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Archive Warning:
Category:
Fandom:
Character:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Series:
Part 4 of Kurzgeschichten
Stats:
Published:
2021-12-12
Words:
7,698
Chapters:
1/1
Kudos:
1
Hits:
10

Unterwasser

Work Text:

“Was soll das heißen, der Urlaub fällt aus?”
Seine Mutter sah ihn verständnisvoll an: “Gregor, Schatz. Du weißt, dass gerade diese schlimme Krankheit umgeht. Das ist einfach zu gefährlich, du könntest dich auf der Reise anstecken.”
Schnaubend verschränkte er die Arme und vergrub sich in der Couch. Mit einem Seufzen widmete sich seine Mutter wieder dem Geschirr. Nach einem kurzen Blick nach draußen lächelte sie ihn jedoch breit an und bat ihn, die Tür zu öffnen. “Muss das wirklich sein?”, nörgelte er, doch da klingelte es bereits Sturm.
Also schälte er sich vom Sofa und schlurfte zur Tür. Durch das Milchglas der Haustür sah er eine Silhouette, die ihm nur allzu bekannt vorkam. Die Unlust, die er gerade noch verspürte, wich schlagartig heller Aufregung. “Onkel Ben!”, rief er begeistert, als er die Tür aufriss.
Mit einem breiten Grinsen streckte der riesige, blonde Mann die Arme aus: “Greg! Mein Großer, wie geht es dir?” Nachdem die beiden ihr Begrüßungsritual abgeschlossen hatten, stellte Ben seinen Rucksack ab und trat ins Wohnzimmer durch. “Philly! Hallo meine Liebe.”
Gregors Mutter legte das Handtuch beiseite und umarmte den Riesen. “Wie ich sehe, hast du die Reise gut überstanden. Wie bist du eigentlich hergekommen? Mit den Öffentlichen oder…?”
Schlagartig brachen aus dem Rücken des jungen Mannes zwei dunkelblaue Flügel hervor. “Was denkst du denn?”, lachte er lautstark. Dann drehte er sich zu Gregor um: “Wie sieht es aus, ist deine Tasche gepackt? Wir wollen doch ans Meer.”
Eiligen Schrittes sprintete der Jugendliche in sein Zimmer. In Vorfreude auf den Ausflug hatte er bereits eine große Reisetasche gepackt, in die er nur noch die letzten Reiseutensilien schmeißen musste. Keine zehn Minuten später stand er wieder unten. “Ich bin bereit!”
“Dann wollen wir mal”, zwinkerte sein Onkel ihm zu und wuschelte ihm durch die kurzen, braunen Haare. Schnell verabschiedeten sich beide von Gregors Mutter, dann ging es nach draußen. Kaum standen sie im Vorgarten, nahm Ben bereits die Gestalt eines Drachen an. Während Gregor es sich auf seinem Rücken gemütlich machte, wuchs der dunkelblaue Drache unter ihm auf eine stattliche Größe an. “Bist du bereit?”, brummte er fröhlich.
Gregor krallte sich an den Metallplatten auf Bens Rücken fest. “Mehr als bereit!”
Das war das Stichwort, auf das der Drachenwandler nur gewartet hatte. Mit wuchtigen Schritten lief er durch die lange Straße an den Einfamilienhäusern vorbei und hob schließlich ab. Begeistert sah Gregor nach unten, wie die Welt immer kleiner wurde. “Wenn es dir zu kalt wird, sag Bescheid”, dröhnte Bens Stimme in seinem Kopf.
“Alles klar!” Während sie so dahinglitten, erzählte Gregor eifrig von seinem Abschlusszeugnis und den ersten beiden Ferienwochen. “Ich war richtig traurig, als Mama vorhin meinte, dass aus unserem Ausflug nichts wird.”
“Naja, wegen dieser seltsamen Krankheit ist es wirklich nicht ohne, woanders hin zu reisen, da gebe ich ihr schon recht”, erwiderte Ben und sah kurz nach hinten. Das verschmitzte Grinsen, das sein riesiges Maul umspielte, konnte man wegen des Panzers auf seinem Kopf fast gar nicht erkennen. “Aber Ophelia weiß ja, dass mit mir an deiner Seite nichts Schlimmes passieren kann.”

“...und hier wären Ihre Schlüssel. Viel Vergnügen und einen schönen Aufenthalt wünschen wir Ihnen”, beendete der Portier seinen kleinen Mononlog.
Ben bedankte sich und lief zu seinem Neffen. “Komm, Großer, ab auf unser Zimmer.”
Der sprang schnell auf und lief dem großen Mann durch die langen Gänge hinterher. “Müssen wir auf irgendwas achten?”
In Kurzfassung ratterte Ben ihm die Auflagen herunter.
“Das geht ja noch. Zuhause müssen wir uns viel mehr einschränken.”
“Stimmt schon, halte dich bitte trotzdem ordentlich an alles, okay?” Mittlerweile waren sie an ihrem Zimmer angekommen. “Ich hoffe, getrennte Schlafzimmer sind dir genehm?”, grinste Ben ihn an.
Gregor gab ihm einen Knuff: “Du schläfst doch sowieso nicht.”
“Ist auch wieder wahr. Dann nehme ich das Kleine da hinten und du bekommst den Rest. Deal?”
Während sie auspackten, scherzten die beiden miteinander. Kurz darauf unternahmen sie ihren ersten Spaziergang am Strand.
“Wie ruhig es hier ist. Eigentlich ist um diese Jahreszeit immer Hochbetrieb”, staunte Gregor. Auch nach einer halben Stunde liefen ihnen nur vereinzelt Menschen über den Weg. Auf einer Seebrücke ließen sie schließlich den Blick über das endlos scheinende Meer schweifen.
“Hat doch was, wenn man einfach mal die Ruhe genießen kann, oder?”, stieß Ben ihn in die Seite. “Willst du deine Badeklamotten holen und mal ins Wasser springen?”
Also gingen sie zum Hotel zurück. Während Ben unten am Strand wartete, lief Gregor schnell zu ihrem Zimmer und sackte Handtücher sowie seine Badehose ein. Kaum trat er unten jedoch aus der Tür, sah er sich zwei weiß gekleideten Hünen gegenüber.
“Hallo junger Mann”, ertönte hinter ihnen eine knatschige Stimme. Sie gehörte einem schmächtigen Mann, der mit einem Klemmbrett auf ihn zutrat. “Hättest du die Güte, uns zu sagen, wo deine Eltern sind?”
“Ich stehe direkt hinter Ihnen”, grinste Ben auf ihn herab. ‘Keine Sorge, ich bin da’, hörte er die Stimme seines Onkels in seinen Gedanken. “Wie kann ich helfen?”
Erschrocken fuhr der schmächtige Mann herum, fasste sich jedoch schnell wieder. “Ah, sehr schön. Wenn ich mich kurz vorstellen darf: Ich bin Arzt in einer Forschungsstation, wir untersuchen die gerade grassierende Krankheit. Bei Ihnen und ihrem Sohn haben wir Anzeichen dessen festgestellt und würden Sie bitten, mit uns mitzukommen.”
Ben kniff die ungleichen Augen zusammen und sah auf das Blatt, was ihm sein Gegenüber hinhielt. “Woran machen Sie das fest? Weder Gregor noch ich zeigen Symptome.”
“Wir haben einen Schnelltest, gleich drüben an unserem Auto. Dann zeigen wir Ihnen, dass sie infiziert sind.”
