Work Text:
Adam war sich ziemlich sicher, dass Leo eigentlich nur noch wenig über ihn wusste, so wie er jetzt war. Er wusste, dass Adam sich oft in Schwierigkeiten begab, und dass er nicht ganz klar im Kopf war. Er wusste wahrscheinlich auch, was im Gefängnis passiert war. Hatte mit Sicherheit irgendwelche Überwachungsvideos aus dem Knast gesehen, auf denen er auseinander genommen wurde. Er wusste, dass Adam nicht der Beste war, wenn es um Kommunikation ging.
Aber was in den letzten 15 Jahren passiert war, das wusste er nicht.
Es war auch nicht wirklich wichtig. Normalerweise. Jetzt stand Adam in Leos Badezimmer, überfordert und mit Schmerzen in der Hand, die er sonst nur von früher kannte. Der Wasserhahn tropfte laut in der Stille, die nur ab und zu von Adams abruptem Ein- und Ausatmen unterbrochen wurde. Er war sich sicher, dass er keine Hilfe brauchen würde, sich auszuziehen und zu waschen. Der Gips durfte nicht nass werden, aber Leo hatte ihm Wasser in die Badewanne laufen lassen und er müsste nur seinen Arm über Wasser halten.
Eigentlich.
Wenn er es endlich schaffte sich tatsächlich auszuziehen. Es konnte doch nicht so fucking schwer sein, seine eigene Hose einhändig auszuziehen, sein T-Shirt hatte er schließlich auch über den Kopf bekommen. Adam riss frustiert an seinem Knopf und fluchte, als er es nicht schaffte mit seinen zitternden Fingern den Knopf zu lösen. “Meine Fresse..”, zischte er. So inkompetent war selbst er sonst nicht. Er hatte früher viel schlimmere Verletzungen durchlebt und war noch zum scheiß Schulsport gegangen. Verweichlicht wie er jetzt war konnte er nichtmal mit seiner heilen Hand die Hose öffnen. Erbärmlich.
Er war versucht mit seiner Faust gegen die Fliesen der Badwand zu schlagen, konnte sich aber zurückhalten. Leo war nicht weit entfernt und würde mit Sicherheit nach ihm sehen wollen, wenn er mit einem lauten Krachen seine Hand an der Wand zerschmettern würde. So überdramatisch musste er jetzt auch wirklich nicht reagieren. Auch wenn er merkte, wie sein Puls in die Höhe schoss und sein Atem schneller kam. Es war nur ein Knopf. Ein Knopf und seine Hand zitterte so sehr, dass er sich in seiner Jeans festkrallen musste, um nicht komplett durchzudrehen.
Wie sollte er sich so waschen? Er musste endlich wieder unter Wasser, das wusste er selbst. Seine Haare klebten an seinem Kopf und er war sich sicher, dass er immernoch nach Schweiß, Blut und Dreck roch. Er war eklig. Er war dreckig. Er musste endlich den ganzen Gefängnisscheiß von sich waschen, aber er bekam nichtmal den Knopf seiner fucking Hose auf, und Leo war immernoch irgendwo in der Wohnung. Der hatte ihn auch nur aus Mitleid mit zu sich genommen, nach allem was passiert war. Wahrscheinlich war er schon genervt davon, dass Adam das Badezimmer schon so lange blockierte, ohne überhaupt irgendwas zu machen, außer laut zu atmen.
Seine gesunde Hand löste sich von der Hose und griff stattdessen in seine Haare, stumpfe Fingernägel kratzten über seine Kopfhaut. Adam vermisste seine kantigen Nägel, dann hätte er wenigstens etwas Schmerz gespürt, der ihn beruhigen könnte. Er riss an seinen Haaren, bis das scharfe Ziehen durch seinen Kopf zog und ihm den Atem wegnahm. Er musste sich einfach nur beruhigen.
Adam bohrte seine Nägel so gut es ging in seine Kopfhaut, versuchte sich genug zu kratzen, dass es schmerzte, bevor er wieder an den langen Strähnen zog. Er spürte das Pochen seiner Kopfhaut und das Brennen der Risse in seiner Haut, während er stockend ausatmete. Tief durchatmen. Er musste sich beruhigen und dann konnte er weiter machen. Einfach-
Es klopfte an der Tür.
