Work Text:
Und wenn die ganze Welt schläft, geht Adam los. Übernächtigt und unruhig. Noch länger schlaflos zuhause sitzen, das erträgt er nicht mehr. Also nimmt er sich seinen Schlüssel und sein Handy und läuft los. Im Licht der Straßenlaternen und in der Stille der Nacht verlässt er Frankfurt.
Er läuft. Altbekannte und vertraute Wege, die er früher lief mit Lidia und mit seinen Kindern.
Und er läuft, bis ihm die Fußsohlen brennen, bis die Vögel den Morgen begrüßen, bis die Sonne den Himmel rot färbt, bis er das Plätschern hört. Er arbeitet sich durch das dichte Gestrüpp und das Unterholz, denn nach all den Jahren ist der Weg zum See verwachsen. Wie haben seine Mädchen damals gestaunt, als sie so unvermittelt beim Pilzsuchen diesen Ort fanden. Das Wasser, das je nach Wetter in allen erdenklichen Farben leuchtete. Das Wasser, auf dem ihre Origamiboote von den Wellen davongetragen wurden.
Und dann sieht er den Steg, der noch etwas wackeliger ist als damals, und betritt ihn vorsichtig. Er setzt sich und beobachtet mit brennenden Augen das Wasser. Die Libellen und Vögel, die Frösche und Fische. Er beobachtet die sanften Wellen, die Seerosen und die Sumpfdotterblumen. Die noch geschlossenen Blüten, die nur darauf warten, von der Sonne wachgeküsst zu werden.
Er beobachtet die Schilfkolben, die sanft im Wind tanzen, der auch über Adams Haut streicht und das Brennen beruhigt.
Und ganz allmählich kommt Adam zur Ruhe. Die wirbelnden Gedanken verblassen, auch wenn sie nicht ganz verstummen. Über ihm rauschen die Baumwipfel im Wind, einige Schwalben gleiten über das Wasser. Und mit einem tiefen Seufzen lehnt Adam sich nach hinten, streckt sich aus auf dem knarzenden Holz. Er betrachtet die Wolken, die über ihm vorbeiziehen. Sie schimmern noch immer rötlich durch die immer kräftiger werdenden Strahlen der Morgensonne.
Adam schließt die Augen.
Nur kurz.
Nur zum Ausruhen.
Und er schläft. Tief und fest und erholsam. Und als er erwacht, steht die Sonne hoch am Himmel und brennt ihm im Gesicht. Er dreht sich auf die Seite und spürt die ruhige, entspannte Leere in sich. Er hat geschlafen. Endlich. Erneut brennen ihm die Augen, doch diesmal ist es nicht aus Übermüdung.
Und die ruhige, entspannte Leere zerfließt und wird ersetzt durch die dröhnende Gewissheit, dass er einfach nur noch kaputt ist, ein zerborstenes Wrack. Und wie ein Kind, lässt er seinen Arm über den Steg hängen, berührt mit seinen Fingerspitzen das Wasser. Kalt ist es. Kalt und dunkel. Sanft streichen die Wellen über seine Finger, wiegen seine Hand in den Bewegungen des Wassers.
Mit einem Ruck richtet sich Adam auf, zieht das Hemd und T-Shirt aus. Er streift die Schuhe und die Socken ab, steht auf, öffnet die Jeans, und zieht sie sich unbeholfen und etwas ungelenk gemeinsam mit seinen Boxershorts aus. Nachdenklich betrachtet er seine wabernde Reflexion auf dem Wasser. Ist gleichermaßen erschrocken und überrascht von seiner Statur.
Sein Körper ist gezeichnet von den schlaflosen Nächten, eingefallen und ausgehungert, gleichzeitig aufgedunsen und gequält. Und dennoch, darunter unverkennbar er selbst. Nie besonders sportlich, nie besonders muskulös – zwei Stunden Sport, denkt er mit einem Grinsen – und dennoch: funktionale Stärke. Haut hängt, wo sie früher straff war. Haare sind grau, die früher dunkel waren. Adam stockt – ist sich sicher, dass es eine Täuschung sein muss, als seine Augen ihn leuchtend blau mustern, bis die Wellen die Spiegelung wieder verwaschen.
Die oberen Sprossen der Leiter sind trocken und warm unter seinen Füßen. Und mit dem nächsten Schritt taucht sein Fuß ins Wasser und dann rutscht er fast von der glitschigen Sprosse ab, spürt den erschrockenen Sprung seines Herzens, nimmt noch zwei Sprossen ins kalte Wasser, hält die Luft an, und lässt sich dann fluchend nach hinten ins Wasser gleiten. Und bevor die Kälte lähmend werden kann, beginnt er zu schwimmen, verfällt in einen altvertrauten Rhythmus.
Durch die Anstrengung lässt das Gefühl der Kälte nach und Wärme breitet sich in ihm aus, in seinen Armen und Beinen, in seinem Bauch. Adam dreht sich auf den Rücken und lässt sich treiben.
„Schön hier,“ gurgelt es neben ihm. Leise und sanft wie die Wellen.
„Ja,“ sagt Adam, überlegt, wem er da antwortet, und dreht seinen Kopf zur Seite. Blaue Augen schimmern, tauchen ab und verschwinden im Wasser.