Sofort darauf drängten die Hünen Gregor zu dem schwarzen Fahrzeug. “Hey, was soll das?”, rief er erschrocken. Als er sich umdrehte, sah er Ben mit verschränkten Armen dastehen.
Seine Hände färbten sich bereits schwarz, als er bedrohlich sagte: “Ihr lasst sofort meinen Neffen in Ruhe.” Ein eiskalter Lufthauch begleitete seine Worte. Wie angewurzelt blieben die Hünen daraufhin stehen, während er langsam näher kam. Bevor er Gregor jedoch erreichte, sauste ein kleiner Pfeil aus dem Auto auf ihn zu und traf ihn in der Schulter. Reflexartig griff er danach und zog ihn heraus, doch sackte er bereits zusammen.
“Ben!”, brüllte Gregor außer sich. Er tobte und wehrte sich gegen die wieder zu sich kommenden Männer, doch sie verfrachteten ihn ohne große Anstrengung in ihr Auto. Mit aller Kraft versuchte er, ihnen zu entkommen, als er plötzlich einen zarten Stich an seinem Arm spürte. Kurz darauf wurde er ohnmächtig.
Als er wieder erwachte, ruckelte das Auto leicht. Stöhnend griff er sich an den Kopf, während er vorsichtig versuchte, sich wieder aufzurichten. Er saß schwankend auf der Rückbank, sein Magen rebellierte plötzlich.
“Oh, du bist wieder wach”, ertönte die Stimme des schmächtigen Mannes aus dem vorderen Teil des Fahrzeugs. Ein kleines Fenster öffnete sich, durch das er nach hinten sah und direkt die Nase rümpfte. Sofort wandte er sich wieder um: “Sagt mal, was für eine Dosis habt ihr dem Jungen verabreicht? Halte sofort an, ich muss ihn mir anschauen.”
Auf diesen Befehl hin hörte das Ruckeln schlagartig auf, kurz darauf öffnete sich die Tür des Fahrzeugs. In seinem Delirium bekam Gregor mit, dass ihn die knochigen Hände des Mannes untersuchten. “Was… Ben...wo…?”, stammelte er.
“Deinem Vater geht es gut, er kommt mit einem anderen Fahrzeug nach”, gab der Schmächtige Auskunft. “Meine Güte, habt ihr die Dosis nicht angepasst? Naja, er wird sehr langsam wieder wach, es geht ihm gut. Wir fahren weiter!”
Gleich darauf ging das Ruckeln wieder los, was Gregors Schwindel noch verschlimmerte. Bis es endlich wieder aufhörte, übergab er sich mehrfach, doch immerhin klarte er wieder etwas auf.
“Da wären wir”, schallte es durch das kleine Fenster. Die Tür wurde aufgerissen und Gregor blinzelte in künstliches Licht. Schwankenden Schrittes trat er aus dem Auto und fand sich in einer Art riesiger Schleuse wieder, die vollständig von Metall ummantelt war.
“Ah, unsere Neuankömmlinge! Wir haben euch schon sehnsüchtig erwartet”, ertönte von einem gigantischen, halbrunden Metalltor eine ruhige Stimme. Sie gehörte einem Mann mittleren Alters, mit dicker Hornbrille und schwarzen Haaren. Er trug einen langen, weißen Kittel und ebenfalls ein Klemmbrett unter dem Arm.
Verdattert sah sich Gregor um. Tatsächlich war er nicht der einzige, der verschüchtert aus einem Auto ausstieg. Mit ihm befanden sich noch vier weitere Jugendliche in der seltsamen Schleuse, die jetzt langsam zu dem Mann im Kittel gingen.
“Sehr schön, fünf weitere Probanden. Kommt, kommt, nur nicht so schüchtern.”
“Wo sind wir hier?”, fragte eine der Jugendlichen. Sie nestelte nervös an ihrem Rock, die schulterlangen roten Haare fielen ihr dabei immer wieder ins Gesicht.
Der Mann im Kittel sah sie fragend an: “Aber ihr habt doch alle ein Video gezeigt bekommen. Hier forschen wir unter perfekten Bedingungen an der Krankheit und ihren Auswirkungen. Ihr alle seid ausgewählt, uns dabei zu unterstützen, da Kinder und Jugendliche, vor allem wenn sie zudem Wandler sind, nicht davon betroffen scheinen.”
“Hier sollen wir Urlaub machen? Das ist ja voll trostlos!”, rief ein moppeliger Junge, der scheinbar nicht ganz zugehört hatte.
“Wo sind meine Eltern? Sie sollten doch auch hier sein”, weinte die dritte, sie war fast noch ein Kind. Ihr schmaler Körper wurde immer wieder von heftigen Schluchzern durchgeschüttelt.
Nur einer der Jugendlichen lief direkt auf den Mann im Kittel zu. Sein Gang versprach große Selbstsicherheit, die sich auch in seiner aufrechten, muskulösen Statur wiederspiegelte. “Meine Güte, seid ihr alle kleine Kinder oder was? Also ich bin jedenfalls froh, meine Alten mal los zu sein.”
Gregor lief wutentbrannt auf ihn zu, soweit ihn seine Beine trugen. “Schön, da scheinst du aber der einzige zu sein”, lallte er den Muskelprotz an. Dann wandte er sich an den Weißkittel: “Ich weiß nicht, was das hier alles soll, aber ihr habt einen großen Fehler gemacht. In wenigen Minuten dürfte mein Onkel hier auftauchen und dann ist Schluss mit lustig.”
Verwirrt sah er den Jugendlichen an. Dann wandte er sich an die Fahrer von Gregors Auto: “Ist bei euch etwas dazwischengekommen?”
Der Schmächtige kam dazu und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Nickend wandte sich der Weißkittel daraufhin wieder an Gregor: “Keine Sorge, dein Onkel wird bald nachkommen. Aber egal, kommt jetzt, es gibt viel zu sehen.” Auf diese Worte hin öffnete sich hinter ihm das halbrunde Tor.
Dahinter erstreckte sich eine weitläufige Anlage, die einem Resort glich. Vom Tor aus führte ein breiter Steg zu einer kleinen Strandlandschaft. Dahinter standen kleine Hütten, an den verschlungenen Wegen wuchsen zahlreiche Pflanzen, die Gregor noch nie zuvor gesehen hatte. An den Weggabelungen standen hohe Holzschilder, die verschiedene Einrichtungen ausschilderten. Der Mann steuerte geradewegs auf ein großes, direkt neben dem Steg gelegenes weißes Gebäude zu. Hinter den gläsernen Schiebetüren verbargen sich allerlei medizinische Gerätschaften in jeweils durch Vorhänge unterteilten Räumen. “Dies hier wird der wichtigste Ort, zumindest für uns. Meine Kollegen und ich wollen jeden von euch jeden Tag mindestens ein Mal untersuchen. Den Rest des Tages könnt ihr auf dem Gelände draußen verbringen, wie ihr wollt.” Er verteilte kleine Flyer. “Hier könnt ihr nachsehen, was ihr hier unternehmen könnt. Unser Angebot steht dem in einem All-Inclusive-Hotel in nichts nach. Eure Eltern könnt ihr in dem Bereich weiter hinten treffen.”
Bevor irgendjemand von ihnen nachfragen konnte, wurden sie bereits wieder vor die Glastüren geschoben. Unschlüssig standen sie auf der Terrasse davor und sahen einander an.
Der muskulöse Raufbold ergriff als Erster das Wort: “Da drüben ist ein Café, lasst uns doch dort hingehen.”