“Adam? Alles ok bei dir?”
Scheiße. Fuck. Seine Hand flog von seinem Kopf weg, während er sich schnell in die Richtung der Tür drehte. Adam sah, wie Leo den Türgriff von der anderen Seite aus runter drückte, und musste sich stark zusammenreißen nicht zu schreien. Er hatte immernoch nichts geschafft. Er stand immernoch reglos mitten im Badezimmer. Das Wasser war bestimmt schon kalt. Leo müsste ihn nur einmal ansehen und er wüsste, dass Adam zu nichts zu gebrauchen war. Am Ende würde er ihn rauswerfen. Adam hätte garnicht mit ihm herkommen sollen.
Er räusperte sich und hoffte, dass er Leo irgendwie zurück halten konnte. "Ja, alles gut. Du brauchst nicht rein kommen.", gab er als Antwort zurück und hörte sich trotz seiner Anstrengung an als hätte er Kieselsteine geschluckt. Es brachte auch nichts, denn Leo hatte die Tür schon geöffnet und stand mit der Hand immernoch auf der Klinke im Bad. Kurz stockte er und sah Adam einfach nur an, dann schüttelte er den Kopf.
"Ist irgendwas?", fragte er. Adam wusste, dass Leo schon wusste, dass etwas nicht stimmte. Mit ihm stimmte immer irgendwas nicht. Er fragte nur aus Höflichkeit und vielleicht auch Hoffnung, dass Adam es endlich auf die Reihe bekam, endlich mal was zu sagen. Adam schüttelte den Kopf und fuhr sich mit seiner rechten Hand durch die Haare, um diese nach seiner Aktion wieder etwas zu richten. Er ignoriert den Schmerz gekonnt.
"Ne, alles gut. War in Gedanken." Leo hob eine Augenbraue und Adam musste sich zwingen nicht unter seinem prüfenden Blick in sich hinein zu sinken. "Aha. Und über was hast du nachgedacht?" Adam hatte viel zu viel gedacht in den letzten Tagen. Es war auch viel zu viel passiert. Er hatte eigentlich gar keine Lust mehr zu denken und würde am liebsten einfach in ein Bett fallen und schlafen. Vielleicht auch mit Leo. Auch wenn das natürlich nur eine Wunschvorstellung war.
Es gab auf Leos Frage allerdings auch eine sehr einfache, halb-gelogene Antwort. "Knast. Onkel Boris. Die Drecksau, einfach was in den letzten Tagen alles passiert ist. Da gibt's genug zum Denken, ist ja viel passiert." Er wedelte mit seiner eingegipsten Hand in der Luft, um seinen Punkt zu verdeutlichen und Leos Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig von prüfend zu besorgt und mitleidig. Sofort fühlte er sich schlecht, denn das hatte er jetzt auch nicht gewollt.
"Aber geht schon. Gibt schlimmeres. Ich hoffe nur, das Wasser ist nicht kalt.", sagte Adam und versuchte so etwas vom Thema abzukommen. Seine Hand zitterte immernoch etwas. Er hoffte Leo hatte es nicht bemerkt, auch wenn er sich da nicht so sicher sein konnte, da Leo ihn vorhin von oben bis unten gemustert hatte, als er die Tür reinkam. Jetzt ging er weiter ins Bad und schloss die Tür hinter sich, bevor er zur Wanne ging und einmal die Hand hinein hielt.
"Ist noch lauwarm, sollte gehen wenn man etwas heißes Wasser hinzugibt.", meinte Leo und machte sich auch gleich an die Arbeit. Adam lehnte sich gegen die kalten Fliesen hinter sich, während er Leo dabei zusah. Adams Beine machten langsam schlapp, Erschöpfung zusammen mit den Schmerzmitteln machten ihn unglaublich müde. Er konnte sich jetzt aber auch nicht einfach hinsetzen, das wäre zu auffällig und Leo würde sich nur noch mehr Sorgen um ihn machen, die sowieso schon zu viel des Guten waren.
