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Im Licht des Sonnenaufgangs schimmerten die Dächer von Bukarest wie Mondstein. Der erste Herbstfrost lag über der Stadt. In früheren Jahren wäre dies Mehmeds Zeichen gewesen, mit seinem Heer wieder nach Edirne aufzubrechen. Dieses Mal jedoch nicht. Und sei es nur, weil er im Alter milder geworden war, dieses Jahr wollte er sich noch nicht von Radu trennen.
Er lächelte, als er sich zu seinem schlummernden Geliebten umwandte. Die Ausschweifungen des Abends schienen ihn erschöpft zu haben.
Nur selten ergab sich für Mehmed die Gelegenheit, Radu so eingehend zu betrachten, ohne dass er sich vor anderen lächerlich machte. Die Augen nicht von seinem Gespielen lassen zu können, zeugte von mangelnder Selbstbeherrschung.
Selbst hier, an seinem eigenen Hof, nannte man den Woiwoden Radu den Schönen, Radu cel Frumos. Mehmed verzog das Gesicht und schnaubte. Niemand konnte bestreiten, dass es stimmte, doch dem Beinamen haftete ein abfälliger Beigeschmack an. So waren die Christen eben. In ihren Adern floss weder Milch noch Wasser, sie begehrten genau wie jeder andere Mann, und verachteten zugleich das, was sie begehrten.
Radu war schön. Daran gab es nichts zu leugnen. Er war es als elfjähriger Knabe gewesen, als Mehmeds Blick das erste Mal auf ihn gefallen war, und obwohl sein Geliebter inzwischen die dreißig überschritten hatte, hatte sich daran nichts geändert.
Im Schlaf wirkte Radu zart wie eine Gazelle, doch das täuschte. Seine bereits ein Jahrzehnt andauernde Herrschaft zeigte, dass in ihm weit mehr Mut, Willensstärke und Entschlossenheit steckten, als man ihm zutraute.
Mehmed Blick wanderte seine langen, schlanken Beine entlang, strich in stummer Anbetung über die zarte Rundung seiner Hüfte und die geschmeidige Flanke hinauf zu seinen Schultern, schmal, für einen Mann, aber gerade und stolz. Auf der Linken prangte ein kleines, dunkles Muttermal, der einzige Makel, der Radus helle, samtweiche Haut verunzierte.
Mehmed meinte, sich erinnern zu können, Radu einmal nach zu vielen Weinkrügen zugeflüstert zu haben, dass einzig dieses Mal seinen Vater davor bewahre, sich der Blasphemie schuldig gemacht zu haben.
Doch auch nüchtern war Mehmed bereit, für die Wahrhaftigkeit seiner Beobachtung einzustehen.
Radu war so vollkommen wie eine antike Statue, der Allah in seiner Weisheit Leben eingehaucht hatte.
Bewundernd wanderten Mehmeds Augen weiter, über schmale Hände und schlanke Arme, bis sich sein Blick in Radus Haar verlor, dass dieser inzwischen nach der Sitte seiner Heimat lang und offen trug, schwarz und schimmernd wie die Wogen des mitternächtlichen Ozeans.
Bewundernd streichelte sein Blick über den sanften Bogen der kräftigen Brauen, die langen dichten Wimpern. Die schmale Nase, die hohen Wangenknochen und der starke Kiefer wirkten wie aus Marmor gehauen. Doch nun waren Radus Wangen vom Schlaf gerötet und lockten Mehmed, sie zu berühren. Die Lippen seines Geliebten waren leicht geöffnet, rot und weich und süß wie Walderdbeeren aus Transsylvanien im Monat Juni.
Sie schienen ihn einzuladen, sie zu küssen, diesen süßen Mund, der ebenso zu harter Entschlossenheit wie zu zärtlichen Liebkosungen, zu klugem Rat wie zu sanftem Spott fähig war.
Der Gedanke, dass sein Geliebter ihn belächelte, sollte ihn eigentlich aufs Schärfste beleidigen. Doch Radu stellte die Ausnahme zu allem dar, was Mehmed für wahr hielt. Statt Zorn weckte der Gedanke an Radus heimliches Schmunzeln eine so ungeheure Zärtlichkeit in ihm, dass sie ihm an manchen Tagen fast den Atem nahm. Zu schön war das Funkeln in den blauen Augen seines Geliebten, zu offenkundig die Wärme in seinem Blick, um sich darüber zu erzürnen.
Beinahe hätte Mehmed über sich selbst den Kopf geschüttelt. Einzig das Wissen, dass Alexander der Große einst ebenso für seinen Gefährten Hephaistion empfunden haben musste, hielt ihn davon ab.
Viele große Männer vor ihm hatten ihre Gefährten geliebt, ihre Schönheit, ihre Klugheit, ihren Löwenmut. Was sollte daran verwerflich sein? Hatte Mehmed sich nicht bereits als Knabe vorgenommen, all diese Männer zu übertreffen? Sollte da nicht auch seine Liebe zu Radu alles bisher Dagewesene übersteigen?
Mit einem Lächeln dachte er an das Liebesspiel der vergangenen Nacht zurück, an das Gefühl der weichen Haut unter seinen Fingern, an das willige Nachgeben von Radus Körper. Tausende Male hatten sie sich schon geliebt, doch es war immer wieder aufs Neue berauschend, berauschender noch als der Wein, den sie sich geteilt hatten, das Trinken aus demselben Krug beinahe schon selbst ein Kuss.
Die geweiteten Pupillen seines Geliebten, die seine Augen so schwarz und feurig wie Obsidian wirken ließen, wie Radu sich unter seinen Händen und Lippen wand, wenn der Rausch erst alle Hemmungen davontrug. Das Flattern des Pulses in seiner Halsbeuge, schnell und flach wie der Flügelschlag eines Singvogels.
Nie war Radu so schön wie in diesen Momenten.
Als Mehmed den Blick vom eisigen Schimmer der Dächer abwandte, erkannte er, dass sein Geliebter die Augen aufgeschlagen hatte. Im Morgenlicht wirkten sie so klar wie Aquamarine, blau wie das Meer, wenn der Himmel wolkenlos ist.
“Woran denkst du, Gül-Jüz?”
Mehmed lächelte. Und entschied sich für die reine Wahrheit.
“Daran, wie schön du bist.”
