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Uli lief schnellen Schrittes über den menschenleeren Flur, froh darüber das niemand ihr in die Quere kam. Sie war so unglaublich wütend das sie es an niemand anderem außer Eva auslassen wollte. Sie hatte die letzte halbe Stunde ihrer Abschiedsparty damit verbracht immer wieder so unauffällig wie möglich in Richtung Tür zu blicken, jedes Mal mit der stillen Hoffnung das Eva doch noch auftauchen würde.
Minutenlang hatte sie dem belanglosen smalltalk zugehört, genickt und gelächelt während sie nur mit halbem Ohr zugehört hatte und sich insgeheim wünschte ihre Chefin noch ein letztes Mal zu sehen - aber Eva tat ihr den Gefallen nicht. Sie hatte ihr Sektglas geleert und den verstohlenen Blick ihres Mannes ignoriert, wissend das er genau wusste auf wen sie wartete. Uli hatte sich noch ein letztes Mal umgesehen, hatte sich vergewissert das sie vorerst keiner vermissen würde und ging in Richtung Küche aus dem Raum - niemand würde auf die Idee kommen dies in Frage zu stellen.
Jetzt stand sie vor dem Büro ihrer Chefin und versuchte ein paar Mal tief durchzuatmen bevor sie ihrem Ärger Luft machte.
Was glaubt diese Frau eigentlich wer sie ist? Dachte Uli.
Sie konnte ihre Enttäuschung nicht leugnen, spürte diesen dumpfen Schmerz in ihrer Brust, weil Eva nicht gekommen war um sich wenigstens zu verabschieden. Uli legte ihre Hände an die Tür - drinnen war es still.
Was, wenn sie gar nicht da ist? Sagte eine Stimme in ihr leise.
Wenn sie ehrlich war wusste sie gar nicht so genau was sie eigentlich von Eva wollte. War sie tatsächlich nur verletzt, weil sie nicht zur Party erschienen war? Was hatte sie denn erwartet nachdem was zwischen ihnen passiert war?
Nachdem ich sie geküsst habe, dachte Uli und schloss für einen Moment die Augen.
Während ein Teil von ihr immer wieder dachte das der Kuss ein Fehler gewesen war flüsterte die leise Stimme zärtlich das sie es wieder tun würde. Uli wusste das genau dies der Grund für ihren Ärger war; dieses ungewohnte und doch so schöne Verlangen nach dieser Frau und auf der anderen Seite ein Pflichtbewusstsein ihrem noch-Ehemann gegenüber. Sie wusste das es schon vorbei gewesen war lange bevor Eva in ihr Leben getreten war, aber sie hatten beide versucht an etwas festzuhalten das nicht mehr existierte. Es hatte Uli eine gewisse Sicherheit gegeben, etwas auf das sie sich Verlassen konnte und das man von ihr erwartete und jetzt war dieser Teil weg.
Obwohl Uli wusste das es zwischen ihr und Jeremy nie wieder so sein würde wie noch vor einigen Jahren machte ihr der Gedanke loszulassen Angst. Sie spürte wie das Herz in ihrer Brust schneller schlug und für einen Moment drehte sich alles um sie herum.
Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus. Sie war müde und erschöpft von der Unruhe die sie spürte seit dem sie Eva geküsst hatte, von der ständigen Zerrissenheit die sie tief in ihrem Inneren fühlte. Sie hasste es die Kontrolle zu verlieren, dieses Gefühl der Ohnmacht, wenn sie in den frühen Morgenstunden wach lag und nicht wusste wie es weitergehen sollte. Sie war es gewohnt genau zu wissen was sie wollte und es war diese Unsicherheit die sie so wütend machte.
Natürlich war es einfach Eva die Schuld zu zuschieben. All das wäre nicht passiert, wenn Eva nicht im Hotel aufgetaucht wäre.
Und dann? Dachte Uli und ein kurzer Anflug von Resignation machte sich breit.
Sie wollte sich nicht ausmalen wie es in Zukunft hätte enden können, wenn Eva nicht alles vollkommen auf den Kopf gestellt hätte. Vielleicht hätte sie weiterhin in ihrer Sicherheit gelebt, sich auf das verlassen das sie kannte und akzeptiert das es genau so zu sein hatte. Sie hätte vielleicht gar nicht in Betracht gezogen das es für sie noch etwas anderes gab und wäre eines morgens aufgewacht mit dem Wissen das sie so nicht weiterleben konnte, hilflos zusehend wie ihre kleine heile Welt um sie herum langsam in sich zusammen fiel.