Das Plätschern des Wasser war das Einzige, was man im Badezimmer hören konnte, worüber Adam froh war. Wenigstens musste er sich so nicht seinen eigenen ungleichmäßig Atem anhören, auch wenn dieser mittlerweile einigermaßen ruhig war. Nachdem das Wasser warm genug war, drehte Leo den Wasserhahn wieder zu und wandte sich zurück zu Adam. "So, jetzt sollte es wieder gut warm sein. Ich geh dann mal wieder raus." Leo stoppte kurz und sah Adam wieder so an, als hätte er noch so viel zu sagen, hielt sich aber aus irgendwelchen Gründen zurück.
"Es sei denn, du brauchst noch was. Soll ich dir-", sagte Leo und zögerte. Kurz wanderten seine Augen zu Adams Gips, dann zur Badewanne und schließlich wieder zurück zu seinem Gesicht. Adam konnte sich schon denken was jetzt kommen würde. "Soll ich dir helfen?" Eigentlich wollte Adam direkt verneinen. Er brauchte Leos Hilfe nicht, irgendwie würde er es ja wohl schaffen sich auszuziehen. Das konnte ja nicht so fucking schwer sein.
Es war schon erbärmlich genug, dass er überhaupt hier war, weil Leo ihm nicht zutraute, dass er alleine klarkommen würde. Zugegebenermaßen lag er da vielleicht nicht komplett falsch, aber dass Leo sah, dass Adam komplett am Ende war, war einfach nur armselig. Er sollte Leos Hilfe aus vielen Gründen nicht annehmen. Und dennoch konnte er sich nicht dazu bringen direkt nein zu sagen, da er einfach erschöpft war. Allein mit sich selbst zu sein war momentan sowieso grenzwertig und Leos Präsenz immer willkommen, er könnte es sich doch auch einmal erlauben schwach zu sein.
Jetzt wo die Drecksau endlich tot war.
"Adam?" Er schaute hoch. Adam hatte nichtmal gemerkt, dass sein Blick auf seine Hände gewandert war, seine rechte Hand zur Faust verkrampft. Er schüttelte die Hand aus und sah Leo in die Augen, der ein paar Schritte näher gekommen war und jetzt nur noch ungefähr eine Armlänge von ihm entfernt stand. Leo sah ihn wieder so besorgt an wie vorhin. Wahrscheinlich war ihm auch bewusst, wie jämmerlich Adam momentan war, wenn er sogar überlegte Hilfe anzunehmen.
Irgendwas war da gewaltig falsch mit ihm. Er war sonst nicht so verweichlicht.
Aber irgendwie fehlte ihm auch die Kraft sich jetzt mit Leo zu streiten. Er hatte ewig nicht geschlafen, ständig hatte er das Bild von seinem Vater vorm Auge, wie er vor ihm starb, wie er ihn erschossen hatte. Er konnte nicht lange auf einer Stelle liegen bleiben aus Angst, dass er sich nicht mehr bewegen konnte, dass er wieder gelähmt war. Onkel Boris verletzte ihn an der ganzen Sache am meisten, aber er hätte nichts anderes erwarten sollen. In dieser ganzen verfickten Familie war jeder komplett am Arsch.
Leos Hand war plötzlich auf seiner Schulter und Adam musste unwillkürlich zurück zucken. Sofort hob Leo die Hand wieder weg als hätte er sich verbrannt. "Tut mir leid- Adam, was ist los?", fragte Leo. Er klang verletzt, auch wenn er das offensichtlich versuchte mit einer ruhigen Tonlage zu überspielen. Adam seufzte. Er wollte Leo nicht so viel Sorge bereiten. Er machte ihm sowieso schon zu viele Probleme.
"Ist irgendwas im-" "Ich bekomm den Scheißknopf nicht auf, meine Hand zittert zu sehr.", unterbrach ihn Adam. Leos Frage hätte sich nur auf den Knast beziehen können und darüber musste Adam jetzt wirklich nicht reden. Er hielt seine rechte Hand hoch, die schon weit aus weniger zitterte als zuvor, aber immernoch ab und zu zuckte. Seine Nerven waren wirklich komplett durch.
