sich zurück zu ihrem Tisch zu gehen und dabei insgeheim über sie alle triumphieren zu können. Da fiel ihm eine Veränderung an ihr auf. Sie blickte nicht länger anhimmelnd zu ihm hoch, sondern starrte an ihm vorbei. Schien etwas oder jemanden zu fixieren. Ihr Körper bewegte sich automatisch, reagierte auf sein Führen mühelos und doch war sie nicht wirklich da. Ihre Augen verengten sich etwas als versuche sie schärfer zu sehen. Hux wagte es nicht ihren Blick zu folgen, hatte er doch Sorge am Ende den Takt, die Kontrolle zu verlieren. Also wartete er bis sie sich gedreht hatten und er an ihrer Stelle stand. Er sah nichts außer tanzende Menschen.

 

„Ich glaube, ich muss mich setzen. Mir wird langsam schwindelig von dem ganzen Drehen“, sagte sie lachend und wieder ihre Fassade aufsetzend. Ihre Bewegungen erschienen ihm auf einmal langsamer werdend und es war ihm als weigere sie sich ihm länger zu folgen. Es war ihm als wolle sie einen Stillstand ihres Tanzes erzeugen. Sein Griff um ihre Hand verfestigte sich und es widerstrebte ihm nun wieder ihr zu folgen, aber trotz ihrer Fassade wirkte sie auf einmal sonderbar fahrig und er befürchtete schon vielleicht doch noch über ihre Beine zu stolpern. Also hielten sie an. Wieder starrte sie an ihm vorbei, nur um ihn dann an der Hand zu nehmen und mit sich zu ziehen.

„Ich muss mich wirklich setzen...“

 

Sie zog ihn mit solch einem Nachdruck, dass er ihr ohne zu zögern einfach folgte. Er kam nicht umhin sich noch einmal umzudrehen um zu verstehen was sie so aus dem Konzept gebracht hatte. Wieder sah er nur die sich bewegende Menschenmenge. Kurz ließ er seinen Blick von links nach rechts schweifen und konnte immer noch nichts Nennenswertes erkennen. Und dann war ihm so als erkannte er nun doch die Quelle ihrer Gemütsänderung. Fast hatte er den Vorfall damals vergessen. Zu viel war seitdem passiert. Aber jetzt erinnerte er sich an das letzte Mal. Erinnerte sich wie sie den Festsaal hatten verlassen wollen und wie sie stehen geblieben war und plötzlich einen Mann betrachtet hatte. Und jetzt war er da wieder. Petrolfarbene Uniform eines Flottenoffiziers. Hellbraunes gelocktes Haar, gebräunte Haut. Und auch jener Mann blickte in ihre Richtung, nachdenklich und etwas verwundernd erscheinend. Als ob er versuche ihre Erscheinung einzuordnen. Als überlege er, ob er sie kenne. Wie sich ihre Blicke trafen, schien er sich ertappt zu fühlen und wand sich wieder seiner Tanzpartnerin zu.

 

Auch Armitage blickte wieder nach vorne, folgte seiner kleinen Ehefrau, die seine Hand fest umklammert hielt. Die Diamanten ihres Kleides reflektierte das Licht und so erschien das Kleid bunt wie ein Regenbogen. Er nahm wahr wie sich Frauen zu ihr umdrehten und sie bewunderten, aber es fühlte sich auf einmal lächerlich an ihr dieses Kleid ausgesucht zu haben. War es doch nur eine Verkleidung. War es doch nur der klägliche Versuch aus einer Hure eine Dame von Stand zu machen. Ein teurer Versuch. Drei Jahresgehälter um genau zu sein. Ein misslungener Versuch, denn wie er diesen Mann und seinen irritierten auf Ada liegenden Blick gesehen hatte, war ihm erneut die Erkenntnis gekommen, dass er wirklich nichts von ihr und ihrer Vergangenheit wusste. Denn Rens Geschichte, er habe sie aus einem Bordell auf Coruscant aufgegabelt, konnte er irgendwie keinen Glauben schenken. Trotz dessen war ihm immer klar gewesen, dass es schon viele, sehr viele vor ihm gegeben hatte. Ein schwer zu ertragender Fakt mit dem er sich kaum arrangieren konnte. Und jetzt in diesem Augenblick kam etwas Neues dazu. Etwas vorüber er sich bisher überhaupt keine Gedanken gemacht hatte. Was wäre wenn bereits jemand anderes hier sie gehabt hätte? Was wenn Ren sie schon einmal an jemand anderen verliehen hatte? Paranoid wie er war, hatte in seiner Vorstellung bereits der halbe Saal hier mit ihr geschlafen und alle wussten es. Nur er nicht. Was war wenn alle hinter seinem Rücken über ihn redeten? Sich über ihn lustig machten, so wie sie es früher getan hatten, so wie sie es ohnehin immer noch tun würden.

