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„Sag mal, bist du eigentlich schwul?“ Pia scharrte mit ihren Turnschuhen im Kies kleine Kreise und beobachtet den Vorgang ausgiebig. Die Beiden lehnten gegen die Dachkante des Präsidiums. Adam hatte Pia zur Raucherpause mit hoch gezwungen, in einem Versuch sie heute nochmal aus der Umklammerung ihres Bürostuhles zu befreien. Pia hatte mit dem Rücken zur kleinen Mauer, die das Dach sicherte, das Gesicht von Adam abgewandt. Ein Moment der Stille schwebte zwischen den Beiden als Adam einen weiteren Zug von seiner Zigarette nahm. „Warum? Willst du was von mir?“ Vor ihnen blinkten die Lichter Saarbrückens in der Dunkelheit sanft verschwommen vor sich hin. „Nee, also – ne so gar nicht. Ich dachte nur weil – ach ist auch egal. Sorry, dumme Frage.“ Pia richtete sich ruckhaft etwas auf und hob den Blick ebenfalls in Richtung Stadt. Adam stieß ein kleines Lachen aus, was mehr nach einem fehlgeschlagenen Husten klang. „Ne, jetzt keinen Rückzieher machen Heinrich. Was dachtest du?“ Er nahm einen weiteren Zug.
„Ach ey – ja gut. Ich hab schon öfter drüber nachgedacht weil du manchmal so still wirst wenn Baumann dich mit irgendwelchen Frauen in Verbindung bringt. Also gestern zum Beispiel, mit der Müller und heute wieder.“ Adam sah aus dem Augenwinkel wie Pia nervös mit den Fingern auf der Wand hinter ihr trommelte. „Und, also sorry, aber du bist halt sonst nicht so der Stille. Und ich dachte, vielleicht frag ich mal nach bevor ich auch noch irgendwas unangenehmes sage.“
Ein weiterer Moment vergang zwischen ihnen bis Adam schließlich mit den Schultern zuckte. „Ja.“ Pia blickte überrascht zu ihm hoch „Was?“ Adam aschte ab um etwas mit seiner Hand zu machen. „Ja, hast Recht.“ Er zuckte erneut mit den Schultern, den Blick weiter stur nach Vorne gerichtet. „Ach.“ Schweigen. „Ich auch.“ Aus Adam stieß ein verkrampftes Lachen hervor und er drehte sich endlich auch zu Pia um. „Auch schwul?“ Pia trat etwas Kies in seine Richtung „Nein, quatsch. Bi.“ „Hm.“ Adam nahm den letzten Zug seiner Zigarette.
„Und jetzt?“ Jetzt zuckte Pia mit den Schultern. „Keine Ahnung, sind wir jetzt verbrüdert? Wir könnten Esther mal ein Sensibilitätsseminar vorschlagen wenn wir schon die Diversitätsquote im Team sind.“ „Boahr nee, lass mal. Die kommt schon selber drauf. Und ich find’s schon lustig wie verkrampft die Baumann ist wenn sie denkt ich lach mir wen auf der Arbeit an.“ Irgendwo in der Ferne ging eine Sirene los. Pia schüttelte den Kopf. „Ey ihr müsst aber echt mal besser klar kommen ihr Zwei. Ist ja okay wenn sich zwei im Team mal nicht so gut verstehen aber wenn du und Leo dann auch noch Stress habt nervt es schon sehr.“ Adam drückte seine Zigarette auf dem Dachrand aus und wandte sich vollends der Stadt ab. „Ja, schon gut, ich versuch’s ja aber sie hat halt auch immer was gegen mich. Da kann ich jetzt auch nichts für.“ Pia seufzte leise „Ja, genau das hat sie fast genauso auch gesagt.“ Adam grinste entschuldigend.