„Sehr ruhig,“ gurgelt es hinter ihm. Lauter diesmal.
Und Adam richtet sich auf, dreht sich um. Ertappt.
Erschrocken beginnt er, Wasser zu treten.
Blaue Augen leuchten, schauen aus dem Wasser, mustern ihn. Kommen näher und entfernen sich wie von Wellen getragen.
Und genauso wenig greifbar formen sich die Fragen in Adams Kopf. „Was machst du hier?“, fragt er deshalb. Es ist die erste Frage, die er einfangen kann.
„Schwimmen,“ gurgelt es. Und dann: „Leben.“
Und es überrascht Adam, dass die Augen nicht in das dunkle Wasser eintauchen. Dass er die Zeit hat, das Gesicht zu mustern, die großen schillernden Augen, die nicht blinzeln. Die warmblauschimmernde Haut, die dunklen Haare.
„Du… lebst hier?“
Und nun blinzeln die Augen doch. Blinzeln einmal. Langsam. Bestätigend. Wie ein unausgesprochenes „Ja.“
„Ja, es ist wirklich schön hier,“ murmelt Adam, denn was soll er auch darauf erwidern?
„Ruhig,“ gurgelt es nachdrücklich und die Augen werden schmal.
Und oh! „Ich störe dich?“, fragt Adam. Denn klar, natürlich stört er! Schließlich kam er ungefragt hier her. Ist ein Eindringling, der die Ruhe hier kaputt macht. Und mit langsamen Bewegungen schwimmt er zum Steg, behält die blauen Augen aber im Blick, bis sie abtauchen und neben ihm wieder auftauchen.
„Weiß ich noch nicht,“ gurgelt es und die Augen kommen näher als zuvor, mustern ihn, tauchen ab und hinter ihm wieder auf. „Warum bist du hier?“
Ja, wenn Adam das wüsste? Wenn Adam beschreiben könnte, was ihn getrieben hat. Diese quälende Unruhe, diese zähe Erschöpfung, dieses ziellose Bedürfnis doch irgendwo hinzukommen. Irgendwo anzukommen. Nur für einen Moment. „Für eine Pause,“ versucht es Adam.
Das Wasser scheint zu lachen, strömt widersinnig um Adams Haut. „Ja, es ist ruhig hier,“ gurgelt es. „Es ist gut hier. Für eine Pause.“
Adam nickt und summt zustimmend.
Die Augen blinzeln ihn an, langsam. „Du hast geschlafen,“ gurgelt es.
Ziemlich gut sogar, denkt Adam. Noch lange nicht ausreichend, aber besser als in den letzten Wochen. Fast klar fühlt er sich. „Ich bin sehr müde,“ sagt er.
Wieder blinzeln ihn die Augen an, langsam. Wartend. Einladend.
„Ich,“ beginnt Adam und stockt. Er scheut sich, seine Gedanken in Worte zu hüllen, seiner Realität ein Gewand zu geben, das er dann nicht mehr ablegen kann.
„Du siehst erschöpft aus,“ gurgelt es.
Wie ein Schlag ist sie. Diese Aussage. Trifft ihn hart, schüttelt ihn wach. Und begleitet von kalter Panik und heißer Wut muss er erkennen, dass seine Realität längst für Außenstehende sichtbar ist. Er atmet. Er sagt: „Mir geht es nicht gut.“
„Du bist krank?“
Natürlich nicht, will Adam sagen. Natürlich ist er nicht krank. Es ist nur eine Phase. Eine verfickt lange Phase aus schlaflosen Nächten, Amphetaminen und Familientragödien. Fest kneift er die Augen zusammen. Kann nicht antworten.
Doch es scheint Antwort genug zu sein, denn es gurgelt: „Aber hier geht es dir besser?“
Und Adams Augen brennen und er blinzelt, langsam, hält seine Augen erneut geschlossen, bevor er sie öffnet.
„Dann darfst du hier sein,“ gurgelt es, bevor die Augen abtauchen.
Adam greift die Leiter, achtet auf die glitschigen Sprossen und steigt mit einer überraschend angenehmen Schwere aus dem Wasser. Er setzt sich in die Sonne und lässt sich trocknen. Irgendwann, das Zeitgefühl hat er vollends verloren, zieht er sich an und er spürt zum ersten Mal seit Tagen Hunger. Kann gar nicht sagen, wann er das letzte Mal etwas gegessen hat. Der Weg nach Hause ist weit, doch bevor er sich aufmacht, dreht er sich noch einmal um, und flüstert leise: „Danke.“ Und dann ist ihm ein Nachtrag noch ganz wichtig und er flüstert ihn in den Wind: „Ich bin übrigens Adam.“
Die Sonne schimmert hell auf dem tiefdunklen Wasser, erzeugt leuchtend goldene Muster.
Da sind mehrere verpasste Anrufe auf seinem Handy. Pawlak, Edyta, Wiktor, Wolle. Später, denkt er. Später wird er sich drum kümmern. Und dann wählt er doch Pawlaks Kontakt, versucht sich auf eine Tirade einzustellen, eine Belehrung, eine Ermahnung.
„Adam?“
„Karol, ja, ich bin es. Ich- Mir geht es nicht gut. Ich bin krank,“ versucht es Adam.