Leo sah Adam kurz fragend an, bevor er verstand worum es ging. "Willst du, dass ich dir..." So absurd war es, das Adam nach Hilfe fragte. Leo war sich nichtmal sicher ob er ihn richtig verstanden hatte. Fucking fantastisch. "Ja, wäre super." Er klang selbst nicht so überzeugt. Kurz starrten sie sich einfach nur an, bevor Leo sich anscheinend zusammenriss und seine Hand wieder ausstreckte. Er stoppte jedoch mitten in der Bewegung.
Die Hand schwebte kurz zwischen ihnen, bevor er sie wieder zurück nahm und einen Schritt zurück ging. Adams Herz zog sich zusammen, während sich sein Magen umdrehte. Leo war sich nicht sicher, ob er ihn noch anfassen durfte. Na toll. Jetzt hatte er ihn total vergrault. Dabei war das totaler Schwachsinn. Wenn ihn einer anfassen durfte, dann Leo.
Der stand jetzt wie angewurzelt gegenüber von ihm und starrte ihn einfach nur an, als wüsste er nicht, was er jetzt tun sollte. "Leo." "Ja?" Er klang unschlüssig. Adam hasste sich selbst. "Ich bin nicht aus fucking Porcelain. Ich geh nicht kaputt wenn du mich berührst." Leo schnaubte. "Das weiß ich doch!" "Ach wirklich? Wir stehen nämlich schon ziemlich lange hier 'rum und tun nichts, während du mir helfen solltest." Leo verdrehte nur die Augen, bevor er wieder näher zu Adam trat.
Vielleicht hätte er sich das ganze nochmal genauer durch den Kopf gehen lassen sollen, denn plötzlich war Leo vor ihm, beide Hände an seinem Hosenbund. Adam konnte spüren wie die Hitze ihm ins Gesicht schoss, während er versucht so unauffällig wie möglich zu schlucken. Die Trockenheit in seinem Mund ignorierte er genauso wie den Satz, den sein Herz gemacht hatte. Er wusste nicht was er mit seinen Händen machen sollte und er wusste auch nicht wo er hin gucken sollte. Leos Hände an seiner Hose oder Leos Gesicht so nah an seinem waren beides keine Optionen, also huschten seine Augen am Kragen von Leos Oberteil entlang, was auch nicht wirklich schlau gewesen war.
Er spürte wie Leo den Knopf löste und auch wie er ungewöhnlich lange in der Position verharrte. So lange, das Adam sich doch überwand und ihm ins Gesicht war, welches auch einen leichten Rotstich hatte. Na super, da war ihnen beide die Situation unangenehm. Wahrscheinlich aus anderen Gründen, da er sich nicht vorstellen konnte das Leo irgendetwas anderes als Mitleid mit ihm empfand, momentan. Vermutlich war es für ihn einfach nur komisch einem seiner männlichen Freunde die Hose auszuziehen.
Was objektiv gesehen auch eine seltsame Situation war.
Bevor Adam etwas sagen konnte wie: 'Danke, den Rest schaff ich alleine.' oder 'Ist schon ok, Leo, für mich ist das auch nicht optimal.' bewegte sich Leo in Blitzgeschwindigkeit und zog ihm, nachdem er ihm den Reißverschluss geöffnet hatte, in einem Zug die Hose runter. Adam hatte garkeine Zeit mit der Situation klar zu kommen, dass Leo plötzlich vor ihm kniete, während er nur noch in Boxershorts vor ihm stand, weil dieser schon wieder in der Bewegung war sich aufrecht hinzustellen.
Irgendetwas stoppte ihn in seiner Bewegung, da er plötzlich das Gleichgewicht verlore und nach hinten schwankte. Adam verstand nicht, was gerade passierte, aber er fasste Leo trotzdem am Arm und hielt in somit davon ab, nach hinten weg zu kippen. "Alles klar?" Leo war kreidebleich und sah aus als hätte er gerade einen Mord live miterlebt. Adam konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was ihn so schockiert haben könnte, denn am Kreislauf dürfte es bei Leo eigentlich nicht liegen.