 

Etwas in ihm wollte sich von ihr lösen und diesen Mann aufsuchen und zur Rede stellen. Jetzt hier. Sofort. Und dann? Was dann? Als ob irgendwer es zugeben würde General Hux' Frau unter sich gehabt zu haben. Wie er die Szene so in seinem Kopf durchspielte, kam er sich einmal unsagbar lächerlich. Was für ein abstruser Gedankengang, denn wo war schon die Verbindung zwischen Kylo Ren und einem Flottenoffizier?

Vielleicht hatte sein Anblick etwas in ihr hervorgerufen. Eine tief vergrabene Erinnerung geweckt. Vielleicht hatte sie mal einen Bruder gehabt, welcher diesem Mann ähnlich sah. Und natürlich hatte es diesen jungen Offizier zutiefst verwirrt so unverhohlen von seiner Ehefrau angestarrt zu werden.

 

Vielleicht sollte er seinen vorherigen Scherz heute Abend doch noch wahr werden lassen. Es war nicht so, dass sie sich bisher gänzlich schlecht verhalten hatte, aber es bedurfte noch einiger Korrekturen ihrer Verhaltensweisen. Sie lächelte weiterhin viel zu viel. Hatte ihre kindische Furcht vor den Rittern Rens viel zu offen gezeigt. Es war ihm nicht entgangen, dass sie bei deren Eintreten die Hand der Admirals Gemahlin ergriffen hatte als sei ein kleines, ängstliches Mädchen. Dazu kam, dass er sich fast gewünscht hätte sie würde doch bei ihm Schutz suchen und nicht bei fremden Frauen, welche sie ihm abkaufen wollten. So sehr es ihn gestört hätte, wenn sie sich an ihn gepresst hätte, so sehr hätte er es auch gemocht. Es gefiel ihm als ihr Beschützer dazustehen. Es gab ihm ein angenehmes Gefühl von Macht und Dominanz über ihre kleine Existenz. Jenes Gefühl war durch ihre eigenmächtige Aufforderung zum Tanz erheblich gestört wurden. Und doch hatte sie es kurz darauf wieder geschafft ihn zu besänftigen. Ihm dieses Gefühl zurückgegeben. Nur um es jetzt wieder zu zerstören. An wen auch immer der Offizier sie erinnert habe, sie konnte hier nicht einfach irgendwelche fremden Männer anstarren. Sie konnte ihn nicht in eine solch unangenehme Lage bringen. Wieso konnte sie nicht einmal länger in der Spur laufen? Warum machte sie alles immer wieder kaputt?

 

Kurz dachte er, dass er vielleicht ein wenig zu streng mit ihr war. Denn er hatte ihr eingebläut sie habe sich wie eine Dame von Stand zu benehmen. Und diese durfte ihren Ehemann sicherlich zum Tanz auffordern und eigene Entscheidungen treffen. Aber tief in ihm drin wollte er überhaupt keine Dame von Stand um die er sich bemühen musste und die einen eigenen Willen hatte. Die sich aufmüpfig verhielt wie die Ehefrau von Admiral Griss. Eigentlich wollte er sie so wie sie war. Ein abhängiges und rechtloses Ding, das er heute Abend noch über das Knie legen konnte ohne dass es eine nennenswerte Konsequenz für ihn geben würde. Ohne dass ihm irgendwer Einhalt gebieten würde. Trotz seiner Hochanspannung zuckte es auf einmal zwischen seinen Beinen.

 

Fast waren sie an ihrem Tisch angelangt, als ihre Schritte langsamer wurden und sie sich zu ihm umdrehte. Nur zu gut konnte er sehen, dass sie sich ein gerade aufkommendes Lächeln wieder verkniff und trotzdem sagte sie: „Das war schön. Das gerade war wirklich schön. Ich wünschte wir könnten den ganzen Abend so weiter tanzen.“

 

Wohlwollen machte sich in ihm breit, verdrängte seinen Groll, verdrängte seine Bestrafungsphantasien.