„Du meldest dich krank?“, fragt Pawlak, wartet. „Für wie lange?“
„Ich weiß es nicht,“ sagt Adam.
„Geh zum Arzt. Es wird sich klären.“
Adam schnauft.
„Pass auf dich auf, Adam!“, sagt Pawlak, legt auf.
So einfach war es. Dieser schwierige Anruf. Dieses schwierige Geständnis, das sich seit Monaten immer bedrohlicher und dunkler in ihm einnistete. Adam lehnt sich gegen einen Baum, sinkt an ihm herab und lässt dem Brennen in seinen Augen freien Lauf.
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Und wenn die ganze Welt schläft, geht Adam los. Findet seinen Weg durch die dunkle Nacht, findet den Weg heraus aus der Stadt, entlang der Wege, tief in den Wald zum See.
Und als die Sonne aufgeht, da tritt Adam auf den Steg. Spürt den kühlen Nachtwind der frühen Morgenstunden. Betrachtet die glühendleuchtenden Wolken und ihre Reflexionen auf dem dunklen Wasser.
Und dann setzt er sich und er lauscht den Vögeln.
Und er betrachtet die Bäume und die tanzenden Rohrkolben.
Und er wartet.
Und die Gedanken verlassen ihn, als die Ruhe einkehrt.
Er schläft.
Die Sonne steht hoch am Himmel, als er erwacht. Er reibt sich die Augen mit beiden Händen, streckt sich genüsslich, spürt das süße Ziehen in den müden Muskeln. Erneut schließt er die Augen, lässt die Sonne über sein Gesicht streichen, spürt, wie sich sein Körper mit jedem Atemzug sammelt, sich wieder findet. Wie er es in den letzten Wochen immer wieder geübt hat. Kann noch immer nicht ganz glauben, dass es funktioniert. Dass es ihm hilft.
„Du hast geschlafen, Adam,“ plätschert es neben ihm. Adam dreht seinen Kopf und auf dem Steg abgestützt sind da Arme, blauschimmernd, mit feinen goldenen Sprenkeln auf den Schultern. Darauf abgelegt ein Gesicht mit großen, leuchtendblauen Augen und dunklen Haaren. Und auch auf den Wangen sind feine goldene Sprenkel wie Sommersprossen.
„Ja, habe ich,“ sagt Adam und richtet sich auf, streckt sich erneut.
„Du,“ plätschert die Stimme, und zum ersten Mal zögert sie. „Du sieht gesünder aus.“
Adam blinzelt, sagt dann aber doch noch: „Ich habe mir Hilfe gesucht.“
Und die blauen Augen mustern ihn, suchen ihn ab, sein Gesicht, seinen Oberkörper und dann blinzeln auch sie, langsam und zufrieden. „Kommst du?“, plätschert es und das Gesicht, die Arme verschwinden vom Steg und mit einem sanften Platschen tauchen sie in das vom Sonnenlicht erhellte Wasser ein. Und diesmal kann Adam den eleganten, kraftvollen Bewegungen unter der Oberfläche folgen. Weißgoldene, vom Wasser verzerrte Formen zeichnen sich auf dem Körper ab.
Schön ist er, der Körper. Schön und ungewöhnlich. Ungewöhnlich schön, befindet Adam, und ein Mundwinkel zuckt nach oben, bevor er beginnt sich auszuziehen. Schnell hat er den leichten Pullover und das T-Shirt abgelegt, die Schuhe und Socken ausgezogen und die alten Jeans und Shorts abgestreift.
„Komm, schwimm mit mir,“ gurgelt es und Adam schaut auf, sieht die Augen in einiger Entfernung.
Adam grinst, zögert nur kurz, springt vom Rand des Stegs, zieht die Beine an und landet mit einem lauten Klatschen im Wasser. Und dann umspült ihn das kühle Wasser, und über ihm sieht er, wie sich das Sonnenlicht goldgelb im Wasser bricht. Adam sinkt weiter und das Wasser um ihn herum wird trüb, lässt kaum noch Licht hindurch und doch bemerkt er die blauen Augen, die sich ihm glitzernd nähern.
„Adam,“ umwirbelt ihn das Wasser lachend. Adams Augen brennen, doch schließen kann er sie nicht. Denn da ist das Gesicht vor ihm. Die Haut leuchtet strahlend unter der Oberfläche. Schimmert und schillert irisierend. Atemraubend schön denkt er und ihm brennen die Lungen.
„Komm!“, wirbelt es, und starke Arme heben ihn an die Oberfläche, halten ihn, während er Wasser tritt und prustet, sich die brennenden Augen reibt. Und die Arme sind angenehm warm, die Haut rauer als erwartet.
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Adam bringt Bohlen für den Steg. Sorgfältig hat er sie im Baumarkt ausgesucht. Wollte zunächst nur das morsche Holz ersetzen und beschloss dann doch, so viel zu erneuern, wie ihm möglich ist. Das neue Holz knarzt warm und laut in der Sommersonne, als er sich genüsslich auf ihm ausstreckt und die Wärme in sich aufnimmt. Ihn überkommt die Ruhe des Sees und unter dem Steg säuselt ein Danke.
