Chapter Text
- Zeit ist zu schnell für den, der sich freut, zu langsam für den, der wartet, zu lang für den, der traurig ist und zu kurz für den, der glücklich ist. - Arthur Schopenhauer.-
Das Meer, groß, unendlich und tiefgründig, ein Ort, der weniger erforscht ist als der Weltraum selbst. Es birgt Geheimnisse, verschlingt alles in sich, mal ruhig, mal aufbrausend.
Ein schwarzes Geländefahrzeug stand an einer Klippe. Eine junge blonde Frau Ende zwanzig, in dunkler Kleidung, lehnte an der Motorhaube und blickte über den weiten Ozean, während sie mit einem Fernrohr den Horizont absuchte.
Ihr stahlblauer Blick strahlte voller Energie. "Alles ruhig", sagte sie, während sie etwas in einem kleinen blauen Notizbuch notierte.
"Hast du Hunger?" fragte eine männliche Stimme aus dem Inneren des Fahrzeugs.
Sie schaute über ihre Schulter und antwortete: "Immer", bevor sie das kleine Buch in ihre Cargohose steckte.
Der Mann stieg aus dem Wagen und reichte ihr ein kleines Päckchen mit getrocknetem Fleisch und einem Stück Brot.
"Von Diana", sagte er.
"Danke dir."
Sie genoss ein paar Bissen, offensichtlich hungrig. “So ausgehungert?” neckte er sie.
"Ja, klar! Wenn ich einmal ablehnen würde, wäre etwas nicht in Ordnung", sagte sie, während sie kaute.
"Stimmt wohl", erwiderte er und schaute auf das Meer. Die Abendsonne färbte langsam den Himmel in ein gelb-rotes Gewand und spiegelte sich im Ozean wieder.
"Es ist schon eine Weile her, dass etwas passiert ist", bemerkte er.
"Ja, fast wie Frieden", antwortete sie. Ein paar Möwen kreisten über ihnen, ein beeindruckendes Bild. Sie glitten so elegant durch die Luft, als ob die Schwerkraft keine Rolle spielte.
"Als ich noch ein Kind war, glaubte ich, dass hinter dem Horizont am Meer ein tiefer Abgrund war. Das war... nun ja... beängstigend", erklärte sie.
Der Mann lächelte sie an.
"Einmal erklärte mir mein Vater, dass eine Kugel im Meer für die Bildung der Wellen und die Kontrolle der Gezeiten verantwortlich sei", fuhr sie fort.
"Was?" fragte er mit einem breiteren Grinsen.
"Ja,... er liebte es, mir solche Geschichten zu erzählen. Und... ich habe sie geglaubt."
Sie zerknüllte die Papiertüte, steckte sie in ihre Jackentasche und blickte ebenfalls Richtung Horizont.
"Kinder nehmen einfach alles für bare Münze. Erinnerst du dich an letztes Weihnachten? Jeff als Weihnachtsmann?" Fragte sie ihn.
"Oh ja, Jeff braucht wirklich keine Verkleidung und die Kinder haben es genossen", antwortete er.
"Kinder..." sagten beide zur gleichen Zeit.
Nach einer Weile des Schweigens fügte sie hinzu: "Wie sehr ich mir wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können. Einfach noch einmal Kind sein. Unbeschwert und frei.”
"Ja, das ist wohl das Los des Erwachsenwerdens. Zuerst will man als Kind immer erwachsen sein, und wenn die Zeit vergeht möchte man wieder klein sein", sagte der Mann.
"Apropo Zeit, wir müssen wieder zu den anderen zurück", erinnerte sie ihren Begleiter.
"Oh ja, wir haben noch ganze vier Stunden Fahrt vor uns", antwortete er, als er auf seine abgenutzte Armbanduhr sah.
"Ich übernehme das Fahren", schlug sie vor.
"Deine Entscheidung."
Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich ans Steuer des Geländewagens, einem Ford Ranger Raptor.
"Max und Linus haben vorgestern Cowboy und Indianer gespielt. Das war mein Lieblingsspiel als Kind", erzählte sie, während sie das Fahrzeug von der Klippe manövrierte, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. "Gott,...was für eine tolle Zeit das war. Einmal bin ich ausgerutscht und in eine schlammige Pfütze gefallen, meine Eltern fanden das nicht lustig, obwohl ich nichts dafür konnte, ich bin wirklich ausgerutscht.”
"Du warst und bist ein wilder, zäher Brocken. Daran hat sich ja bis heute nichts geändert", bemerkte ihr Begleiter amüsiert an.
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße richtete. “"Da ist wohl etwas Wahres dran", erwiderte sie.
“Nur die Weisesten oder die Dümmsten ändern sich nie”, zitierte sie Konfuzius.
"Oh, letzteres würde ich nicht auf dich beziehen", entgegnete er.
"Wenn du das sagst."
"Genau das sage ich.”