 

„Das war es“, bestätigte er knapp und kam doch nicht umhin ein wenig zu lächeln. Sie drückte seine Hand und lehnte ihren Kopf kurz, viel zu kurz, an seine Schulter, nur um sich dann wieder zu straffen und gerade neben ihr hergehen.

„Jetzt muss ich mich aber wirklich setzen...“, murmelte sie und fuhr sich über das Gesicht, „... aber nachher... nachher tanzen wir weiter, ja?“

 

„Ja, das werden wir tun.“

 

Sie konnte ihm keinen Einhalt gebieten. Das war wahr. Aber es würde eine Konsequenz geben. Denn es war ihm, dass mit jedem Ausüben von körperlicher Gewalt etwas von ihrer lächerlichen „Liebe“ ihm gegenüber starb. Wahrscheinlich glaubte sie, dass er nichts von ihrer Veränderung bemerkt hatte. Aber das hatte er. Bemerkte es jedes Mal, wenn sie ihm sagte, dass sie ihn liebte. Seit dem kleinen Vorfall bei welchem er ein wenig seine Kontrolle verloren hatte, sagte sie es anders. Mechanischer, ohne diese Inbrunst vom ersten Mal. Und das obwohl eigentlich nicht viel passiert war. Das Chippen sollte eigentlich nur kurz schmerzen. Das ans Bettketten diente allein ihrer Sicherheit. Vielleicht hätte er nicht so grob seine Finger in sie einführen sollen, aber er hatte es wissen müssen, ob Ren sie nun gefickt hatte oder nicht. Schon alleine wegen der daraus resultierenden, obligatorischen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten. Wer wusste wo und in wem sich Ren in der Zwischenzeit herum getrieben hatte. Seine Augen wanderten zu dem langen Tisch an dem jener Ren, seine Ritter und diese Rey saßen. In ihr war er sicherlich drin gewesen und dem Gesundheitszustand einer Rebellin war nicht zu trauen. Also hätte sein Vorgehen auch für sie absolut nachvollziehbar gewesen sein sollen. Letztendlich hatte er auch zu ihrer Sicherheit gehandelt. Aber natürlich hatte sie sich mal wieder rein gesteigert und hatte so getan als habe er ihr sonst etwas Schlimmes angetan.

Sein Gedankengang wurde unterbrochen wie sie an ihrem Tisch angelangt waren. Mit einem leisen Seufzen setzte sie sich und ließ sich etwas undamenhaft in den Stuhl sinken. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Atmung ging schnell. Die Schwangerschaft tat ihr nicht gut, machte sie sowohl körperlich, als auch seelisch nur noch fragiler. Manchmal hoffte er insgeheim, dass sich das „Problem“ noch von alleine lösen würde. Die Vorstellung, dass ihr Zustand für die nächsten Monate so bleiben würde war ihm ein Graus.

Sogleich drückte er ihr ihr Glas Wasser in die Hand. Nicht aus Fürsorge. Eher aus Furcht, sie könne ihm hier ohnmächtig vom Stuhl kippen und ihn somit vor allen beschämen. Sie missverstand seine Geste als Fürsorglichkeit und lächelte ihn dankbar an. Sollte sie nur denken, dass er sich gerne um sie kümmerte.

„Sie sind eine wirklich gute Tänzerin!“, kam es direkt von ihrer Linken.

„Oh, meinen Sie?“

„Ja wirklich. Und dann haben Sie in so kurzer Zeit Ihrem Mann das Tanzen beigebracht. Erstaunlich.“

„Er ist ein guter Schüler. Das hat nichts mit mir und meinen Fähigkeiten zu tun“, antwortete sie und warf ihm einen kleinen Seitenblick zu. Liebevoll war dieser Blick und vielleicht auch ein bisschen stolz. Um ihre Aussage zu bekräftigen legte sich ihre Hand auf die seine. Unangenehm berührt wich er ihrem Blick aus und schickte sich an einen weiteren Whiskey zu bestellen. Seine Hand ließ er trotzdem unter ihrer liegen.

 

„Wer hat denn Ihnen das Tanzen beigebracht? Welche Schule haben Sie besucht?“, fragte die gute Francine und er wünschte sich diese Frau würde aufhören ihre ganzen Fragen zu stellen.