“Also, ich bin Vincent, und ihr?”, eröffnete der Raufbold nach längerem Schweigen das Gespräch.
Alle sahen von ihren Milchshakes auf. “Ich bin Armin”, polterte der mollige Junge.
Davon angestachelt stellten sich auch die Mädchen vor: die schluchzende Schmale hieß Hanna, Yvonne war die mit den schulterlangen roten Haaren.
“Gregor”, brummte er als Letzter aus der Runde. “Mal ganz unter uns, seid ihr wirklich alle Wandler?”
Nacheinander nickten sie ihm verschüchtert zu.
“Und euch haben auch solche Schlägertypen einfach so mitgenommen?”
“Ach Quatsch, es kam so ein Arzt zu uns, der meine Eltern, meine Schwester und mich in dieses Resort hier eingeladen hat”, antwortete Yvonne. “Wir wurden dann aber mit getrennten Autos hergebracht. Ich wüsste nur zu gern, warum?”
Gregor sah auf seine Unterarme. Die Stelle, an der sie das Schlafmittel injiziert hatten, war noch deutlich zu sehen. “Uns haben sie gesagt, dass mein Onkel und ich infiziert wären. Aber das kann eigentlich nicht sein.”
“Sag mal, lallst du eigentlich immer so?”, stichelte Vincent ihn.
“Nein”, knurrte Gregor zurück, “nur haben die mich, im Gegensatz zu euch, entführt. Und meinen Onkel haben sie mit einem Betäubungspfeil außer Gefecht gesetzt.”
Hanna schlug die Hände vor ihr Gesicht: “Das klingt ja schrecklich! Zeig mal deinen Arm, ich kann da vielleicht helfen.” Vorsichtig begutachtete sie die Einstichstelle, dann legte sie ihre Hand darüber und kniff angestrengt die Augen zusammen.
“Wow, kannst du etwa heilen?”, staunten die anderen.
Hochkonzentiert nickte sie, dann nahm sie ihre Hand wieder von Gregors Arm. “Ich hoffe, es ist etwas besser?”
Er sah sich die mehr oder weniger verheilte Stelle an, dann lächelte er sie an: “Ja, danke dir.”
“Du hast dich also blöd gehabt”, meine Vincent mit verschränkten Armen. “Naja, kann uns ja egal sein. Was denkt ihr, wollen wir mal zu diesem Bereich gehen, wo unsere Eltern sein sollen?”
“Dein Onkel ist bestimmt auch dort”, strahlte Hanna Gregor an.
Also machten sie sich auf den Weg durch das Resort. Hanna und Gregor fielen etwas zurück, da er sich noch immer nicht von dem Schlafmittel erholt hatte.
Unterwegs fiel Yvonne schließlich etwas auf: “Kann es sein, dass wir uns in einer Kuppel befinden?”
“Wie kommst du denn jetzt da drauf?”, wunderte sich Armin. Er klebte schon die ganze Zeit an Vincents Rockzipfel.
Sie deutete auf die Wiese links von ihnen. “Schaut mal ganz da hinten. Das sieht doch aus, als ob da eine Glasscheibe in den Boden geht. Aber sie endet nicht, ich sehe zumindest keine Kante weiter oben.”
Neugierig schauten sie an die Stelle, auf die sie deutete. Tatsächlich war es, wie sie beschrieb. Eine fast nicht erkennbare Trennung auf der Wiese, hinter der ein kleines Waldstück begann. “Wahnsinn”, murmelten sie im Chor.
“Die wollen doch die Krankheit hier erforschen, oder?”, murmelte Vincent. “Dann sind wir vielleicht sozusagen in Quarantäne?”
“Ach, solange ich es mir hier gutgehen lassen kann, ist mir das alles egal”, lachte Armin und stolzierte weiter. Davon beflügelt setzten sie ihren Weg fort. Sie entdeckten eine Poolanlage, eine sehr kleine Wintersportanlage und einen Kletterwald. Endlich kamen sie auch dort an, wo laut der Karte der Bereich war, in dem sich ihre Eltern befinden sollten.
“Was soll das denn?!”, hörte Gregor Vincent lautstark brüllen, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Als Hanna und er die anderen einholten, sahen sie, was ihn so aufregte: Vor ihnen ragte eine riesige Glasscheibe in den Himmel, die ein großes Areal von ihnen abtrennte.
“Vielleicht gibt es ja woanders eine Tür?”, überlegte Yvonne, woraufhin sie direkt in zwei Richtungen davonliefen.
Hanna und Gregor blieben indes zurück und warteten ein paar Minuten. Sie erschraken fürchterlich, als es hinter ihnen plötzlich an das Glas klopfte. Hanna rannte sofort zu den beiden Erwachsenen, die dort standen. “Mama, Papa!”, rief sie, während ihr die Tränen kamen.
Schwankend stand Gregor auf und ging langsam zu ihnen. Das Glas war so dick, dass man sie nicht hören konnte, doch immerhin ihre Lippen konnte er lesen. Eine Fähigkeit, die seine Mutter ihm sehr früh beibrachte. “Sie fragen, ob es dir gut geht.”
Verwundert sah sie ihn an, verstand jedoch recht schnell. Eifrig nickte sie ihren Eltern zu und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
“Es gibt keinen Weg auf die andere Seite, das ist einfach nur eine einzelne große Scheibe”, meinte Armin, als er gleichzeitig mit den anderen wieder eintraf.
Gregor bedeutete ihnen, Hanna etwas Abstand zu geben, damit sie in Ruhe mit ihren Eltern kommunizieren konnte. “Ach, hat sie ihre Eltern auch gefunden?”, flüsterte Yvonne mit einem warmen Lächeln. “Meine sind auch hier, zusammen mit meiner Schwester. Aber wir kommen nicht zu ihnen, warum auch immer.”
Schweigend saßen sie da, bis Hanna wieder zu ihnen stieß. Noch immer war ihr Gesicht gerötet, doch sie schien recht gefasst. “Lasst uns mal zu dem Arzt-Typen gehen und fragen, warum wir da nicht rüber dürfen.”
Gemeinsam liefen sie wieder zurück in Richtung des Stegs, wo sie den Weißkittel vermuteten. Kurz bevor sie ihn jedoch erreichten, bebte plötzlich die Erde. Es war nur eine kurze Erschütterung, die aber alle von ihren Füßen hob.
“Seid ihr okay?”, rief Vincent den anderen zu. Langsam rappelten sie sich wieder auf, Yvonne und Hanna halfen Gregor auf, der noch immer sehr wackelig unterwegs war.
“Das kam vom Steg, oder?”, fragte Armin mit zittriger Stimme in die Runde. Sie liefen weiter zu ihrem Ziel, wo auch bereits die Ärzte aus dem Forschungszentrum herausgestürmt kamen, angeführt von dem Weißkittel.
“Geht bitte in eins der Häuser. Erdbeben sind nicht unüblich in dieser Gegend”, rief er ihnen zu. Sein Gesicht war kreideweiß. Ein weiteres Beben ließ alle erschrocken innehalten. Gebannt starrten sie zum riesigen Schleusentor, von dem ein widerliches Scharren ausging. “Irgendetwas will sich Zugang verschaffen. Holt die Blasrohre!”
Sofort stürmten einige der Erwachsenen los, während der Rest am Ende des Stegs Stellung bezog. Für einen kurzen Moment hörte das Scharren auf. Die gespannte Stille wurde schlagartig unterbrochen, als ein schwarzes, scharfes Etwas durch das Tor schnitt.
