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(Die Hoffnung auf) Die Einfachheit des Bleibens

Summary:

Das Wasser sickert unerwartet kalt durch Adams Schuhe und Socken. Der Schock kommt ihm gerade recht, kann er doch für eine Sekunde Leos bitteren Gesichtsausdruck vergessen. Und mit Adams Kälteschock verwandelt sich Leos Gesichtsausdruck, geht von Enttäuschung und Resignation über in Überraschung, streift Fassungslosigkeit und landet schließlich bei diebischer Freude.

Die, in der Adam mit Leo im Brunnen tanzt.

Notes:

Eine Nacherzählung von Adams Nachtschicht aus EdN, mit ein paar Sprenklern künstlerischer Freiheit. Allen voran, dass er diese Nacht natürlich mit Leo verbringt.

Liebe Solar, das ist ganz besonders für dich - es war mir ein wunderbares Vergnügen, dir diesen Wunsch zu erfüllen <3

Chapter Text

 

Das Wasser sickert unerwartet kalt durch Adams Schuhe und Socken. Der Schock kommt ihm gerade recht, kann er doch für eine Sekunde Leos bitteren Gesichtsausdruck vergessen. Und mit Adams Kälteschock verwandelt sich Leos Gesichtsausdruck, geht von Enttäuschung und Resignation über in Überraschung, streift Fassungslosigkeit und landet schließlich bei diebischer Freude.

Adam erwidert sein Grinsen, macht versuchsweise einen Schritt. Das Wasser quatscht in seinen Turnschuhen. Aber die werden es ihm wohl verzeihen, und selbst wenn nicht, er hat schon teurere dumme Entscheidungen getroffen, als mitten in der Nacht in einen Brunnen in der Fußgängerzone zu steigen und ein paar Sneaker zu ruinieren.

Und er hatte einfach etwas tun müssen. Er hatte Leo enttäuscht. Wieder einmal war es Adams Schuld. Dabei war es so harmlos gewesen. So schön. Vorher.

Nachtschicht. Gemeinsam. Essen holen bei dem kleinen Asiaten, während Leo das Alibi überprüft. Schlendern durch die menschenleere Innenstadt. Als gäbe es nur sie beide auf dieser Welt.

Alles hat sich so einfach angefühlt. Leo hat sich so nah angefühlt. So nah wie lange nicht mehr.

Und dann macht Adam es kaputt.

Warum ist er nicht einfach auf Leos Glückskeks eingegangen? Warum hat er ihn nicht einfach zum Tanz aufgefordert? Es hätte so einfach sein können, Leo hat ihm die perfekte Vorlage geliefert, aber nein, Schürk muss wieder Bullshit labern. Weil… warum eigentlich? Aus Angst?

Er schnaubt. Ein bisschen über seine eigenen Gedanken, vor allem aber, weil Leo aufgestanden ist, Adams Zettel lesen will und vor ihm auf und ab hopst, um an seine erhobene Hand heranzukommen. Herausfordernd sieht Adam ihn an, geht noch einen Schritt weiter in den Brunnen hinein. Das Wasser umspielt seine Knöchel. Er hält seine Hand gerade außerhalb von Leos Reichweite. „C’mon, hol ihn dir!”

Leo lacht und schüttelt den Kopf. „Ist nicht dein fucking Ernst.”

Und ob es sein Ernst ist. Leo wollte diesen Tanz, das hat Adam ganz deutlich gesehen, als sich sein Gesichtsausdruck verändert hat auf Adams blöde Antwort hin. Regelrecht entglitten ist er ihm und hat nur zu deutlich gemacht, dass Leo Hoffnung hatte. Hoffnung auf einen Tanz mit Adam. Weil ein dämlicher Glückskeks ihm den versprochen hat.

Aber Adam wird Leo diesen Tanz schenken, jetzt, wo er das erkannt hat. Ein bisschen spät vielleicht, aber er hat es erkannt.

Er streckt seine linke Hand aus, die rechte immer noch erhoben mit dem Zettelchen aus seinem Glückskeks, auf dem ein so belangloser Spruch steht, dass er ihn schon vergessen hatte, bevor er ihn zu Ende gelesen hat.