Uli schüttelte den Kopf und ballte ihre Hände zu Fäusten.
Sie hätte sich wenigstens verabschieden können, dachte Uli mit einem Anflug von Bitterkeit.
Kurz nach dem Moment in der Küche hatten sie sich darauf geeinigt wie erwachsene Menschen damit umzugehen und sich eingeredet das es nichts bedeutet hatte, aber Uli wusste das nie wieder etwas so sein würde wie vor dem Kuss.
Sie war wütend und verletzt und sie verlangte eine Antwort von ihrer Chefin. Kurzentschlossen drückte sie die Bürotür auf, erleichtert das diese nicht verschlossen war. Sie klopfte nicht an und betrat das Büro ohne noch eine weitere Sekunde zu zögern.
„Kannst du mir mal sagen wieso du nicht zu meiner scheiß Abschiedsparty kommst?“ fragte sie mit lauter Stimme und stand bereits mitten im Raum als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Es dauerte einen kurzen Augenblick bis Uli klar wurde das Eva nicht an ihrem Schreibtisch saß. Erst jetzt bemerkte Uli das sie auf dem Sofa am Fenster saß und sich kaum rührte als Uli ungefragt in ihr Büro gestürmt war. Irritiert betrachtete Uli sie für einige Sekunden, aber Eva machte noch immer keine Anstalten auf die Frage einzugehen oder ihr wenigstens ein paar Augenblicke ihrer Aufmerksamkeit zu schenken.
„Kannst du jetzt nichtmal mehr mit mir sprechen?“ fragte Uli etwas ruhiger und trat näher heran. Sie schaffte es kaum die Enttäuschung in ihrer Frage zu verstecken. Eva saß einfach nur da mit gesenktem Kopf und betrachtete ihre Hände in ihrem Schoß. Für eine Sekunde schien es als würde sie etwas sagen wollen doch dann schwieg sie weiter. Für einen Moment war sich Uli nicht mehr sicher, die Wut die sie noch vor wenigen Augenblicken gespürte hatte war verschwunden; sie wusste das etwas nicht stimmte.
Langsam kam sie näher bis sie direkt vor der blonden Frau stand doch sie sah nicht zu ihr auf. Sie blickte weiterhin stur auf ihre Hände, neigte ihren Kopf ein wenig zur Seite und atmete zitternd ein. Wieder spürte Uli diesen Schmerz in ihrer Brust, allerdings war die Ursache diesmal eine andere. Sie konnte Evas Traurigkeit und den Schmerz fühlen auch wenn sie nicht wusste wo genau dieser herkam. Von der selbstsicheren, sie in den Wahnsinn treibenden Chefin die auf unverschämte Weise ihr Essen für das eines Anderen ausgegeben hatte war nicht mehr viel übrig.
Vor ihr saß eine zutiefst verletzte Frau die für einen kurzen Moment nicht mehr genügend Kraft hatte gegen alles und jeden anzukämpfen - nicht mal gegen sich selbst und Uli wünschte sich nichts sehnlicher als ihr all diesen Schmerz abnehmen zu können. Sie ging vor Eva auf die Knie um sie ansehen zu können.
„Eva?“ flüsterte sie sanft und sah sie fragend an. Ihr ganzer Ärger war längst verflogen.
Es dauerte noch einige Zeit bis Eva leise sprach.
„Ich hab‘s versucht,“ sagte sie leise. Sie sprach langsam, ihr ganzer Körper schien angespannt zu sein und jede Bewegung, jedes gesprochene Wort kostete sie unglaublich viel Kraft.
„Was ist passiert?“ wollte Uli wissen und versuchte noch immer eine sinnvolle Erklärung für all das hier zu finden.
„Ich konnte einfach nicht,“ sagte Eva kaum hörbar mit brüchiger Stimme. Sie hob den Blick, sah Uli jedoch nicht an. Es schien fast als wäre sie gar nicht da, als würde Eva durch sie hindurch sehen.
Eva kam sich albern vor wie sie da saß und sich nicht rührte obwohl sie dieser wunderbaren Frau sagen wollte wie leid es ihr tat und das sie nicht wollte das Uli ging, aber sie schaffte es nicht. Sie war bereit gewesen ihre eigenen Gefühle zu verdrängen um noch einen Tag länger so zu tun als wäre alles vollkommen in Ordnung - als würde sie innerlich nicht gänzlich an all dem zerbrechen. Sie war bereit gewesen ein Lächeln aufzusetzen und ihrer Rolle als Chefin gerecht zu werden, so wie es sich nun mal gehörte aber sie konnte einfach nicht mehr.