Während sich um sie herum Panik breitmachte, hellte sich Gregors Gesicht schlagartig auf. Torkelnden Schrittes bahnte er sich seinen Weg zu dem Steg, das Tor nicht aus den Augen lassend.
“Wo willst du hin? Die Typen haben doch gesagt…”
“Mein Onkel ist endlich da!”, rief er ihnen mit einem strahlenden Lächeln zu und lief weiter zum Tor.
Dort hatte das Etwas, was einem Finger glich, bereits einen mannshohen Riss im Metall verursacht. Gerade wollten die Erwachsenen nach vorn stürmen, um den Riss wieder zu verschließen, da durchbrach eine riesige, pechschwarze Hand das lavede Metall. Bis zum Ellenbogen schob das Wesen, das auf der anderen Seite des Tores lauerte, seinen Arm durch die größer werdende Öffnung. An den Seiten sprudelte Wasser hervor, was sich auf den Steg und daneben ergoss.
“Hier sind die Blasrohre!”, rief plötzlich einer der Erwachsenen dem Weißkittel zu. Schon gingen sie in Position und nahmen den Arm, der das Tor und den Steg abtastete, ins Visier.
“Ben, Achtung, die haben Pfeile!”, brüllte Gregor aus vollem Hals, woraufhin der Arm innehielt. Gleich darauf hagelte ein Schwall an Betäubungspfeilen auf den Arm nieder.
Für einen kurzen Moment schien es, als würde der Wandler auf der anderen Seite zusammensacken. Doch kurz, bevor der Arm auf dem Steg aufschlug, hielt er an und zeigte den Leuten den riesigen Stinkefinger. Dann wurde er schlagartig in das Loch zurückgezogen, aus dem plötzlich ein gigantischer Schwall Wasser sprudelte.
Gregor torkelte auf den Steg und schob sich an den verdattert aussehenden Erwachsenen vorbei. Der Weißkittel versuchte kurz, ihn aufzuhalten, doch ein Husten hinter ihm ließ ihn erschrocken herumfahren, sodass Gregor seinen Weg fortsetzen konnte. Begeistert lief er auf den jungen Mann zu, der klatschnass aus dem Loch trat.
“Meine Güte, du machst Sachen!”, lachte Ben, als er Gregor in seine Arme schloss. Er ließ den Jugendlichen kurz los und hustete einmal stark, was einen kleinen Schwall Wasser zutage förderte.
Verdattert sah Gregor ihn an und fragte: “Wieso ich, was machst du für Sachen? Und warum bist du so nass?”
Dafür erntete er erst einen verdutzten Blick, dann sah sein Onkel sich etwas genauer um. “Oh, verstehe! Raffiniert, euch glauben zu lassen, ihr wärt in einem Waldstück!” Er kniff die Augen zusammen und sah zu den weiß gekleideten Erwachsenen. “So, wer von euch ist hier verantwortlich?”
“Doktor Hudson mein Name”, erwiderte der Weißkittel mit einem leichten Zittern in der Stimme. “Ich bitte Sie hiermit, umgehend von hier zu verschwinden, sonst müssen wir härtere Geschütze auffahren.”
“Wenn es sowas ist wie die Froschsabber, mit der ihr die Betäubungspfeile spickt, dann spart euch die Munition.” Mit diesen Worten hob Ben seinen linken Arm und entledigte sich der Pfeile, die noch in seiner Haut steckten. “Apropos”, er wandte sich an seinen Neffen, “haben die dich auch betäubt? Deine Pupillen sind so groß.”
Schnell nickte Gregor und zeigte seinen Unterarm. “Eines von den Mädchen da hinten konnte zumindest die kleine Wunde heilen.”
Ben sah sich fix um und entdeckte die anderen Jugendlichen. Grinsend zeigte er ihnen einen Daumen nach oben, dann wandte er sich wieder an seinen Neffen. “Warte, das könnte noch mal kurz wehtun”, meinte er und stach vorsichtig in die Stelle. Mit einer schnellen Handbewegung strich er über seinen Oberkörper und zog so das restliche Schlafmittel aus seinem Körper. “So, das hätten wir. Jetzt wieder zu euch…”, wandte er sich den noch immer perplexen Erwachsenen zu.
“I-ich muss Sie erneut bitten, die Forschungsstation zu verlassen”, rief der Weißkittel ihm zu.
“Nachdem ich den weiten Weg durch den Ozean auf mich genommen habe? Ich glaube kaum.” Langsamen Schrittes lief er auf den Pulk an Menschen zu. “Ihr taucht einfach auf, entführt meinen Neffen, versucht das Gleiche bei mir und wollt mir zudem eintrichtern, ich hätte dem zugestimmt.”
Der Weißkittel wich immer weiter zurück. “Ihr Sohn ist ein perfekter Proband für die Erforschung der Krankheit. Ihm und den anderen Wandlern wird der Durchbruch in der…”
Ben unterbrach ihn forsch. “Er und die anderen Wandler? Habt ihr Lack gesoffen?” Da er darauf nicht sofort eine Antwort bekam, seufzte er: “Erstens, er ist mein Neffe. Ich habe also keine direkte Autorität, einem solchen ‘Ausflug’ wie diesem zuzustimmen. Und zweitens, wie kommt ihr darauf, dass er ein Wandler wäre?”
Nach Fassung ringend sah der Weißkittel nach hinten und winkte den schmächtigen Mann herbei, der Gregor entführt hatte.
“N-nun, wir haben eind-d-deutig feststellen können, dass er ein W-w-wandler ist”, stammelte er vor sich hin. Gleichzeitig hielt er sein Klemmbrett in die Höhe, von dem der Weißkittel vorlas.
“‘Laut Portier wirken die beiden wie Vater und Sohn, auch wenn sie nicht den gleichen Nachnamen tragen. Bei einem Strandausflug stellten wir zudem fest, dass es sich bei dem Jungen wie bei dem Vater um Wandler handelt, weswegen sie als Probanden infrage kommen.’ Was meine Leute analysieren, ist unfehlbar.”
“Also entweder habt ihr einen echt schlechten Fähigkeitenerkenner oder eure Analysen sind einfach Mist. Mein Neffe ist kein Wandler.”
“Das glauben Sie vielleicht, aber…”
“Das sehe ich.”
Verdattert sah der Weißkittel ihn an. “Sie... was?”
Ben trat ein gutes Stück näher und strich sich den dichten Pony aus dem Gesicht, was sein blindes Auge und die dreiteilige Narbe darüber freilegte. “Ich habe einige Erfahrung damit, Wandler oder Leute mit Fähigkeit zu erkennen. Was auch immer ihr gesehen haben wollt, es stimmt nicht.”
Der Weißkittel wich ein paar Schritte zurück, dann räusperte er sich. “Sie sind also ein Seher. Schön und gut. Ich wüsste nur trotzdem gern, wie Sie hierher gekommen sind. Ihre Wandlergestalt scheint mir nicht passend für einen so langen Tauchgang.”
Ben sah ihn kurz verdattert an, dann lachte er laut los: “Ach, ich dachte, ihr könntet die Gestalten von den Leuten sehen? Nur zu.” Daraufhin winkte er seinen Neffen heran und schob sich durch die Massen. “Hier sind noch mehr von euren Opfern, was?”, meinte er, während er auf die anderen Jugendlichen zulief.