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Jedes Mal, wenn Adam zum See kommt, überlegt er auf dem Weg, ob er Vincent ein Geschenk mitbringen sollte. Vielleicht Haargummis für die langen Haare, die so wild im Wasser wabern? Aber die Haare scheinen Vincent nicht zu stören. Oder eine Flasche Wein, die sie gemeinsam trinken könnten, während sie den Sonnenuntergang beobachten? Oder vielleicht eher Bier? Dann denkt er an Glasmurmeln, die in allen Blautönen schimmern, so wie Vincents Augen. Nachdenklich reibt er sich über den Nacken, spürt die feine Kette unter seinen Fingern.
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Adam betrachtet sein Spiegelbild im Wasser. Seine aufrechte Haltung, die Schultern breit, die drahtigen Muskeln an den Armen und Beinen, die er durchs Schwimmen bekommen hat. Die Haut hängt noch immer an einigen Stellen, an denen sie früher straff saß, aber im Licht der aufgehenden Sonne, in der Reflexion des Wassers schimmert sie in einem warmen grün. Und auf seinem Nasenrücken, da bilden sich zartgoldene Sommersprossen. Aber vielleicht ist es auch einfach Vincent, der Adam wartend mustert.
„Du hast dich erholt,“ gurgelt es und Vincent taucht auf.
Adam nickt, als er sich ins Wasser gleiten lässt.
„Wirst du weiterhin kommen?“, fragt Vincent.
Warmkaltes Wasser umströmt Adam. Adam blinzelt langsam und zufrieden.
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„Kannst du das Wasser verlassen?“, fragt Adam, fühlt sich dabei merkwürdig nervös und unruhig.
„Warum sollte ich?“, plätschert Vincent, legt seinen Kopf schief.
Adam lässt seinen Kopf nach hinten fallen, betrachtet das fallende Laub. „Der Winter kommt,“ sagt er und hofft, dass Vincent ihn versteht.
Vincent blinzelt, und dann mit einem Ruck und einer geschmeidigen Bewegung sitzt Vincent auf dem Steg. Das perlende Wasser auf seiner Haut schimmert leuchtend orange im Licht der Abendsonne.
„Machst du mir einen Zopf?“, fragt Vincent. „Für den Winter?“
„Wenn du das möchtest,“ sagt Adam und betrachtet die langen dunklen Haare die Vincent in dicken Strähnen über die Schultern fallen. „Aber, was wenn der Zopf sich irgendwo verheddert? Wenn du irgendwo damit hängen bleibst?“
Und Vincent blinzelt ihn an, langsam und amüsiert. „Komm,“ plätschert Vincent, wendet Adam seinen Rücken zu und nicht zum ersten Mal sieht er die lange Rückenflosse, die sich die Wirbelsäule hinabzieht. Lang ist sie, blaugrün und golden schillert sie im Licht der untergehenden Sonne.
Also richtet sich Adam auf, kniet sich hinter Vincent, streicht über die nassen Haare. „Was für einen Zopf willst du?“
Adam wartet, bis Vincent antwortet. „Würdest du mir die Haare flechten? Einzelne Zöpfe. Und dann diese zusammen?“, fragt Vincent. Und vielleicht klingt es unsicher und zögernd, vielleicht auch voller zarter Hoffnung.
Die Haare gleiten geschmeidiger durch Adams Hände, als er erwartet hatte. Und mit dem Verstreichen der Zeit wandelt sich das Licht. Das orangewarme Licht wird silbrigblau und noch immer flechtet Adam Vincents Haare. Unter seinen Fingern spürt er manchmal Vincents Haut, spürt, wie Vincent sich in die Berührungen lehnt, hört ein sanftes, zutiefst zufriedenes Gluckern unter dem Steg. Adam lächelt.
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Seine Nase ist kalt, aber die Isomatte und der Schlafsack enttäuschen ihn nicht. Und als er im Mondlicht auf dem Eis einschläft, meint er, Vincents Nähe zu spüren.
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Es ist der erste eisfreie Tag. Es ist früher Nachmittag und die Sonne steht jetzt bereits tief am Himmel.
Adam hält Vincent eine Kette entgegen. Seine Kette, die im Licht der Frühlingssonne schimmert, wie die Sommersprossen auf Vincents Wangen, wie die Sprenkeln auf seinen Schultern.
Vincent blinzelt. „Oh,“ sagt er, betrachtet die feingliedrige Kette, das zarte Kreuz. Soll ich sie tragen?, murmelt es über das Wasser.
„Wenn du magst,“ sagt Adam, betrachtet die Kette, wie sie vorsichtig von Vincent gehalten wird. Und dann, blitzschnell, ist Vincent mit einem Platschen abgetaucht und im Dunkel des Wassers verschwunden.
Der Frühlingswind pfeift kalt und Adam sitzt und wartet und hofft.
„Leg sie mir an,“ sagt Vincent plötzlich und sitzt mit einem Mal wieder neben ihm. Er hält Adam die Kette hin.
Wenig überraschend ist die Kette nass, aber sie ist auch warm in Adams Hand. Und Adam schiebt die Überbleibsel des Zopfes aus dem Winter zur Seite, betrachtet den langen Hals, ist aufs Neue überrascht, wie rau die Haut ist. Rau und warm. Genüsslich säuselt das Wasser unter dem Steg, als Adam über Vincents Haut streicht, während er die Kette schließt.