Adam zieht eine Augenbraue hoch, bewegt auffordernd seine Hand. Und endlich, endlich reagiert Leo. Sein Blick ist ebenso herausfordernd, seine Augen leuchten, als er nach Adams linker Hand greift.

Ihre Hände berühren sich, und Adam erwartet fast ein elektrisches Knistern, aber da ist nichts. Nur Leos vertraute, warme Haut, trocken und fast ein bisschen rau. Es fühlt sich völlig normal an und doch fühlt es sich so wahnsinnig besonders an. An Leos Blick, den er auf ihre verschränkten Hände wirft, merkt Adam, dass es ihm nicht anders geht.

Als Leos Füße im Wasser landen, bricht der Moment. Er quietscht mit dem wunderschönsten Ton auf und Adam muss lachen, auch wenn er die Reaktion sehr gut nachvollziehen kann. Das Wasser ist einfach arschkalt.

Leo nutzt seine Schwäche, springt vor und angelt nach seiner rechten Hand. Fast erwischt er sie, aber Adam ist schneller, steckt sich das Zettelchen in den Mund.

Er hat früher schon Papier gegessen, wenn er etwas schnell verschwinden lassen musste. Wenn sein Alter etwas nicht sehen durfte. Ein Briefchen zum Beispiel. Ein Briefchen von Leo. 16 Uhr Baumhaus stand darauf zum Beispiel. H.D.L. stand darunter.

Auch wenn das pappige Gefühl auf seiner Zunge das gleiche ist, ist sonst nichts an dieser Situation gleich. Leo sieht ihn an, ein bisschen fassungslos vielleicht, aber auch ein bisschen beeindruckt, Adam ist sich ziemlich sicher. Leos Mund ist leicht geöffnet, als wollte er etwas sagen und wüsste nicht was.

Adams Blick bleibt an Leos Lippen hängen, wandert an seinem Gesicht empor. Leos Augen sind ihrerseits auf Adams Mund gerichtet, auch dabei ist Adam sich ziemlich sicher.

In diesem Moment schaut Leo auf, sieht ihm direkt in die Augen, und Adam meint, in diesen Augen all das lesen zu können, was gerade auch in seinen steht. Und für eine Sekunde, für einen kleinen Augenblick glaubt er, dass sie sich nun ein Stückchen nach vorne lehnen werden, dass sie die Lücke zwischen sich schließen werden, dass ihre Lippen sich berühren werden.

Es kribbelt in seinem Nacken und er spürt eine ungewohnte Nervosität in seinem Magen. Er weiß, er will das. Er will Leo küssen. Seit Jahren schon. Damals im Baumhaus schon.

Aber…

Es gibt kein Aber.

Aber er schuldet Leo noch einen Tanz.

Leos Hand zuckt in seiner Hand und er drückt sie behutsam. „Hey”, sagt er sanft. „Walzer?”

Leo schaut zur Seite, dann nach unten und seufzt. Die Anspannung sackt aus seinen Schultern.

„Na gut, komm.”

Er greift Leos Hand fester, zieht ihn an sich und legt seine rechte auf Leos Hüfte. Gut fühlt sie sich dort an. So, als ob sie dort schon viel öfter hätte liegen sollen.

Mindestens genau so gut fühlt sich die Hand an, die Leo auf Adams rechte Schulter legt, sein Unterarm auf Adams Oberarm, fast, als würden sie sich umarmen.

Er beginnt einen langsamen Walzerschritt, führt Leo mit seichten Plätschergeräuschen durch den Brunnen. Während der ersten Schritte schauen sie noch auf ihre Füße, aber dann kann Adam nicht mehr widerstehen und schaut Leo an. Sein Gesicht ist so nah. Adam kann sich noch daran erinnern, wie sich dieses Gesicht in seinen Händen angefühlt hat, als sei es gestern gewesen. Und doch scheint es ihm Jahre her zu sein, obwohl er dachte, dass danach alles gut werden würde.

Jetzt fühlt es sich ungewohnt an, Leo so nah zu sein. Ein wenig steif, ein wenig unbeholfen. Und doch so gut.