Verschüchtert wichen sie zurück, nur Vincent streckte die Brust heraus und fragte forsch: “Wieso Opfer? Wir sind freiwillig hier!”
“Ah, ein Stier. Schön, dass du die anderen beschützt. Aber ich glaube, ihr seid nicht freiwillig von euren Eltern getrennt, oder irre ich mich da?”
Hinter ihnen ging wieder einiger Tumult los. Sie hörten den Weißkittel rufen: “Was soll das?!” Dann ein Scheppern. Neugierig drehte Gregor sich um und sah, dass er eine seltsame Maschine auf den Boden geworfen hatte. “Das Gerät muss kaputt sein, holt sofort ein Neues!”
Schlagartig lachte Ben los. “Ein Gerät?! Ich dachte, ihr hättet wenigstens einen… wie nennt ihr die noch gleich? Seher? Einen von denen in eurer Truppe.” Dann wandte er sich an die Jugendlichen: “Kommt, wir gehen euch mit euren Eltern vereinen. Und dann nichts wie weg hier.”
Während der große, blonde Mann eifrig losstiefelte, dicht gefolgt von seinem Neffen, drehten sich die anderen verunsichert zu den Erwachsenen hinter ihnen. “Und was ist mit denen?”, fragte Hanna kaum hörbar. Sie erschrak, als sie sah, dass die Leute wie in der Bewegung eingefroren schienen.
Ben winkte sie alle heran: “Kümmert euch nicht um die. Das machen die hier.” Neben ihm waren mehrere kleine, klobig aussehende Drachen aufgetaucht, denen er nun ein Handzeichen gab, woraufhin sie losstürmten. “Die Starre hat nur eine gewisse Reichweite. Aber ein Golem kann selbst agieren”, grinste der große Mann ihnen zu. Fröhlich pfeifend lief er weiter, die anderen zögerlich hinterher.
Während sie liefen, schloss Yvonne zu Gregor auf. “Was ist er?!”, flüsterte sie ihm zu.
“Ben? Er ist mein Patenonkel”, strahlte er sie an.
Vincent hinter ihm polterte: “Nein, was ist er? Wandler können doch nur eine Fähigkeit…”
“Ich habe auch nur eine Fähigkeit”, erwiderte der blonde Mann.
“Entschuldigung, das waren mindestens… Also, es waren echt viele!”, echauffierte sich Armin. So schnell er konnte, lief er an Ben vorbei und plusterte sich vor ihm auf. “Was soll also das geheime Getue?”
Er hielt kurz inne. “Entspann dich, kleiner Stinker. Oder willst du die anderen vor Aufregung auch einnebeln?”
“Sti-...?”, stammelte Armin.
Yvonne stellte sich dazu. “Hallo?! Was soll denn das?”, regte sie sich auf. “Stinker, also das…”
“Was denn? Er ist nun mal ein Stinktier”, gab Ben verdutzt zurück. “Ihr wurdet doch ausgesucht, weil ihr Wandler seid beziehungsweise zumindest sein solltet. Oder irre ich mich da, junge Rehdame?”
“Ich wüsste gern, wieso sie ausgerechnet mich dann ausgesucht haben”, überlegte Gregor währenddessen.
Daraufhin legte ihm sein Onkel die Hand auf die Schulter. “Wenn ich das richtig gesehen habe, benutzen die hochtechnologische Brillen. Das Problem damit wird sein, dass sie das, was sie sehen, nicht richtig interpretieren können.” Er lief wieder los und erzählte währenddessen weiter: “Als wir am Strand waren, haben die uns scheinbar beobachtet. Dabei haben sie wahrscheinlich meine Aura falsch interpretiert und dir eine von meinen Gestalten zugewiesen.”
“Gestalten?!”, tönte es von den anderen Jugendlichen.
Der große Mann ignorierte diese Empörung und lief einfach weiter. Auf ihrem weiteren Weg löcherten sie ihn durchweg mit Fragen, doch er ging nicht weiter darauf ein. Also versuchten sie, über Gregor etwas herauszubekommen, doch auch er schwieg sich aus. Sein Onkel hatte ihm schon früh eingebläut, seine Fähigkeit nicht zu erklären. In der Vergangenheit gab es häufiger Schwierigkeiten deswegen, weshalb er mittlerweile nur noch engen Vertrauten wie seiner Familie davon erzählte.
“Ist das hier der Bereich mit euren Eltern?”, tönte der große Kerl nach einer Weile. Eingehend musterte er die riesige Glaswand, während sich die Jugendlichen hinter ihm aufbauten.
Vincent stemmte die Hände in die Seiten. “Ist es. Aber da kommst du nicht durch, ohne das ganze Glas zu zersplittern.”
“Ich seh’s schon”, murmelte Ben und tastete das Glas in einer halbkreisförmigen Bewegung ab. Dann drückte er kurz dagegen, woraufhin die Fläche, die er eben abgetastet hatte, einfach nachgab. “Wie gut, dass ich das nicht machen muss”, grinste er die überraschten Teenager an.
Von dem Tumult angelockt tauchten mehrere Familien an dem geschaffenen Durchgang auf. Sofort rannten die Jugendlichen zu ihren Eltern und umarmten sie innig.
Auch Ben drückte Gregor bei diesem Anblick kurz an sich, dann wandte er sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren. “Ich glaube, wir bekommen Besuch.”
Tatsächlich tauchten kurz darauf die Weißkittel hinter ihnen auf. Es waren deutlich weniger als eben am Steg, sie wirkten zudem recht abgekämpft. “Die… die Wand”, stammelte Hudson, ihr Anführer, beim Anblick des Durchgangs. “Was haben Sie getan?!”
“Die Kinder mit ihren Familien vereint, wonach sieht es denn sonst aus?”, erwiderte Ben und verschränkte die Arme.
“Machen Sie das sofort rückgängig!”
Kurz sah sich der blonde Riese nach hinten um. “Wenn ihr hier mit mir eingesperrt sein wollt, gern. Ich habe damit kein Problem”, grinste er daraufhin breit.
Mit geweiteten Augen rief Hudson jedoch: “Sie verstehen nicht…”
Ein Husten hinter der Glaswand unterbrach den Weißkittel schlagartig. Hannas Mutter krümmte sich unter einem Hustenanfall, ihre Familie kümmerte sich besorgt um sie.
“Wir müssen die Kinder von den Eltern trennen, sofort!”, befahl der Wissenschaftler seinen Mitarbeitern. Dann wandte er sich an Ben: “Ich bitte Sie, verschließen Sie das Loch wieder, sonst wird sich die Krankheit ungehindert hier ausbreiten!”
Der junge Mann zog nur skeptisch die Augenbrauen zusammen und sah sich nach der Familie um. Die anderen Familien haben bereits gehörigen Abstand zu ihnen eingenommen. “Was waren noch einmal die Symptome der Krankheit?”, fragte er in die Runde.
Gregor überlegte kurz, dann erwiderte er: “Husten, Ausschlag, generelle Schwäche… Es war ziemlich schwammig, was genau dazugehört.”
“Bis auf den Ausschlag klingt das ja wie eine normale Erkältung”, murmelte sein Onkel und lief auf die Familie zu, dicht gefolgt von Gregor und den Weißkitteln. Bei ihnen angekommen hockte er sich vor Hannas Mutter, die bereits am Boden kauerte. “Darf ich kurz?”, meinte er leise und legte seine Hand auf ihren Kopf.
“Sind Sie jetzt auch noch Wunderheiler?”, schnaubte der Weißkittel hinter ihm.