„Welche Tanzschule?“

„Genau, es gibt ja nur noch wenige, die die alten Tänze unterrichten.“

 

Armitage spannte sich an, wollte schon intervenieren, da antwortete Ada: „Meine Mutter hat es mir beigebracht. Jeden einzelnen Tanz.“

 

Eine Lüge natürlich. Sie war eine sehr gute Lügnerin. Etwas was ihm Sorge bereitete. Vielleicht log sie auch ihn mehr an als er dachte.

 

Und noch bevor sie sich mit einer weiteren Gegenfrage auseinander setzen musste, setzte sie ihr Glas auf dem Tisch ab, stand auf und erklärte ihre Hände waschen zu müssen und sich etwas zu essen holen zu wollen. Fragend, sah Ada ihn an, als hoffe sie, er würde ihr folgen, aber er wartete noch auf seinen Whiskey und außerdem war er irgendwie ganz froh einen kurzen Moment nicht mit ihr interagieren zu müssen. Er hatte das Gefühl sie sei hier ganz in ihrem Element was ihn zum einen ungemein erleichterte, zum anderen ungemein irritierte. Gestern noch hatte sie heulend vor ihm gesessen und nicht mehr gewusst welches Besteck sie zu wählen hatte, heute hatte sie ihm einen klassischen Walzer beigebracht und ihm irgendetwas von neoklassizistischen Komponisten erzählt. Die Frage, ob sie eigentlich ein Spiel mit ihm spielte drängte sich auf. Und wenn ja, wann spielte sie es? Jetzt oder wenn sie in seinen Räumen waren?

„Ich warte noch auf meinen Whiskey. Bringst du mir was mit?“, sagte er schließlich und es fühlte sich ganz sonderbar an sie zu bitten ihm etwas zu Essen mit zubringen. Sonderbar, aber gleichzeitig irgendwie gut.

 

Sie nickte und er sah ihr an, dass sie sich sehr über diesen Auftrag freute. Vielleicht etwas zu sehr freute.

Ada ging, ließ ihn mit seinen Gedanken zurück und ein leiser Seufzer entfuhr seinen Lippen. Erschöpft schloss er kurz seine Augen, spürte wie seine Schläfen pochten und genoss den Moment der Ruhe. Er hörte wie der Stuhl neben ihm verrückt wurde und wie Admiral Griss' Frau sagte: „Ihr Whiskey ist gleich da.“

 

Seine Augen öffnend blinzelte er sie kurz orientierungslos an, sah sein Glas vor ihm gestellt wurde und stellte fest, dass diese Frau nun plötzlich neben ihm saß.

 

„Woher kennt Ihre Frau den Neffen von Moden Canady?“

 

Bei den Namen Moden Canady durchfuhr es ihm heiß und kalt. War er doch wahrscheinlich für dessen Tod und dem Verlust der Fulminatrix mit verantwortlich.

 

„Was?“, stieß er schließlich angespannt hervor, „Was meinen Sie?“

„Auf der Tanzfläche der junge Mann mit dem ihre Frau Blicke ausgetauscht hat.“

„Meine Frau hat mit niemanden Blicke ausgetauscht.“

 

„Oh, ich bin mir ganz sicher darüber was ich gesehen habe. Ich hatte mir gerade etwas vom Buffet geholt und habe dabei noch einmal aus nächster Nähe zu sehen können was für ein Wunder Ihre kleine Frau mit Ihnen hier vollbracht hat. Und als ich mich gerade abwenden wollte, wurde ich Zeugin davon wie sich die beiden anstarrten als würden Sie sich kennen.“

 

Armitage wünschte sich, er wäre mit Ada aufgestanden und ihr gefolgt.

„Und?“, fragte er so lässig wie es ihm möglich war zurück.