Mit einem vorsichtigen Lächeln hält Vincent ihm seine Hand entgegen. Und als er die Hand öffnet, da liegt da ein schmaler, schlichter, goldener Ring. „Für dich,“ sagt Vincent und Adam könnte schwören, dass die goldenen Sprenkel auf Vincents Wangen intensiver leuchten als zuvor.
„Oh,“ sagt Adam, greift vorsichtig nach dem Ring und auch der ist warm in seiner Hand.
„Der… wo hast du den her?“, fragt Adam, streicht vorsichtig über das warme Metall, mustert Vincent.
Und Vincents Blick schweift über das Wasser, die Bäume, die kargen Äste, die mit der wärmenden Sonne bald Knospen haben werden. Ich erinnere mich nicht mehr. Aber, er ist mir… wichtig, säuselt das Wasser.
„Vincent,“ sagt Adam. „Das – ich kann das nicht annehmen.“ Adam hält Vincent den Ring entgegen, doch der macht, stur, keine Anstalten ihm den Ring wieder abzunehmen. Also legt Adam den Ring zwischen sie auf den Steg.
„Wieso nicht?“, fragt Vincent, legt den Kopf schräg.
„Weil dir der Ring wichtig ist,“ sagt Adam.
„So, wie dir die Kette wichtig ist,“ sagt Vincent, greift mit einer Hand nach Adams Hand, mit der anderem nach dem Ring. „Darf ich?“, fragt er und die blauen Augen mustern ihn geduldig.
Adam blinzelt, langsam und unsicher.
Plätschernd beugt Vincent sich vor, und einige nun getrocknete Strähnen, einige feine Zöpfe fallen ihm ins Gesicht. Adams Hand liegt warm in Vincents, während Vincents Daumen sanft über seine Handfläche streicht. Zunächst vorsichtig und dann doch mit einem unzufriedenen Gurgeln und etwas Druck schiebt Vincent ihm den Ring auf den Ringfinger. Breit grinsend, die spitzen Zähne funkeln im Licht, schaut er zu Adam auf. „Passt er?“
Er sitzt gut. Enger, hätte er gedacht, aber nein. Adam merkt kaum, dass er da ist. „Ja, danke,“ sagt er. Und als er Vincent anblinzelt, da wird Vincents scharfes Grinsen weicher und erneut leuchten die Sommersprossen in einem dunklen Gold.
„Schwimm mit mir?“, fragt Vincent.
Und wie könnte Adam ihm diese Bitte abschlagen? Er zieht sich aus, lässt sich ins bitterkalte Wasser gleiten und schwimmt zu Vincent, der auf ihn wartet.
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Ein erneuter Wintereinbruch, plötzlich und hart und andauernd, lähmt die Stadt und legt das Leben lahm. Blitzeis auf den Straßen; dicker Schnee treibt um die Häuser und durch den Wald. Der Weg zum See zieht sich ins Endlose.
Doch da, da ist das Dickicht. Durchs Unterholz glitzert das verschneite Eis des Sees. Adam kämpft sich weiter. Kämpft sich bis zum Steg und hört das Knirschen des Schnees unter seinen Schuhen.
„Haben wir geheiratet?“, ruft Adam über das Eis, fährt mit dem Daumen über den schmalen Goldring. „Vincent? War das eine Hochzeit?“
Und der Wald, der Steg, der See. Alles bleibt still, alles bedeckt von einer pudrigen Schicht aus Schnee. Nur die Sonne schickt eine vorsichtige Antwort, kitzelt seine Nase, bis er niesen muss.
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„Was heißt geheiratet?“, fragt Vincent unvermittelt und blinzelt träge in die Sonne. Was ist eine Hochzeit?, summen die Wellen neugierig.
Ja, was ist das, überlegt Adam, denkt an Lidia, an braune lange Haare und graugrüne Augen und ist überrascht von dem sanften Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitet.
„Ein Ritual,“ sagt er. „Das Zeichen für eine Verbindung.“
Das ist gut, murmelt ein kleiner Strudel in der Mitte des Sees. „Wir sind verbunden. Du und ich,“ sagt Vincent erleichtert.
Adam seufzt. „Menschen heiraten aus Liebe.“ Dann ergänzt er: „Also meistens. Oft.“
Einige trockene Locken fallen Vincent in die Stirn, als er nickt. Dann lächelt er zufrieden und blinzelt. Schwimmen wir? lockt das Plätschern der Wellen gegen den Steg.
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„Ich freue mich, wenn du mich besuchst!“, sagt Vincent und die Wasseroberfläche lächelt.
„Ich komme gerne hier her,“ sagt Adam. Und weil es nicht die ganz die Wahrheit ist, ergänzt er: „Zu dir.“
Warmkaltes Wasser umströmt Adam und er berührt die Kette an Vincents Hals.
Vincents Augen werden hell und er nähert sich, umkreist ihn in fließenden Bewegungen und Adam könnte ihn erneut berühren, könnte seine Haare zwischen seinen Fingern spüren, doch er tut es nicht.
„Komm,“ gurgelt es, und Vincent taucht vor ihm ab, und seine leuchtenden Augen blinzeln fordernd.
Also atmet Adam tief ein, schließt die Augen und folgt Vincent.