"Leo, was ist los? Bist du zu schnell aufgestanden? Komm, setz' dich erstmal bevor du noch unkippst. Du siehst aus, als hättest du einen Geist gese-" "Adam." Irgendwas stimmte hier ganz gewaltig nicht. Leo ließ sich zwar von ihm aufrichten, aber sein Blick war immernoch in Richtung Adam's Lendenbereich gerichtet. Er hoffte inständig, dass er nicht, ohne es mitzubekommen, durch ihre kurze Nähe hart geworden war. Da müsste er vielleicht einfach im Erdboden versinken.
Ein kurzer Blick nach unten bewies jedoch, dass alles wie immer aussah. Sein Schwanz war schlaff wie eh und je, seine Boxershorts hatte auch keine riesiegen Löcher und seine Oberschenkel waren genauso hässlich wie immer-
Ah.
Die fünfzehn unbekannten Jahre.
Stimmt.
Leo konnte davon nichts wissen, er hatte 15 Jahre lang nichtmal gewusst, dass er überhaupt noch lebte. Wie konnte Adam das vergessen?
"Adam." Leos Blick hatte sich von seinen Beinen abgewandt, auch wenn es ihm sichtlich schwer viel Adam in die Augen zu schauen. Stattdessen wanderte sein Blick über Adams Arme, offensichtlich auf der Suche nach mehr Narben. Die meisten an seinem Oberkörper waren von Tattoos überdeckt und auch nicht von ihm selbst, da musste sich Leo wirklich nicht mit aufhalten. Adam wollte wieder seufzen, aber es war nicht wirklich angemessen. Eigentlich hatte er nicht gewollt, dass Leo das jemals irgendwie mitbekam. Er hatte genug Narben die Leo kannte, da musste er nicht noch die neuen unzähligen sehen.
Jetzt war alles zu spät.
"Wann- Wieso hast du nichts gesagt?" "Was hätte ich dir denn sagen sollen?" Adams Narben waren hässlich. Normalerweise schaute er sich seine Oberschenkel nur selten an, aber jetzt konnte er nicht anders als nochmal runter zu schauen. Er musste wissen, was für einen grässlich Anblick Leo gesehen haben musste.
Fast alle waren schon komplett verblast, weiße Linien die sich über seine Haut zogen. Dicke, hervorstehende Balken gab es auch zu genüge, die, wenn man mit den Fingern drüber streichte, kaum noch Gefühl hatten und eine ganz andere Struktur, als die umliegende Haut. Viele überkreuzten sich, gingen ineinander über weil ihm einfach der Platz ausgegangen war. Er wollte im Sommer noch außer Haus gehen können, weswegen er nicht weiter nach unten wandern konnte und somit auf schon vernarbter Fläche ansetzen musste.
Sein rechtes Bein sah schlimmer aus, was einfach daran lag, dass er Rechtshänder war. Viele der dickeren Narben waren auf dem Bein, umgeben von feineren weißen Linien, die in unterschiedlichen Richtungen verliefen. Sein linker Oberschenkel war ordentlicher, alle in der selben Richtung, aber rechts hatte er manchmal nicht die Geduld gehabt. Keine Zeit zum nachdenken, einfach nur machen. Der Schmerz war gleich und die hässliche Narbe würde sowieso niemand sehen.
Hatte er zumindest gedacht.
Jetzt stand er hier, fast nackt vor Leo in seinem Bad. Wenn er sich seine Beine noch länger anschauen würde, müsste er entweder jemanden schlagen oder heulen, also wandte er seinen Blick wieder ab. Kein Wunder, dass Leo so reagierte. Es sah einfach nur abscheulich aus, vielleicht auch eklig. Seine Haut komplett zerstört durch seine eigene Hand. Da konnte man auch nichts schön reden.
"Ich weiß auch nicht! Aber das- das geht doch nicht-" Leo klang so verzweifelt, dabei müsste ihm bewusst sein, dass alle Narben schon mindestens ein paar Jahre alt waren. Wieder mal verletzte Adam Leo nur. Vielleicht hätte er einfach in Berlin bleiben sollen. Nichts als Leid brachte er dem anderen.