Es dauert nicht lange, da sieht Leo ihn ebenfalls an. Noch einmal mehr wird Adam bewusst, wie nah sie sich sind. Leos Blick wandert über sein Gesicht, und wie sich vorher seine Schultern entspannt haben, so wird etwas weicher in seinem Blick, werden die Fältchen um seine Augen weniger tief, sein Kiefer lockerer. Adam meint sogar, ein Lächeln an seinem Mundwinkel zupfen zu sehen und kann selbst nicht anders, als Leo anzulächeln.

Leo erwidert sein Lächeln, strahlt ihn geradezu an und Adam wird warm. Von seiner Brust ausgehend durch seinen Körper wandert diese Wärme, selbst bis in seine Zehenspitzen.

Sie scheinen beide nicht so recht zu wissen, wo sie hinsehen sollen, ihre Blicke huschen umher, ihr Lächeln bekommt einen nervösen Unterton. Vielleicht wäre jetzt der Moment für einen Kuss? Vielleicht sollte Adam sich jetzt vorbeugen? Sollte er Leo fragen? Sollte er es einfach machen? Will Leo das überhaupt oder will Leo einfach nur tanzen? Hier im Brunnen, mit nassen Füßen?

Was auch immer Leo will, er lässt sich bereitwillig von Adam im Tanz führen. Und Adam weiß, was er selbst will, Kuss hin oder her.

Er streicht mit dem Daumen seiner linken Hand über Leos Handrücken, zieht ihre verschränkten Hände näher an ihre Körper. Gleichzeitig schiebt er die rechte Hand von Leos Hüfte an seiner Wirbelsäule entlang nach oben, zwischen seine Schulterblätter, drückt leicht.

Leo folgt seinem Zeichen, macht einen Schritt auf ihn zu. Ihre Nasenspitzen berühren sich fast, und selbst wenn es nicht sein Plan war, ist Adam sich fast sicher, dass sie sich jetzt küssen werden. Sein Herz schlägt aufgeregt und er muss sich konzentrieren, um nicht zu stolpern.

Leo aber schmiegt sich nach einem Augenblick des Zögerns an ihn, legt seinen Kopf an Adams Schulter und Adam ist sich sicher, ein Kuss könnte sich nicht schöner anfühlen.

Er zieht Leo noch enger an sich, verlangsamt seine Schritte, bis sie sich nur noch sachte hin und her wiegen, Leo in seinem Arm.

Adam möchte diesen Moment festhalten. Möchte ihn speichern und hervorholen und wieder betrachten können, wann immer es dunkel in ihm wird. Denn jetzt gerade, jetzt fühlt er sich so ganz und so leicht und so zuversichtlich, wie schon lange nicht mehr.

Bis Leo beginnt zu sprechen. Er spürt Leos Ausatmen mehr, als dass er es hört. Leos Atem streicht über seinen Hals, hinterlässt eine Gänsehaut auf seiner Haut, die sich prickelnd seinen Körper hinunter ausbreitet. „Adam? Als du damals von Zuhause abgehauen bist…”

Adams Puls beschleunigt sich sofort, aber er gibt sich Mühe, ruhig zu bleiben. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt für dieses Gespräch gekommen. Hier, in der Nacht, im Brunnen in der Saarbrücker Fußgängerzone. Und Leo klingt nicht wütend, nichtmal verletzt, fast gelöst.

„... hast du da jemals an die gedacht, die zurückgeblieben sind?”

Adam bleibt einen Moment still, wägt seine Optionen ab. Aber jetzt, in der Nacht, im Brunnen in der Saarbrücker Fußgängerzone, gibt es nur eine Option: die Wahrheit.

„Du meinst, ob ich an dich gedacht habe?”

„Hmhm.” Fast unmerklich schiebt Leo sich noch näher an ihn heran, zieht seinen linken Arm von Adams Schulter herunter und schiebt ihn unter seine Jeansjacke, legt seine Hand auf Adams unteren Rücken.

Adam atmet durch. Ist dankbar für den Halt, den Leo ihm gibt. Er legt seinen rechten Arm um Leos Schultern, zieht ihn an sich und hält ihn. Sie stehen für einige Momente ganz still, dann senkt er seinen Kopf leicht, so dass seine Lippen ganz nah an Leos Ohrmuschel sind. „Immer.”