Chapter Text
Rot.
Auf einmal ist alles rot. Rot und heiß. Als würden glühende Flammen ihr Sichtfeld von den Rändern her zerfressen. Ihren Bauch. Von innen. Und ihre Fäuste. Die stehen auch in Brand.
Der dicke Rauch in ihrem Kopf beginnt sich erst zu klären, als es schon zu spät ist. Da sitzt Schröder schon mit einer aufgeplatzten Lippe und brennenden Fingerknöcheln auf dem grau gepolsterten Sofa.
Gemütlich, denkt sie für den Bruchteil einer Sekunde. Aber wahrscheinlich eh zu teuer. Und überhaupt, was sollen sie mit einem grauen Sofa, das passt überhaupt nicht zu – Chloë. Fuck. Wo ist Chloë? Eben war sie noch hier, an Schröders Seite, hat sie durch den Gang gezogen, ihre Hand in Schröders. Dann hat dieser scheiß Dreckswichser diesen scheiß Dreckskommentar abgegeben, statt um Chloës Hand haben sich Schröders Finger auf einmal um diese Tischlampe geschlossen – und ab da verschwindet alles in diesem beschissenen Rauch.
Hektisch schaut sie sich um. Graues Sofa. Keine Chloë. Beiges Sofa. Keine Chloë. Couchtisch, Couchtisch, grünes Sofa, Stehleuchte, Mann in blau-gelber Uniform, der ihr mit Telefonhörer am Ohr einen bösen Blick zuwirft – okay, das wäre dann wohl der Punkt, an dem sie abhauen sollte. Ist der Dreckswichser von vorhin schließlich auch, wie es scheint. Aber – Chloë. Sie kann ja jetzt nicht einfach ohne Chloë abhauen.
Zu ihrem Glück kommt der böse guckende Mitarbeiter am Service-Schalter gerade eh nicht so richtig damit weiter, den Sicherheitsdienst oder die Polizei oder wen auch immer zu rufen, weil er von zwei nervigen Kunden belagert wird, zwei Männern, die so eindringlich auf ihn einzureden scheinen, dass er den Hörer schon halb hat sinken lassen. Vielleicht kauft ihr das ein bisschen Zeit. Die beiden scheinen wirklich dringend beraten werden zu wollen. Mehr als ein paar Gesprächsfetzen dringen nicht zu ihr rüber – „… kenn’ die…“, „…nicht nötig…“, „…regeln das…“ – aber es soll ihr auch egal sein.
Sie fängt gerade an zu überlegen, ob die Tatsache, dass Chloë und der Dreckswichser beide weg sind, nicht verdammt ungut ist, ob Chloë in Sicherheit ist, ob der Typ jetzt nicht erst Recht irgend’nen Mist abziehen würde, da drehen sich die beiden nervigen Kunden um und – fuck, verdammt ungut ist auch jetzt der erste Gedanke, der ihr durch den Kopf schießt. Der blonde Hinterkopf des einen Mannes gehört nämlich zu einem Gesicht, das sie kennt. Leider.
Ehe sie sich für oder gegen eine Flucht entscheiden kann, steht er auch schon vor ihr.
„So, Abmarsch, Schröder.“
So richtig erfreut darüber, sie zu sehen, sieht der Schürk auch nicht aus. Gut, könnte was damit zu tun haben, dass sie ihn bei ihrem letzten Aufeinandertreffen nen Fickfrosch genannt und ihm in die Fresse gehauen hat. War nicht ihr bester Moment, schon klar.
Danach hat sie ihn nochmal auf dieser Geburtstagsfeier bei Malik gesehen – weiß der Geier, was er da wollte –, aber da hat er so viel von dieser komischen Bowle in sich reingekippt, dass Schröder sich nicht sicher ist, ob er sie überhaupt richtig wahrgenommen hat. Jetzt steht er vor ihr und schaut ihr direkt ins Gesicht und sie kann sich leider ziemlich sicher sein, dass er sie wahrnimmt.