„Schön,“ gurgelt es und als Adam die Augen öffnet, da ist er von einem Leuchten umgeben, die Sonnenstrahlen durchbrechen das Wasser. Und vor ihm, schillernd und schimmernd und irisierend, lächelt Vincent und die spitzen Zähne funkeln. Die langen Haare wallen und schimmern unter Wasser im dunkelsten Grün und leuchtendem Silber.
Und Adam blinzelt, denn er kann nur zustimmen.
Und dann kommt Vincent näher, greift seine Hände und zieht ihn weiter, zieht ihn tiefer.
Bis Adams Lungen brennen. Bis er sich aus Vincent Händen lösen möchte, lösen muss, damit er es zur Oberfläche schafft.
„Atme,“ gurgelt es um ihn.
Und Adam schüttelt den Kopf. Einige Luftblasen verlassen seine Lippen.
Und dann ist Vincent vor ihm, schaut ihn an und hält ihn. „Atme, Adam. Atme!“
Als Adam seinen Mund öffnet, verlassen die letzten Luftblasen seine Lungen und bevor die Panik sich festsetzen kann, spürt er Vincents Lippen auf seinen, spürt er, wie sich seine Lungen füllen. Spürt er Vincent, ganz nah.
„Atme!“, umwirbelt es ihn.
Adam schließt seine Augen gegen Vincents Blick; etwas besorgt ist er, etwas fordernd, aber voller Vertrauen.
Zögerlich atmet er aus, spürt wie die Luft aus seiner Nase entweicht, und dann mit dem Einatmen, mit der Angst, Wasser einzuatmen, öffnet er die Augen, und Vincent ist ganz nah.
Und Adam atmet.
„Gut,“ wallt das Wasser. „Sehr gut. Aus und ein. Immer wieder.“
Und Vincent hält ihn, hält ihn durch die wiederkehrende Panik, dass das sein letzter Atemzug sein würde, dass es jetzt Wasser sein müsse, was seine Lungen füllt. Und er atmet. Aus und ein.
„Ich atme,“ gurgelt er, leise und unbeholfen.
„Ja,“ strömt das Wasser erfreut um ihn. „Du atmest.“
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Adam streckt sich gedankenverloren auf dem Steg. Wohltuend war der Schlaf, entspannend. Durch die Blätter zeichnet die untergehende Sonne vergängliche Muster auf seine Haut. Hier und da ist die Haut wärmer und mit seinen Händen folgt er der Wärme, spürt seine Finger kitzelnd an seinem Hals, auf seiner Brust, auf seinem Bauch. Gedankenverloren findet seine linke Hand den Weg zurück zu seiner Brust, streicht über seine Brustwarzen. Es überrascht ihn nicht, wie gut es sich anfühlt. Aber es überrascht ihn, wie leicht es ihm nun hier fällt. Als wäre es an der Zeit.
Die rechte Hand streicht durch seine Schamhaare, und Adam seufzt. Sanft, sanfter als früher, und entspannt streichen die Knöchel seiner Finger über seinen Schwanz. Ein sanftes Prickeln durchzieht ihn. Seufzend schließt er die Augen, genießt, wie gut sich sein Körper anfühlt. Findet einen langsamen Rhythmus, spürt dem Ziehen in seinem Bauch nach. Sein Atem wird flacher und sanft streicht der Wind über seine erhitzte Haut.
Das fühlt sich gut für dich an? murmelt es und Adam summt zustimmend, öffnet die Augen.
Vincent beobachtet ihn, hat den Kopf auf seinen Armen abgelegt.
„Soll ich aufhören?“, fragt Adam und versucht sein rasendes Herz zu beruhigen.
Vincent legt den Kopf schief, seine Augen fahren über Adams Körper, bleiben hier und da hängen. Nein, säuselt das Wasser. „Darf ich bleiben?“, fragt Vincent dann und nun ist sein Blick fest auf Adams Augen gerichtet.
„Oh,“ keucht Adam, ist von dem scharfen Ziehen zwischen seinen Beinen überrascht, blinzelt dann aber langsam in Vincents Richtung.
Vincent stemmt sich auf den Steg, grinst fordernd.
Hitze schießt Adam ins Gesicht, denn diese Seite von sich, die hat er Vincent noch nicht gezeigt. Er hat ihm bisher auch nicht erzählt, dass er sich mittlerweile auf den Schlaf freut. Auf die Träume, die den Schlaf begleiten. Denn er träumt von Vincent. Von Küssen und Berührungen und Bissen. Denn Hitze sammelt sich heiß und schwer in ihm, wenn er an Vincent denkt, seine wunderschönen Augen, die starken Arme, die raue Haut. Denn da zieht etwas Sanftes in ihm, wenn Vincent lächelt und das Wasser um sie beide tanzt.
Mit dem Einatmen schließt Adam erneut die Augen, streicht über seine Erektion, stellt ein Bein auf, spreizt die Knie, um besser in seine Faust stoßen zu können, aber vielleicht auch, um Vincent etwas zu bieten. Und auch dieser Gedanke durchzieht ihn überraschend heftig. Ein Stöhnen entweicht ihm und die linke Hand gleitet ziellos über seinen Körper, über seine Brust erneut zu seinem Hals, kitzelnd hinunter zu seinem Bauch, zieht durch die Schamhaare, streicht über seine Eier. Adam versinkt im Genuss, der sich in seinem Bauch sammelt, und lässt sich fallen.