"Leo, das ist alles schon Jahre lang her. Wann hätte ich das denn erwähnen sollen? 'Ja, reich mal die Akte rüber. Übrigens hab ich mir in Berlin immer mal wieder die Beine aufgeschlitzt, willste sehen?' ", sagte Adam, wohl wissend, dass er die Situation nur schlimmer machte. Wie immer eigentlich. Leo sah ihn verletzt an, aber auch noch etwas anderes schwamm in seinen Augen, was Adam nicht identifizieren konnte.
"Nein, nicht so, aber- Ich weiß auch nicht! Du hättest ja irgendwie erwähnen können, dass es dir in Berlin nicht so gut ging oder-" Adam warf irritiert seinen rechten Arm in die Luft. "Was hätte das denn gebracht? Du guckst mich jetzt schon nur so an als wäre ich ein fucking Opfer um das du dich kümmern musst! Ich kann noch mehr Mitleid von dir echt nicht ertragen." "Mitleid-? Adam-" "Wenn es dich so anwidert kann ich mich auch verpissen."
Adam war schon dabei sich zu bücken um seine Hose wieder irgendwie hochzuziehen, als Leo sagte: "Das ist absolut garnicht was ich meine! Aber du hörst mir ja nie zu und gehst immer direkt vom Schlimmsten aus." Leo kam ihm wieder ein Stückchen näher, aber Adam wich zurück. Er konnte mit der Nähe gerade echt nicht umgehen, sodass er wieder mit dem Rücken die Fliesen berührte.
Gerade in diesem Moment fühlte sich Adam viel zu verletzlich. Schwach. Entblößt vor Leo, der ihn immernoch mit diesen traurigen Augen ansah, als wäre er ein einsamer Pflegefall. Er hatte nichtmal seine Kleidung um sich halbwegs zu verbergen, Leo sah alles. Es war zu viel. Adam spürte wie sein Puls wieder schneller wurde und willte sich selbst, sich auf Kälte der Fliesen zu konzentrieren. Er musste die Beherrschung behalten.
"Adam, ich weiß nicht was du für ein Bild von mir hast, aber ich mach mir einfach nur Sorgen um dich." Ja, das war schon das erste Problem. "Das mit den- den Narben mal dahingestellt, du hast harte Tage hinter dir und durch das Trauma musst du nicht alleine durch. Ich bin für dich da. Du kannst dich auf mich verlassen."
Leo verstand es einfach nicht. Nur weil er sich auf Leo verlassen hatte wurde er in diese ganze Scheiße mit reingezogen. Wer weiß was passieren würde, wenn er sich endgültig fallen lassen würde? Es brauchte nur eine Sache passieren, Onkel Boris müsste nur nächstes Jahr aus dem Gefängnis kommen und irgendwas von ihm wollen. Dann würde er Leo glatt mit in den Abgrund reißen. Das konnte er einfach nicht.
Er schüttelte den Kopf. "Du verstehst das nicht." Leo zog wütend die Augenbrauen zusammen. "Was? Das du denkst du machst mir nur Ärger wenn du mich in deine Scheiße mit reinziehst?" Adam musste wegschauen. "Das versteh ich schon. Newsflash, Adam, ich bin schon lange in deiner Scheiße mit drin, da komm' ich jetzt auch nicht mehr raus. Also gewöhn dich verdammt nochmal daran, dass du nicht alles alleine durchmachen musst. Du hast mich genauso an der Backe wie ich dich."
Adam musste tief durchatmen. Er verstand nicht, wie Leo sich so sehr an ihn hing. Er war doch absolut nichts wert, ihre Freundschaft hatte er auch schon einmal hingeworfen. Wie konnte er so an ihm hängen? Es machte keinen Sinn. Warum wollte Leo ihn in seinem Leben haben? Er machte doch nur Ärger.
Er spürte plötzlich eine warme Hand an seiner Wange, die sein Gesicht wieder so drehte, dass er Leo angucken musste. Sollte. Musste eher nicht, aber es fiel ihm schwer so lange Augenkontakt zu meiden. Leos Augen glitzerten, vielleicht mit nicht vergossenen Tränen, vielleicht einfach so weil es Leos Augen waren. Die waren schon immer besonders gewesen.