Schon streckte er die Hand aus, um ihn zur Seite zu schieben, doch Ben blaffte ihn nur an: “Fass mich an und du erfährst das andere Extrem meiner Fähigkeiten.” Passend zu dieser Aussage verwelkte das Gras unter seinen Füßen schlagartig, woraufhin Hudson erschrocken zurückwich. Dann wandte der blonde Riese sich wieder der Frau vor ihm zu. “Es ist wirklich eine Erkältung. Aber so stark…” Kurzentschlossen nahm er seine Hand von ihrem Kopf und begann plötzlich, ihre Bluse aufzuknöpfen.
“Hey, du Lustmolch, was fällt dir ein?!”, fuhr ihr Mann ihn an. Sofort packte er Bens Hand und drohte ihm mit der Faust.
“Sie hat einen Ausschlag auf der Brust, den will ich mir anschauen”, entgegnete der junge Mann ruhig. Wie beiläufig sah er wieder zu der Frau, die sich nun selbst mit entrücktem Gesichtsausdruck die Bluse aufknöpfte.
“Darling, was machst…?”
“Oh, interessant!” Ben hatte sich aus dem Griff des Mannes befreit und betrachtete den Hautausschlag eingehend. Dann wandte er sich zu den Weißkitteln um: “Ihr habt doch sicherlich ein Labor oder so etwas hier, oder?”
Verdattert sahen die Weißkittel einander an, bis einer von ihnen meinte: “Ja, vorn am Steg.” Dafür kassierte er einen kurzen Klaps auf den Hinterkopf von seinem Vorgesetzten.
“Die Geräte dort unterliegen strengen Auflagen und sind sehr kompliziert. Ein Laie wird damit nicht viel anfangen können”, schnaubte Hudson triumphierend.
Ben zog nur seine Augenbrauen hoch, dann stand er auf und kramte in seiner Hosentasche. “Wie alt sind die Geräte?”
Der Weißkittel verschränkte die Arme. “Sie sind auf dem neuesten Stand, erst im letzten Jahr entwickelt. Wenn Sie es genau wissen müssen, sie basieren auf einer Technologie, die erst vor drei Jahren von einem hochkarätigen Team an Wissenschaftlern entwickelt wurde.”
“Hat uns ja auch einige Zeit gekostet”, murmelte der blonde Kerl und hielt ihm ein Foto unter die Nase. “Es ist nicht zufällig so eine Maschine hier darunter?”
“Das… ja, aber… Wie?”, stammelte Hudson, während er immer wieder zwischen dem Bild und Ben hin und her sah.
Gregor konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Das Foto kannte er genau, es war ein Schnappschuss aus dem Labor, in dem sein Onkel arbeitete. Seine Kollegen und er standen darauf um einen Kasten herum, der eine Revolution in der Labortechnik darstellte, wie er es ihm einmal erklärt hatte.
“Darf ich jetzt in euer Labor und ein Gegenmittel für die Krankheit herstellen?”, fragte Ben ungeduldig und steckte das Bild wieder in seine Brieftasche zurück.
“N-n-nach Ihnen”, stotterte der Weißkittel und geleitete ihn höchstpersönlich zu dem großen, weißen Gebäude am Steg. Gregor folgte ihnen, ebenso wie die Mitarbeiter von Hudson. Die Jugendlichen blieben dagegen mit ihren Eltern auf der anderen Seite der Glaswand.
Als sie schon eine Weile liefen, hielt Hudson plötzlich inne. “Moment… Sie sind Laborassistent, oder? Ein Foto allein beweist noch gar nichts, am Ende sind Sie nur Putzkraft!”
Daraufhin blieb auch der blonde Riese stehen. Seufzend drehte er sich zu dem Weißkittel um. “Wenn dir der Name Benjamin Müller nichts sagt, dann kann ich dir auch nicht helfen.”
Echauffiert meinte Hudson: “Natürlich sagt mir der Name etwas, Herr Müller ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Mikrobiologie. Ein bemerkenswerter Mann, dessen Forschung uns hier in gewissen Teilen weiterhilft, nicht zuletzt wegen der von ihm entwickelten Maschinen.”
“Na also. Dann lasst mich an den von mir entwickelten Maschinen auch arbeiten.”
Diese Antwort ließ den Weißkittel verächtlich schnauben. “Pah, wen versuchen Sie hier zu täuschen? Herr Müller forscht bereits seit…”
“...über vierzig Jahren. Als du noch in deinem Strampler gesteckt hast, hab ich schon mehrere Jahre lang Proben untersucht und Forschung auf verschiedenen Gebieten betrieben.” Mit diesen Worten wandte Ben sich wieder um. Bevor er loslief, murmelte er Hudson noch zu: “Ich sehe schon dreihundert Jahre so aus, ob du es glaubst oder nicht.”
Verdattert stand der Weißkittel da, dann fing er sich wieder und holte zu dem blonden Mann auf. “Sie sind niemals…!”
Mitten im Satz packte Ben ihn plötzlich am Kopf. “Bin ich, und jetzt Schluss mit dem Unsinn.” Für einen Moment schloss er seine ungleichen Augen, dann ließ er von Hudson ab und wandte sich an Gregor. “Komm, die halten uns nur auf.” Binnen eines Augenblickes wurde aus dem riesigen Kerl ein jugendlich aussehender Drache.
Freimütig kletterte Gregor auf seinen Rücken, dann hob er eilig ab. “Was hast du eben mit dem Typen gemacht?”, erkundigte sich der Jugendliche.
Sein Onkel wandte den schuppigen Kopf und grinste ihn breit an: “Wir haben Erinnerungen ausgetauscht. Wird vielleicht etwas viel für seinen Kopf gewesen sein, aber ich hab im Gegenzug alles über das Labor erfahren.” Kaum hatte er den Satz beendet, landeten sie bereits. “Willst du dabei sein?”, fragte Ben, während er sich zurückverwandelte.
Eifrig nickte Gregor, woraufhin sie zielstrebig in das Labor liefen. Als würde er schon immer dort arbeiten, lotste der große Kerl sie durch die weißen, menschenleeren Gänge. Vor einer gläsernen Schiebetür hielt er schließlich inne und zeigte seinem Neffen schnell, wie er sich im Labor verhalten musste.

“Kommen Sie sofort da raus!”, ertönte eine geschlagene halbe Stunde später die Stimme des Weißkittels vor dem Labor.
“Ach, hat er sich von dem Schock schon erholt?”, lachte Ben und schüttelte unbeeindruckt das Reagenzglas weiter.
Gregor, der seinem Onkel in den letzten Minuten bereitwillig zur Hand ging, hielt kurz inne. “Was werden die jetzt machen?”, fragte er mit neugierigem Blick aus den großen Fenstern.
“Lass es uns herausfinden.” Mit einem kurzen Handzeichen bäumte sich ein unbenutzter Tisch hinter ihnen auf und nahm plötzlich menschliche Gestalt an. Ben lief dort hin, stupste der Gestalt an den Kopf, woraufhin diese scharf einatmete und nach draußen lief.
Durch das Fenster beobachteten sie, wie der Golem der zahlenmäßigen Übermacht an Forschern gegenübertrat. “Was gibt es denn?”, ertönte es von Ben, der Golem draußen bewegte sich entsprechend mit.
Hudson senkte das Megafon, das er eben noch vor seinem Mund hielt und redete energisch auf den Golem ein.