Als sie so da saß und versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen das Uli bald nicht mehr ein täglicher Teil ihres Lebens sein würde und das sie die nächsten Stunden die Rolle der zufriedenen und abgeklärten Chefin spielen würde hatten sie ihre letzten Kräfte verlassen. Sie spürte das beengende Gefühl in ihrer Brust, das Gefühl von all der Last erdrückt zu werden, und sie fand keine Kraft mehr um die letzten Schritte zu gehen.
Sie wusste das sie ihre Gefühle viel zu lange verdrängt hatte und das es sich früher oder später rächen würde. Die letzten paar Jahre, insbesondere die jüngste Vergangenheit, waren nicht spurlos an ihr vorbei gegangen auch wenn sie sich das immer wieder eingeredet hatte. Sie war zutiefst verletzt worden und hatte keine Kraft mehr um sich diesem lähmenden Gefühl zu widersetzen.
Jeder Zentimeter ihres Köpers schmerzte und sie war vollkommen erschöpft. So sehr das sie nicht mal mehr die Kraft hatte ihr Büro zu verlassen also saß sie einfach nur da in der Hoffnung das es vorbeigehen, und irgendwann vielleicht, nicht mehr so wehtun würde. Sie konnte kaum atmen und spürte vor lauter Verzweiflung Tränen in den Augen.
Sie konnte es nicht weiter ertragen, dieses ständige Ankämpfen gegen irgendetwas; das Gefühl das unzählige Menschen auf sie einredeten und etwas von ihr wollten, aber niemand hörte ihr zu. Gleichzeitig war da dieses Gefühl von Leere das sich in ihr ausbreitete; sie fühlte tausende Dinge und doch fühlte sie gar nichts. Sie hing irgendwo dazwischen fest und fragte sich verzweifelt wie sie jemals wieder dort herauskommen sollte.
„Ich… Ich hab es versucht,“ sagte Eva erneut und ihre Stimme zitterte. Immer wieder berührte sie nervös ihr Gesicht. „Es tut mir leid… es… ich kann einfach nicht mehr.“
„Es ist okay,“ sagte Uli leise. Sie sah tief gerührt zu Eva hinauf und spürte erneut eine Welle der Zuneigung für diese Frau. Bevor sie richtig realisierte was sie tat hob sie eine Hand und strich Eva eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Eva,“ sagte sie mit sanfter Stimme.
Ich bin es. Bitte lauf nicht vor mir weg. Bitte versteck dich nicht.
Evas Blick hob sich und endlich sah sie Uli an. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag sah sie die Frau vor sich wirklich an. Sie spürte die sanfte Berührung an ihrer Wange als Uli die Haare zur Seite strich. Dann begann sie zu weinen.
Plötzlich war alles wieder da und selbst wenn sie gewollt hätte, sie konnte nicht dagegen ankämpfen. Sie spürte die Tränen auf ihren Wangen und ihr ganzer Körper zitterte. Ihre Umgebung verschwamm hinter einem Schleier aus Tränen und irgendwann spürte sie wie sie jemand in den Arm nahm. Die Anspannung in ihr nahm ein wenig ab und sie spürte den warmen Körper der sich schützend an sie schmiegte. Sie saß auf dem Boden vor dem Sofa und war so unglaublich müde. Vorsichtig lehnte sie sich zurück in Ulis Arme die sie noch immer hielten und sie von hinten umarmten. Eva merkte wie die Anspannung in ihrem Körper langsam nachließ und sich der Nebel in ihrem Kopf allmählich verzog. Für einen Moment hatte sie das Gefühl wieder klarer denken zu können.
Eva drehte langsam ihren Kopf und sah Uli schweigend an. Dann lehnte sie sich zu ihr und küsste Uli sanft. Sie konnte und wollte nicht mehr weglaufen. Eva legte eine Hand auf Ulis und seufzte. Sie wusste nicht wie lange sie schon so da gesessen hatten, aber sie wollte nicht das etwas diesen Moment zerstörte. Irgendwann würde der Punkt kommen an dem sie über all das sprechen mussten und es würde weh tun, aber das durfte nicht heute sein.