 

„Ich wusste nicht, dass Ihre Frau Verbindungen zu alteingesessenen imperialen Familien hat. Beeindruckend.“

Er meinte ein wenig Spott in ihrer Stimme zu hören und antwortete genervt: „Was wollen Sie von mir?“

 

„Nichts. Gar nichts. Ich wollte nur meine Verwunderung mit Ihnen teilen. Es ist nämlich schon eine interessanter Zufall. Denn besagter Neffe hatte auch mal so eine kleine Freundin gehabt, an die mich Ada schon die ganze Zeit erinnert. Eine wirklich tragische Geschichte. Enric, erinnerst du dich noch daran?“

„Die Geschichte mit dem Bastard?“

Der Blick der Frau wurde etwas tadelnd und fast streng entgegnete sie: „Ich finde nicht, dass man so von unschuldigen Kindern reden sollte.“

 

Pryde lachte und zuckte mit den Schultern: „Wie heißt es doch gleich? ,Man soll das Kind bei dem Namen nennen.' Und der Junge ist nun mal ein Bastard. Kommt in den besten Familien vor.“

 

Armitage spürte wie sich seine Wangen erwärmten und schon bald heiß wurden. Redete sich noch ein es läge am Alkohol und wusste doch, dass es an der Scham lag, welche er immer stärker spürte. Und das Schlimmste war, dass es keine Fluchtmöglichkeit für ihn gab. Würde er jetzt aufspringen und gehen würde er sich nur offenbaren. Würde jeder wissen wie sehr er getroffen war.

 

„Mag sein, Enric. Aber einer Mutter ihr kleines Kind wegzunehmen um es als legitimen Erben verkaufen zu können, weil die Ehefrau sich als unfruchtbar entpuppte. Das ist was anderes.“

 

„Francine, wir entreißen jährlich tausende Kinder ihren Müttern um sie zu Soldaten auszubilden. Wo ist da der Unterschied?“

 

„Das ist etwas ganz anderes, Frantis!“

 

Dann wand sie sich ihm wieder zu und mit verständnisvoll mitleidigen Blick erklärte: „Mich hat das auch irgendwie an Ihre Lebensgeschichte erinnert.“

Es wäre ihm lieber gewesen diese Frau hätte in einem spöttischen, ihn lächerlich machenden Ton gesprochen, aber ihre Anteilnahme schien sie wirklich ernst zu meinen. Wie unangenehm, wie unsagbar unangenehm. Das Pochen seiner Schläfen nahm zu und er schaute sich nach Ada um. Zum Glück war sie nicht anwesend. Vom weiten sah er wie sie den Saal wieder betrat. Ihr Kleid funkelte in dem Licht, aufrecht und mit erhobenen Haupt steuerte sie das Buffet an.

Obwohl er nicht weiter auf das Gespräch eingegangen war, fuhr sie fort: „So ein komischer Zufall das Ganze. Das kleine Ding hatte auch so Ähnlichkeit mit Ihrer Frau. Sie hatte zwar ganz lange blonde Haare und war viel runder und jünger. Aber diese Art.... Vielleicht ging es dem jungen Mann vorhin einfach ähnlich und er hat Ihre Frau deswegen so angestarrt. Vielleicht hat sie ihn einfach an die Frau erinnert, die er so betrogen hat. Hoffentlich fühlt er sich schlecht.“

 

Armitage erinnerte sich daran wie diese Frau ihm damals erklärte hatte, dass sie darauf achten würde, dass ihr Sohn Ada, im Fall eines Kaufes, gut behandeln würde. „Ein bisschen Frauensolidarität sollte immer da sein“, hatte sie gesagt und er wusste jetzt, dass sie es wirklich ernst gemeint hatte.

 

Francines Sohn schien das Gefühl zu haben für jenen Neffen eintreten zu müssen und erklärte etwas entrüstet: „Ihn hat es auch sehr mitgenommen, Mutter. Das kann ich dir garantieren. Er ist eigentlich ein netter Kerl. Ich kenne ihn ja ganz gut. Nicht dass er es mir erzählt hätte, aber es ist ja einiges durchgesickert.“

 

Mutter und Sohn tauschten Blicke aus und streng sagte sie: „ , Eigentlich ein netter Kerl.` Habe ich dich so erzogen? Wenn er so nett gewesen wäre, hätte er ihr einfach das Kind zurück geben können.“

 

„Was hätte er denn machen sollen? Sein Vater...“

 

Francine hob ihre Hand und unterbrach ihren Sohn direkt: „Das sind alles nur Ausreden. Ausreden von Männern die keine Verantwortung übernehmen wollen.“

 

Damit war das letzte Wort gesprochen.

Alle anderen Männer hatten ohnehin schon die ganze Zeit geschwiegen und offenbarten sich somit jeder auf seine Weise. Stille sagte mehr als Worte. Schicksale von Huren interessierte hier keinen.