„Das fühlt sich gut an,“ murmelt Vincent und da ist etwas in der Stimme, gleichermaßen kontrolliert und sehnsüchtig, dass Adam einfach seine Augen öffnen muss.
Fuck, denkt Adam. Denn Vincent kniet neben ihm. Die Hand um seinen Schwanz bewegt sich in Adams Rhythmus, sein Blick wie gefesselt von Adams Händen. Und die andere Hand, die streckt sich aus, streckt sich hilflos zu Adam. Schwebt über seiner Hüfte.
Fuck, stöhnt der Wind durch die Bäume, als Adam kommt.
„Adam,“ keucht Vincent. So schön, gurgelt das Wasser. Vincent beißt sich auf die Lippe.
Und Adam richtet sich auf, betrachtet Vincents Gesicht, die Wärme auf den Wangen, das Strahlen. Er lehnt sich vor. „Darf ich?“, fragt er, streckt seine Hand nach Vincents aus, wartet kaum das Nicken ab, da greift er sie, verschränkt ihre Hände und küsst Vincents Finger.
Vincent atmet scharf ein, schwankt Adam entgegen, und ein Küss mich? rauscht über das Wasser.
Raffiniert ist der Kuss nicht, aber er glüht süß in Adams Brust.
Dann sind da Küsse Vincents Kiefer entlang und den Hals hinab. Adam senkt seine Zähne in die feste Haut an Vincents Halsbeuge und da gurgelt das Wasser. Adam! Bitte!
Vincents Augen sind geschlossen, die Bewegungen fahrig, der ganze Körper angespannt. Adams Hand schließt sich über Vincents, folgt dessen Bewegungen. Er streicht mit der anderen Hand über Vincents glühende Wange und küsst ihn erneut.
Vincents Bewegungen werden drängender.
Adam! peitschen die Wellen, als Vincent kommt.
Er seufzt, schlägt die Augen auf und sie leuchten in einem Blau, für das Adam keine Worte findet. Noch nicht.
„Das habe ich lange nicht mehr gemacht,“ sagt Vincent zittrig, löst sich von Adam, um sich zu strecken. Und dann betrachtet er Adam, legt den Kopf schief und fragt: „Darf ich?“, bevor er sich gegen Adam lehnt, seinen Kopf auf Adams Schulter ablegt.
„Meinst du, wir können das öfter machen?“, fragt Adam, wedelt seine Hand unbeholfener, als die Situation es rechtfertigt in Anbetracht dessen, was sie gerade getan haben. „Also, falls du das möchtest? Falls Sex –, falls du weißt –“
Vincent unterbricht die holprige Frage mit einem Lachen und küsst Adams Nasenspitze. „Ich weiß, was Sex ist,“ sagt er und blinzelt ihn langsam an. Langsam und zufrieden und glücklich sieht Vincent aus. Er lässt seine Lippen über Adams gleiten, zart und süß, und dann verschwindet er mit einem Platschen im Wasser.
Kommst du? fragt ihn das Wasser.
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Adam erwacht, als Vincent sich auf dem Steg an ihn schmiegt. Seine Haut ist feucht, seine nassen Haare hängen ihm schwer ins Gesicht, fallen ihm über die Schulter. Silbrig-schwarz schimmert es im Licht des Vollmondes. Seine Augen sind dunkel und groß und glücklich, als er Adam einen Kuss auf die Schulter presst, seinen Kopf dann auf seinem Brustkorb ablegt.
„Ist das ein Fisch, oder freust du dich, mich zu sehen?“, fragt Adam.
Das Wasser gluckst, und Vincent grummelt verspielt und dann küsst er Adams Brust, presst sich näher gegen Adam. „Bleibst du?“, säuselt es unter dem Steg.
Adam hat lange nachgedacht über diese Frage. Hat sich Bedenkzeit erbeten bis zum Vollmond. Hat die Zeit nicht genutzt, um sich seiner Antwort zu stellen. Nicht wirklich. Hing gedanklich immer wieder bei seinen Kindern, deren Lachen warm in seinem Bauch aufblüht, bei seinen Freunden und Kollegen, die ihn so lange begleitet haben.
Vincents Finger streichen über seine Haut, die vom Wasser so viel rauer geworden ist. Vincent wartet. Geduldig und entspannt.
Egal, wie Adam sich entscheidet, Vincent würde seine Antwort akzeptieren, da ist Adam sich gewiss. Wie er sich über so vieles gewiss geworden ist in den letzten Monaten, Jahren. Also blinzelt er langsam in den klaren Nachthimmel, nickt, und summt dann zustimmend. Im Wind hört er ein Ja, zufrieden. Wie ein Echo aus seinem Herzen.
Vincent richtet sich ruckartig auf. „Adam,“ sagt er leise und erstaunt, mustert ihn aufmerksam.
Adam lächelt, kann nicht anders. Er streicht Vincent über die Wange und der Wind raschelt durch die Bäume und flüstern ein Ja, ja ich bleibe. Hier. Mit dir.
Oh, wirbelt das Wasser, aufgeregt. Das bedeutet mir viel, rauscht es.