Da die Scheiben allerdings zu dick waren, konnte Gregor ihn nicht verstehen. Kurz zuckte er zusammen, als Ben ihm seine Hand auf den Kopf legte.
Dann drang klar und deutlich Hudsons Stimme an seine Ohren: “Ich hoffe sehr für Sie und den Jungen, dass dort drin noch alles sauber ist. Los, schnappt ihn euch!”
Ohne Widerstand ließ sich der Golem festnehmen.
“Was auch immer das für Tricks vorhin waren, so leicht lasse ich mich nicht beeinflussen. Ich hoffe für Sie, dass Sie einen guten Anwalt haben. In eine Hochsicherheitseinrichtung des Landes einzudringen, ist immerhin eine beachtliche, wenn auch strafbare Leistung.”
“Ich hab keine Türsteher gesehen, die mir hier den Eintritt verboten hätten”, gab der Golem gelangweilt zurück, während die Weißkittel an ihm herumrissen. “Nur, weil das Ding hier auf dem Grund des Ozeans steht, heißt das noch lange nicht, dass es hier kein einfaches Reinkommen gibt.”
Das Gesicht von Hudson nahm schlagartig eine überaus gesunde Farbe an, als er in sein Megafon brüllte: “Das ist schon die maximale Sicherheitsstufe!”
“Dafür bin ich aber sehr leicht hier reingekommen.”
Gregor entfuhr ein Lachen über Hudsons Gesichtsausdruck, während dieser entgeistert auf den Golem starrte.
Der belebte Tisch war mittlerweile zu Boden gerungen, als es plötzlich unter den Händen eines Forschers unangenehm knackte. Erschrocken zuckte er zurück, den abgebrochenen Arm ließ er dabei fallen.
“Hey, jetzt macht ihr eure eigene Einrichtung kaputt”, lachte Ben durch den Golem. Dann löste er seine Hand von Gregors Kopf und bedeutete ihm, dass sie fertig waren. Also liefen sie gemächlich nach draußen, während dort alle noch irritiert den Golem betrachteten.
Vor der Tür wurden sie jedoch schlagartig von den Weißkitteln umringt. “Das hätten wir uns ja denken können, dass Sie wieder einen miesen Trick benutzen.” Hudson klang diesmal außerordentlich siegessicher.
“Sagt derjenige, der uns mit Betäubungspfeilen ruhig stellen will”, erwiderte Ben gelassen und verbog mit Daumen und Zeigefinger den Lauf des Betäubungsgewehrs, was auf ihn gerichtet wurde. “Naja, kann mir egal sein. Wenn ihr aber noch ein einziges Mal Hand an meinen Neffen legt, wird euch das Leid tun.”
“Das werden wir wohl müssen, wenn wir Sie beide der Polizei übergeben.”
Daraufhin lachte der blonde Riese lauthals los. “Die Polizei?! Ach bitte, das wird nichts bringen.”
Die Siegesgewissheit wich einem leichten Zittern in Hudsons Stimme: “Wieso sollte es nichts bringen? Dem langen Arm des Gesetzes…”
“... dürfte ich selbst hier bekannt sein. Aber lassen wir die Vergangenheit und ihre unschönen Auswüchse und konzentrieren uns lieber auf das Jetzt. Soweit ich weiß, wollt ihr hier nach einem Gegenmittel für diese Krankheit suchen?”
Das brachte den Weißkittel wieder in Rage: “Haben Sie in den letzten Stunden nicht aufgepasst?!”
“Man wird ja wohl noch mal nachfragen dürfen”, grinste Ben und hob ein kleines Reagenzglas in die Höhe. “Hier habt ihr eure Medizin. Das, mit dem ihr euch so erfolglos herumschlagt, ist nichts anderes als ein mutiertes Bakterium, was normalerweise nur Reptilien befällt. Scheint allerdings jetzt eine Affinität für Reptilienwandler entwickelt zu haben, von denen es sich munter auf andere Menschen verbreitet.”
Um sie herum brachen die Forscher in aufgeregtes Getuschel aus.
“Hanna als Gecko-Wandlerin war bereits symptomlos infiziert und hat die Krankheit auf ihre Eltern übertragen”, fügte Gregor an, bevor er sich freudestrahlend an Ben wandte. “Nicht wahr?”
Der Riese nickte ihm liebevoll zu, dann drückte er einem der Forscher das Reagenzglas in die Hand. “Wir haben euch drinnen eine genaue Zusammensetzung dagelassen, mit der ihr das Medikament in größeren Mengen erstellen könnt. An dem Impfstoff müsst ihr selbst forschen. Aber ihr wisst ja jetzt, wonach ihr schauen müsst, nicht wahr?” Mit diesen Worten drängte er die Forscher beiseite und lief mit seinem Neffen auf den Steg zu.
“Halt!”, schallte Hudsons Stimme durch das Megafon.
Genervt drehte Ben sich um. “Was ist denn jetzt noch?”
“So einfach werden Sie nicht davonkommen! Sie werden sich vor Gericht verantworten müssen!”
“Gern. Ihr kennt ja meinen Namen, also tut euch keinen Zwang an.” Daraufhin wandten sich Onkel und Neffe endgültig zum Gehen.

“E. Hudson, der Entdecker der Dermareptitis, über seinen Forschungserfolg”, las Gregor einige Tage später aus den aktuellen Nachrichten vor.
“Pff, nicht mal wissenschaftliche Ehre hat der Idiot”, schnaubte der riesige Drache, auf dessen Rücken er sanft über die seichten Wellen trieb. Er sah nach hinten zu der großen Luftmatratze, die an seinen Rückenplatten festgemacht war. “Ich würde noch etwas tauchen gehen, kann ich dich allein lassen?”
“Na klar, ich lasse mich langsam wieder zum Strand zurücktreiben”, grinste sein Neffe ihn an. Als Ben ihm daraufhin zunickte, sammelte er schnell das Buch und die Zeitung ein und krabbelte auf die Luftmatratze.
Nachdem er auch das Seil von Bens Rücken gelöst hatte, schrumpfte dieser und tauchte ab. Für einen kurzen Moment streckte er, nun in Gestalt eines Werkrokodils, seinen Kopf noch einmal aus dem Wasser. “Wenn was ist, bin ich sofort wieder da.”
“Alles klar!”, bestätigte Gregor fröhlich, dann tauchte sein Onkel gänzlich ab. Der Jugendliche machte es sich dagegen auf der Matratze bequem und las den Artikel bis zum Ende durch. “Was für ein Unsinn”, murmelte er, als er fertig war. Dann legte er die Zeitung beiseite und widmete sich seinem Buch.
Ein lautes Brummen ließ ihn nach einer Weile aufhorchen. Der Strand war mittlerweile in für ihn erreichbarer Nähe, also legte er sein Buch weg und setzte sich etwas auf. Vom Hafen, den er hinter einer kleinen Landzunge erahnen konnte, näherte sich ein Boot. Es schien direkt auf ihn zuzuhalten.
Schnell hob er die Arme, um auf sich aufmerksam zu machen. Trotz dass sein Onkel sich sofort um ihn kümmern würde, auf die Schmerzen einer Kollision konnte er verzichten.
Doch das Boot änderte seinen Kurs nicht. Noch immer hielt es auf ihn zu, wurde jedoch immer langsamer. Einige Meter entfernt von ihm kam es schließlich zum Stehen, dann wurde der Motor ausgeschaltet. “Ah, Gregor!”, ertönte Vincents Stimme vom Bug.