 

„Ich bitte Sie meine Ehefrau nicht mit irgendeinem Flittchen zu vergleichen“, entfuhr es Armitage schließlich ohne nachzudenken in einem mahnenden Tonfall. „Und ebenso bitte ich Sie, ihr nichts von dieser Geschichte zu erzählen. Das regt sie nur unnötig auf.“

 

„Natürlich werde ich ihr nichts davon sagen. Gerade in ihrem Zustand sollte man sich nicht unnötig aufregen.“

 

Seine Hand an seinen schmerzenden Kopf haltend, hätte er am liebsten laut geschrien. Hätte dieser verdammten Frau klar gemacht, dass sie nun endlich ihren Mund zu halten hatte. Aber er ignorierte seine brodelnde Wut und sagte nur „Gut“ und hoffte, dass der Rest am Tisch ihre Anspielung nicht verstanden hatten.

 

„A propos aufregen. Warum unterhält sich deine Frau eigentlich mit der Rebellin?“, fragte Pryde beiläufig.

 

„Was?“, entfuhr es ihm ungläubig nur um es dann selbst zu sehen. Seine kleine Frau stand da an dem riesigen Buffet mit einem Teller in der Hand und mit einem Abstand eines Meters neben ihr Rey. Hinter Rey zwei der Ritter die wohl als Aufpasser fungieren sollten. Sie alle standen mehr oder weniger mit dem Rücken zu ihnen, so dass es schwer war einen Blick in ihre Gesichter zu erhaschen.

 

„Sie unterhält sich nicht mit ihr! Sie ist nur zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Mehr nicht.“

 

„Mag sein, aber trotzdem hat die Rebellin sie gerade eben angesprochen. Ist das nicht komisch?“

 

„Komisch ist, dass unser Oberster Anführer noch nicht einmal so ein kleines Mädchen unter seine Kontrolle bringen kann und zulässt, dass so eine Person hier anständige Menschen belästigt.“

 

Wieder kurzes Schweigen von allen Seiten. Eine stille Zustimmung, die niemand offen zugegeben hätte.

 

Armitage spürte Panik in sich auflodern. Rebellen hatten seine Heimat zerstört, ihm seine Mutter genommen. Er würde nicht zulassen, dass sie ihm nun auch seine Ada nehmen würden. Dem Bedürfnis sein Mädchen beschützen zu müssen, stand er auf und war determiniert sie aus der Situation heraus zu holen. Aber sogleich ertönte Prydes Stimme neben ihm: „Warte noch einen Moment.“

 

„Auf gar keinen Fall werde ich...“

 

„Setz dich! Das ist ein Befehl!“

 

Der Soldat in ihm gehorchte sofort und ohne Zögern und setzte sich direkt wieder ihn. Der Ehemann oder Besitzer in ihm spürte eine selten gekannte Furcht um sein Eigentum. Aber er wollte sich nicht lächerlich machen, also verkniff er sich nun mit Pryde zu diskutieren und sich am Ende bloß zu stellen.

 

„Das ist doch mal eine Abwechslung. Wer weiß was die beiden zu bereden haben“, murmelte Pryde mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht.

 

Schnell korrigierte Armitage ihn erneut: „Ada redet nicht mit ihr. Sie ignoriert sie.“

 

Die Vorstellung jemand könnte am Ende noch seiner Frau unterstellen im Kontakt mit dem Widerstand zu stehen machte ihn nun noch zusätzlich nervös.

 

„Aber diese Rey scheint schon wieder mit ihr reden zu wollen...“

 

Admiral Griss' Frau warf ein: „Vielleicht ist sie einfach einsam und möchte sich mit jemanden austauschen?“

 

Alle lachten bis auf sie selber und Armitage, der nun immer nervöser wurde. Selbst wenn diese Rey gerade keinen Zugang zur Macht hatte. Sie könnte immer noch sein Mädchen angreifen und sie als Geisel benutzen. Beim Buffet gab es bestimmt genügend scharfe Messer. Angespannt beobachte er das Geschehen weiter, war stolz auf Ada, die sich ihre Teller auffüllte und so tat als befinde sie sich nicht in unmittelbarer, akuter Gefahr. Rey folgte ihr in gebührenden Abstand und befüllte sich den Teller ebenso. Man konnte sie schlecht ausmachen, da sie immer ein wenig von einen ihrer Begleiter verdeckt wurde, doch er konnte erkennen wie sie im nächsten Moment ihren Teller abstellte nur um ihre Hände zu ihren Zöpfen zu führen als müsse sie diese neu adjustieren. Nachdem sie fertig war streckte sie sich einmal kurz. Und während sie sich so streckte, war es ihm als sehe er eine Art Handzeichen, als strecke sie ihren Zeige- und Mittelfinger etwas abseits von den restlichen Fingern.