"Adam, du bist mir sehr wichtig. Das weißt du, oder?", fragte er, während seine Augen immer wieder zwischen Adams hin und her wanderten um seine Reaktion zu fangen, um nichts zu verpassen. Adam schluckte. Leo klang so ernst, wie wenn er sich sicher war, das eine Spur bei einem Fall die richtige war. Das war mit Sicherheit keine Lüge. So sicher konnte er sich doch garnicht sein, dass Adam ihm wichtig war.
Die Hand an seiner Wange brannte.
Adam wollte etwas sagen, doch der Klos in seinem Hals war zu groß. Er nickte stattdessen. Leo war so warm, so nah. Ein kompletter Kontrast zu den kalten Fliesen hinter ihm. Adam wollte einen Schritt nach vorne machen und sich am liebsten in Leos Arme vergraben.
"Ich bin froh, dass du wieder da bist.", sagte Leo schließlich und Adam musste wirklich mit sich Kämpfen um nicht loszuheulen. Das war alles so unfair. "Ich auch." Seine Stimme war ganz heiser. "Danke, dass du da bist." Er wollte noch so viel mehr sagen, aber mehr würde er nicht über die Lippen bekommen. Es reichte aber schon, denn Leo verstand, was er meinte.
Ein sanftes, schiefes Lächeln legte sich auf die Lippen des anderen. Leos Hand wanderte von seiner Wange zu seinem Hinterkopf, bevor er Adam langsam zu sich herunterzog. Es war ein surrealer Moment, Leos Augen von so nah zu sehen. Er war auch ganz kurz, denn bald schlossen sie sich und Adams Herz stolperte, als ihre Lippen sich berührten.
Der Kuss war nicht lange oder stürmisch, aber es fühlte sich an, als würde Adam endlich nach Hause kommen. Sanft und ruhig, als hätten sie alle Zeit der Welt. Niemand konnte diesen Moment kaputt machen, nicht einmal Adam. Sie lösten sich nach einer kurzen Zeit und Adam spürte, wie sich ein Grinsen in seinem Gesicht breit machte. Seine Wangen glühten, während sein Herz wie wild pochte.
Leo war immernoch so nah und jetzt konnte er endlich diese faszinierenden blau-grünen Augen richtig sehen. Kleine Lachfältchen bildeten sich direkt, bevor er überhaupt Leos leises Lachen hörte. Er war so wunderschön, Adam konnte nicht aufhören zu starren. Aber das war egal, jetzt durfte er ja. Er konnte Leo so lange anschauen wie er wollte. Zumindest ging er mal davon aus.
Eine plötzlich Kältewelle durchzog seinen Körper und er zitterte einmal gewaltig. Leo musste noch mehr Lachen und Adam konnte es sich auch nicht verkneifen. "Vielleicht wird es endlich Zeit für dich in die Wanne zu steigen." Warmes Wasser wäre schon gut. Aber er wollte auch nicht wirklich von Leo weg, jetzt wo sie diesen Schritt in etwas neues gewagt hatten.
"Kommst du auch?" Leo grinste nur noch breiter. "Ich glaube, dafür ist die Wanne leider zu klein. Ich kann aber gerne weiter behilflich sein, Kommissar Schürk." Adam schubste ihn lachend von sich weg um endlich von der kalten Wand wegzukommen. Er hielt Leo allerdings auch davon ab zu weit wegzugehen, indem er seinen rechten Arm um dessen Taille schwung und ihn so wieder an sich heran zog.
"Das will ich ja wohl hoffen, Kommissar Hölzer." "Für dich immernoch Hauptkommissar." "Ja ja, das gleiche könnte ich auch sagen."
Adam unterbrach Leos Lachen, indem er seine Lippen wieder auf Leos lag. Er konnte auch nicht aufhören zu grinsen. Es war kein perfekter Kuss, aber das war egal, denn es war ihr Kuss. Das war alles was zählte.