Armin und Yvonne tauchten neben ihm auf. Die rothaarige Jugendliche rief ihm zu: “Das ist ja eine Überraschung! Was machst du denn hier?”
Ungläubig starrte der Jugendliche zu ihnen hoch: “Ben und ich genießen den Rest unseres Urlaubs. Wolltet ihr nicht auch mit euren Familien noch…?”
“Machen wir grade!”, jauchzte Armin und deutete auf die Kajüte. “Wir haben mit dem Typen vereinbart, dass wir das Resort noch nutzen konnten und haben jetzt, als Entschädigung, noch fünf Tage die Yacht hier!”
“Dein Onkel hat dort ja ganz schön für Aufsehen gesorgt. Direkt, als ihr weg wart, sind die ganzen Wissenschaftler abgereist, Hanna und ihre Familie auch”, erklärte Yvonne eifrig. “Aber sag mal, wo ist…”
“So sieht man sich wieder”, erklang hinter den drei Jugendlichen plötzlich Hudsons Stimme.
Gregor saß stocksteif auf seiner Luftmatratze, als er den Wissenschaftler sah. Anders als bei ihrer ersten Begegnung trug er Badekleidung, zusammen mit einem grell gemusterten Hawaii-Hemd. “Was machen Sie hier?”, fragte der Jugendliche so ernst wie möglich. Es war unheimlich schwer, sich bei dem Anblick ein Lachen zu verkneifen.
“Den Kindern eine Entschädigung für ihre Unannehmlichkeiten gewähren. Meine private Yacht ist dafür, denke ich, gerade ausreichend.” Hudson lehnte sich betont lässig auf die Reling und sah zu Gregor hinab. Der leicht süffisante Ausdruck in seinem Gesicht entging dem Jugendlichen dabei nicht. “Und du hast auch deinen Spaß, wie ich sehe? Wärt ihr nicht sofort wieder abgehauen, hättet ihr jetzt auch Anrecht auf diese Entschädigung gehabt.”
Gregor sah kurz auf seine Luftmatratze, dann zurück zum Boot. Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht. “Ich habe meinen Spaß. Du doch auch Ben, oder?”
Verwundert sahen die Leute auf der Yacht einander an, bis ihnen die Gestalt auffiel, die neben ihrer Nussschale aus dem Wasser ragte. Vincent und Armin rannten schreiend zur Kajüte, Yvonne folgte ihnen ängstlich. Nur Hudson blieb an Deck und sah dem riesigen, schwarzen Skelettwesen direkt in die glühend roten Augen.
“Natürlich, die Unterwasserwelt hier ist herrlich”, erklang Bens Stimme von dem Giganten. Es sah so aus, als würde er mit angewinkelten Beinen im Wasser eines Planschbeckens sitzen, fast sein gesamter Körper ragte aus den Wellen hervor. “Mit so einem lauten Teil verscheucht man ja fast alles Lebendige, da kann man das Meer doch gar nicht richtig genießen.”
Sein Neffe nickte bestätigend. Dann fiel ihm etwas ein: “Wie geht es denn Hannas Mutter?”
Hudson hatte den Blick immer noch starr auf den verwandelten Ben gerichtet, seine Stimme wurde bei der Antwort etwas brüchig: “Wir… wir haben sie heilen können.”
“Das ist schön zu hören”, meinte Ben und stützte sich auf seine Knie. “Hat euch also die kleine Zusammenstellung von uns beiden helfen können. Immerhin gab es ja ein Interview von Ihnen, Doktor Hudson.”
Der Wissenschaftler schluckte schwer. “Nun ja… W-w-warten Sie kurz.” Er legte sich fast der Länge nach auf die Nase, als er zur Kajüte taumelte.
Ben und Gregor warfen einander einen belustigten Blick zu, dann schrumpfte der riesige Wandler schlagartig. Für einen Moment verlor Gregor ihn aus den Augen, dann tauchte er als Werkrokodil neben ihm auf. Im Gegensatz zu vorher reichte ihm das Wasser in dieser Gestalt bis über die Brust. “Mal schauen, was das jetzt wird”, brummte er.
Einige Augenblicke stolperte Hudson wieder aus der Kajüte, seine Gäste lugten vorsichtig daraus hervor. Verwundert sah er an die Stelle, an der Ben vorher saß.
Das nutzte Ben, um ihn erneut zu foppen. Abermals wechselte er seine Gestalt, diesmal in die des riesigen Drachen. Das Wasser schlug einige Wellen und brachte das Boot zum Schaukeln.
Erschrockenes Quieken von seinen Mitreisenden ließ Hudson schlagartig herumfahren. Beim Anblick des gepanzerten Drachen fiel der Wissenschaftler auf seine vier Buchstaben. “Wa-wa-wa-...?”
Schlagartig brachen Gregor und Ben in schallendes Gelächter aus.
Der Wissenschaftler berappelte sich schnell, strich sein Hawaiihemd glatt und trat an die Reling. Den riesigen Drachen ließ er dabei nicht aus den Augen. “Für meine… also, eigentlich Ihre außerordentlichen Leistungen wurde mir eine Förderung zuteil, die ich jedoch nicht nur für mich behalten will. Deswegen… Dieser Scheck ist für Sie.”
Mit zusammengekniffenen Augen beugte sich Ben zu ihm herunter, woraufhin Hudson einen kurzen Satz nach hinten machte. Dann richtete sich der Drache etwas auf, breitete die Flügel aus und schrumpfte schlagartig in sich zusammen. Mit hektischem Geflatter landete er auf der Reling, wo er sich teilweise zurückverwandelte. Seine dunkelblauen Klauen gruben sich in das edle Holzgeländer, als er seine Hand zu Hudson ausstreckte: “Zeig mal her, den Wisch.”
Für einen Moment war es ruhig, während der blonde Riese die Summe auf dem schmalen Zettel anstarrte. “Dürfte ich noch eine Frage…”, durchbrach Hudson die Stille.
“Schieß los”, erwiderte Ben, ohne den Blick von dem Zettel zu lösen, den er jetzt langsam in seinen Händen drehte.
“Sie… Also, wie kann es sein, dass… Das muss doch eine Illusion sein.”
Jetzt ließ der riesige Kerl den Scheck sinken. Gregor konnte das breite Grinsen auf seinem Gesicht nur erahnen. “Eine Illusion könnte nicht mit der Umgebung interagieren, außerdem flimmern die immer leicht.” Plötzlich tönte seine Stimme zweimal über das Deck. “So wie der da”, lachte der originale Ben und deutete auf ein Abbild, was neben Hudson aufgetaucht war.
Erschrocken holte der Wissenschaftler danach aus, wodurch es sich schlagartig in Luft auflöste. Kurz erholte er sich von dem Schreck, dann hakte er nach: “Aber das… Es gibt keine Wandler, die so riesig werden können!”
“Doch, nur halte ich sie so gut es geht vor neugierigen Wissenschaftlern geheim”, meinte Ben verschwörerisch, dann warf er den Scheck in Richtung des verdutzten Hudson. “Spende das Geld lieber, ich hab genug. Und überleg dir lieber zweimal, ob du noch einmal eine Studie mit unfreiwilligen Probanden starten willst.” Mit diesen Worten ließ er sich hintenüber von der Reling fallen. Es platschte leicht, als er ins Wasser eintauchte, kurz darauf tauchte wieder der große Krokodilkopf neben Gregors Luftmatratze auf. “Und wir beiden Hübschen gehen jetzt noch unseren Urlaub genießen.”

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