Pia verzog das Gesicht und lehnte sich seitwärts gegen den Dachrand. Der Nachtwind war noch lau vom letzten Rest des Sommers. „Ich glaub sie denkt ich steh auf dich.“ Sagte sie fast nebensächlich. Adam lehnte sich neben sie den Blick weiter auf sie gerichtet. „Dann sag ihr doch dass das bullshit ist. Oder ist sie eifersüchtig?“ Das entlockte Pia ein Lachen. „Sicher nicht. Aber das ist doch irgendwie komisch oder nicht? ‚Hey Esther, wie geht’s? By the way, zwischen Adam und mir läuft nichts. Kaffee?‘ Dann denkt die doch sonst was.“
Ihre Schultern verspannten sich fast unmerklich, je länger sie über das Thema sprach, stellte Adam fest. Spannend! „Ja und?“ in seiner Stimme lag gut geübte Unschuld „Was soll die schon denken? Doch nur, dass du klarstellen willst, dass im Team keiner datet, oder?“ Pia schwieg. „Oder willst du das gar nicht?“ Er lugte unter seiner Kappe zu ihr herüber. Pia blickte angespannt in die andere Richtung. Bull’s Eye. „Pia, stehst du etwa auf die Baumann? Also die Baumann, die regelmäßig ihre Kollegen hintergeht, immer den moralischen high-ground haben muss und die mich gestern fast wegen nem Hörnchen mit ihrem Buttermesser erstochen hat?“
„So schlimm ist die gar nicht“ sagte Pia leise „Du und Hölzer sind halt einfach bisschen viel manchmal. Und sie folgt halt auch nur dem Gesetz, was ihr Beiden mal öfter machen könntet. Und sonst ist Esther richtig toll. Das bekommt ihr nur nie mit, weil ihr wo anders seid und euch mit irgendwelchen Kriminellen kloppt oder so.“ Adam schnaubte mit einem Grinsen „Boahr dich hat’s ja richtig erwischt, Heinrich.“ Pia lies den Kopf mit einem Ruck sinken. „Ja und es ist richtig scheiße, Adam. Sag ihr nicht, dass ich dir davon erzählt hab aber ich weiß, dass Esther so nen Typen von ihrem Fußball Ding gedatet hat. Keine Ahnung was da der Stand ist aber -“ Sie zuckte mit den Schultern ‚ – sieht halt nicht gut aus. Und unter Kollegen ist so was sowieso nichts.“
Adam starrte den Autos hinterher, die die Straße neben dem Präsidium nahmen. Um diese Uhrzeit sollten das Leute sein, die gerade auf dem Weg in die Innenstadt waren um Feiern zu gehen oder Zeit mit Freunden zu verbringen. Und Adam machte Pause bevor er sich wieder in Büroarbeit stürzen würde um dann wahrscheinlich irgendwann im Büro einzuschlafen. Wann war er eigentlich so ein Streber geworden, das war doch sonst Leos Job? Aber der war wahrscheinlich schon im Bett, nachdem Adam ihn sanft nach Hause gemobbt hatte. Der letzte Fall war viel für Leo gewesen, Adam wusste das, und auch, dass das zum größten Teil ihm verschuldet war. Also hatte er, nachdem Dino in UH genommen wurde, vorsichtig vorgeschlagen, er könne Leos Papierkram machen. Und der hattte tatsächlich zugesagt. Was einerseits toll war, weil es ein Schritt auf Adams Entschuldigungsversuchen zu war. Aber es war auch ungeil, weil er jetzt doppelt viel Arbeit hatte und gar keinen Leo.
Er blickte zurück zu Pia, die gedankenverloren ins Nichts starrte. „Sag’s ihr.“ Pia gab ein Protestgeräusch von sich. „Ne, im Ernst. Die mag dich so oder so. Wenn sie irgendwen aus ihrer Kneipe datet ist das halt ne Woche unangenehm und danach seit ihr wieder besties. Baumann ist nicht dumm, Pia, die merkt doch, dass was bei dir los ist. Und dann kannst du ihr auch gleich die Wahrheit sagen.“
Pia blinzelte ein paar Mal und lachte ungläubig. „Okay, nimm’s mir nicht übel aber das ist nen ganz neuer Ratschlag von dir. Geht’s dir gut?“ „Ach halt die Klappe, Heinrich.“ Stieß Adam gutmütig hervor „Ich sag dir gar nichts mehr, wenn du nicht willst.“ Er stieß sich vom Rand des Daches zurück. „Okay, okay. Sorry, ich denk drüber nach Doktor Sommer.“ Pia tat es ihm gleich und begann Richtung Tür zu gehen. Adam grinste und folgte ihr. Vielleicht würde der Papierkram doch nicht so schlimm werden. Er war ja nicht alleine.