 

„Was war das? Das war doch gerade ein Zeichen.“

 

„Wie ich bereits vorhin sagte: ,Paranoid wie eh und je'“, lachte der Admiral und schien den Ernst der Lage nicht zu erkennen.

Armitage blickte zu Ren, welcher ebenso die beiden Frauen fixiert hielt, als passe ihm die Interaktion ebenso nicht wirklich. Langsam erhob dieser sich von seinem Stuhl, als überlege auch er einzugreifen.

 

Prydes Blick wanderte ebenso zu Ren, dann wieder zu den Frauen.

„Ich habe es auch gesehen“, sagte Pryde ernst.

 

„Sie hat sich doch einfach nur gestreckt“, warf Griss' Stiefsohn ein.

 

„Möglich. Oder aber auch nicht.“

Armitages Blick folgte Prydes und er sah wie Rey Ada wieder anzusprechen schien. Dieses Mal ignorierte diese sie jedoch nicht mehr, sondern entgegnete irgendetwas mit aufgeregter Mimik worauf Rey nur noch mehr auf sie einredete. Ada schüttelte nur immer wieder mit dem Kopf, der Teller glitt ihr aus den Händen, zerbarst auf dem Boden. Nahestehende Menschen wurden nun auch auf die Interaktion der beiden aufmerksam und stoppten in ihren Bewegungen und Unterhaltungen. Und dann geschah alles ganz schnell. Ada stolperte zurück, wand sich zum Gehen, Rey schrie ihr etwas hinterher, wollte hinterher hechten und wurde im nächsten Moment von ihren beiden Begleitern gepackt. Sie wehrte sich wie ein wildes Tier und kam doch nicht gegen die beiden Männer an.

„Jetzt reicht es mir!“, stieß Armitage hervor und stand auf nur um fest zustellen, dass sie schon vor ihm stand. Atemlos, mit roten Wangen und zitternd stand sie.

Aufgeregt ergriff sie seine Hand und sagte: „Wir... wir müssen hier weg.“

 

„Wieso? Was meinst du?“

„Ich... ich weiß nicht, aber wir müssen jetzt gehen. Jetzt.“

Kurz blickte sie in die Runde, schaute jedem in die Augen und sagte noch einmal: „Wir müssen hier raus.“

 

Armitage tauschte mit Pryde einen kurzen Blick aus, welcher wiederum zurück zu Ren blickte. Dieser war jedoch anderweitig beschäftigt und hatte die um sich schlagende Rey am Schlafittchen gepackt.

 

Ada zog nun an seiner Hand und hatte dabei eine Kraft von der er bisher nichts gewusst hatte. Und so wie er ihr beim Tanzen gefolgt war, folgte er ihr auch jetzt. Etwas was für ihn untypisch war. Aber etwas in ihrem Blick hatte ihm gesagt, dass jetzt keine Zeit für weitere Fragen waren. Doch noch einmal drehte er sich zu Pryde und seiner Tischgesellschaft um, denn er war immer noch General mit Verantwortung.

„Wir müssen den Saal räumen“, sagte er mit fester Stimme.

 

Die Frau von Admiral Griss lachte nervös auf: „Ich muss meinem Mann Recht geben. Sie sind wirklich paranoid!“

 

Noch in diesem Moment erfolgte eine gewaltige Explosion. Rauch füllte den Raum. Armitages Ohren klingelten und trotzdem hörte er Menschen schreien. Und schon war er zurück auf Arkansis. Schon war er wieder vier Jahre alt. Um ihn herum bewegten sich die Menschenmassen zu den Ausgängen.

 

Wieder eine Explosion, etwas traf ihn an seiner Schläfe und seine Beine gaben nach. Bevor er zu Boden ging fing ihn jemand auf. Dunkle Augen starrten ihn entsetzt an und um Armitage herum wurde es dunkel.

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