Mir auch, tanzt der Wind erleichtert durch das Schilf.
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Wie eine Schatzkiste ist es versteckt, das kleine Einweckglas mit dem angerosteten Bügel und dem spröden Gummiring. Als Vincent es ihm zeigt, das kleine Versteck in der Mitte des Sees, da wo es dunkel ist und sich die Temperaturen das ganze Jahr über nicht ändern, da kommen Adam die Tränen.
Denn in dem Glas, da ist ein altes Portemonnaie, vom Wasser angefressen, Überreste alter Dokumente und zerfaserte Geldscheine, einige verrostete und angelaufene Münzen, deren Herkunft sich Adam nicht mehr ganz erschließt. Und da sind Manschettenknöpfe, aufwändig gearbeitet, mit hellen, blauen Steinen. Da ist auch ein schöner, aber durch das Wasser angelaufener Ohrring. Er ist ähnlich schlicht, wie der Ring, den Adam nun trägt.
Und es will so gar nicht zu den anderen Dingen passen, aber unten in dem Glas befindet sich noch ein glatter, heller Stein, etwa faustgroß. Hühnergott, flüstert das Wasser. Und in dem Loch des Steines schillert ganz sanft, die kleine blaue Glasmurmel, die Adam Vincent einmal verschämt ihn die Hand gedrückt hatte.
Und nachdem Vincent seine Schätze inspiziert und das Glas behutsam zwischen den großen Steinen verankert hat, hält er Adam ein anderes Glas entgegen. Der Bügel ist ebenso verrostet, der Gummiring ebenso verwittert und spröde und darin befindet sich Adams Lesebrille und der Ledergürtel, den Adam irgendwann nicht mehr brauchte. Falls du etwas aufheben möchtest, strudelt das Wasser.
Dinge aus seinem alten Leben, denkt Adam verwundert.
Vincent? versucht es Adam und kann doch die richtige Frage nicht finden.
Adam mustert Vincent. Strahlend, mit wallenden Haaren und einigen geflochtenen Zöpfen, die Haut schillernd, Zähne spitz, Augen türkis leuchtend in der Dunkelheit.
Ja, was ist Vincent, denkt er und streckt seine Hand aus, wie in einem Traum. Die Haut, über die er streicht, ist warm und rau.
Schön ist Vincent, denkt er. Nicht zum ersten Mal.
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Immer wieder kommt Besuch und das Lachen der Frauen hallt warm in Adams Bauch, bringt mit sich das Echo heller, aufgeregter Kinderstimmen. Immer öfter werden sie begleitet, die Frauen. Immer öfter sind es die gleichen Personen. Manchmal schwimmen sie, manchmal schleifen Kufen übers Eis. Immer ist da Lachen. Ein Kind kommt dazu. Weitere Kinder werden es.
Einmal kommen die Frauen im Frühling. Sie sitzen auf dem Steg, die grünen Augen auf das Wasser gerichtet. Irgendwann lassen sie ein Papierboot üben den See gleiten. Und dann enden die Besuche. Ein Sommer ohne das Lachen und ein Winter. Noch ein Sommer und dann schlägt Adam die Augen auf, denn das Lachen breitet ich warm und weit in ihm aus.
Und dann versteht er. Ein Kind fehlt. Und der Wind küsst sanft durch die braunen Haare der Frauen.
Und als Origamiboote über den See treiben, da sammelt Adam eines ein und bringt es zu seinem Schatz.
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Er hat sich verändert, bemerkt er. Zäh und drahtig wirkt sein Spiegelbild, das über das Wasser tanzt. Seine geflochtenen Haare streichen ihm über den Rücken, erreichen seine Oberschenkel und sein Bart ist lang und grau. Da ist ein Glitzern in seinen Augen, ein Schillern auf seiner Haut. Nicht so fein, so wunderschön wie Vincents. Doch wenn er lächelt, dann ist er Vincent ganz besonders ähnlich. Da schimmern goldene Sommersprossen auf seiner Nase, da sind seine Zähne lang und spitz. Da hebt das Glück seine Mundwinkel, da spielt die Freude um seine Augen.
Und doch: „Was, Vincent? Wer…,“ Und Adam stolpert wieder über diesen Gedanken. Diese Frage, die sich ihm immer wieder stellen will und die ihm doch auch immer wieder ausweicht.
Ein langsames Blinzeln. Die Wolken ziehen vorbei, die Tage und Nächte kommen und gehen.
„Was passiert mit mir?“, fragt Adam viel später.
Das Wasser seufzt. „Du hast es schon lange bemerkt, oder?“, fragt Vincent.
Die Luft streicht durch Vincents Haare, ein kurzes Ja.
„Aber wie ist das möglich?“, fragt Adam.
„Vertrauen, denke ich. Und Glaube.“
Der Widerstand in ihm ist groß und schwer. Häresie, peitscht der Wind über das Wasser. „Ich bin doch kein… kein Gott,“ sagt Adam vehement. Voller Bitterkeit.
„Aber wieso nicht?“
„Was? Das ist doch offensichtlich? Wer soll denn an mich glauben?“
„Ach Adam,“ tanzt der Wasser, warm und golden und lachend. Ich glaube an dich, plätschert es.