„Hast du nicht irgendwelche Morde aufzuklären oder so?“, blafft sie ihn an.
Schürk zieht die Augenbrauen hoch, während der brünette Mann, der eben noch mit ihm am Service-Schalter stand, sich neben ihn schiebt. Okay, vielleicht nicht ganz der Ton, den sie jetzt anschneiden sollte. Bei ihrem Glück ist der auch Bulle. Dazu kommt, dass er seine Oberarme jetzt vor seinem Körper verschränkt und die ungefähr so breit sind wie Schürks und ihre eigenen zusammen. „Also, Sie, mein ich“, schiebt sie deshalb minimal ruhiger hinterher. „Haben Sie nicht irgendwelche Morde aufzuklären?“
„Mh. Hast du nicht irgendwelche Bewährungsauflagen zu erfüllen? Dich in nem Möbelhaus zu prügeln wird da wohl kaum drunterfallen.“
„Klugscheißer“, nuschelt Schröder.
Schürk verzieht keine Miene, sodass sie sich nicht sicher sein kann, ob er sie verstanden hat. Aber er sieht sie noch eindringlicher an als zuvor.
„Jetzt hör mal gut zu. Der Herr am Service-Schalter da hat nur deshalb nicht die Polizei gerufen, weil wir ihm unsere Ausweise gezeigt haben und meinten, die ist schon da und wir kümmern uns. Begleiten dich raus, erklären dir, dass du Hausverbot hast, der ganze Bumms. Wirst du ja schon kennen, vermute ich. Dann braucht von den Kollegen niemand zu kommen, die sparen sich den Weg, du sparst dir ne Anzeige, alle sind glücklich. Achso, und die hier – “ – er bückt sich und drückt ihr die verbeulte Tischlampe in die Hand –, „die musst du natürlich bezahlen.“
„Nein“, rutscht es Schröder raus, lauter als beabsichtigt. Der gelb-blau gestreifte Mitarbeiter wirft ihr über seinen Bildschirm am Schalter hinweg einen misstrauischen Blick zu und schnaubt mit der Nase. Keine Ahnung, warum ausgerechnet Schürk sich die Mühe machen sollte, so nen Deal mit dem auszuhandeln. Aber das geht nicht, sie kann ja jetzt nicht einfach –
„Wie, nein?“ Schürk starrt sie an, ein bisschen entgeistert.
„Nein“, wiederholt Schröder deshalb. „Also, die blöde Lampe bezahl ich, aber ich geh hier nicht weg– und überhaupt, was kann ich denn dafür, wenn dieser Dreckswichser…“
Schürk sieht aus, als würde er es gerade mächtig bereuen, sich je in die Sache eingemischt zu haben. Seufzt. Macht eine Kopfbewegung Richtung Ausgang. „Schröder, komm. Abflug.“
„Mann, hast du was mit den Ohren, du Nudel?! Ich sag doch ich geh nicht. Ich kann nicht gehen, Chloë ist hier noch irgendwo, das– ich kann Chloë nicht einfach alleine lassen, die war eben noch da und jetzt ist sie weg und ich hab keine Ahnung ob’s der gut geht und – “ Sie schüttelt bestimmt den Kopf.
Nicht, dass sie glaubt, Chloë würde sie brauchen – Chloë ist eine der stärksten Personen, die sie kennt. Vielleicht die stärkste. Aber in so nem Laden mit tausend Linien und Kanten auf dem Boden und mindestens einem Mistkerl, der sich hier noch rumtreiben könnte…
„Deine Freundin, mit der du hier eben rumgelaufen bist? Die Blonde?“, schaltet sich jetzt auf einmal das brünette Muskelpaket neben Schürk ein, das den beiden bisher nur schweigend zugehört hat. Er berührt Schürk vorsichtig am Arm, während er spricht, wie ein stilles Lass mich mal kurz. Auch wenn sie dich gerade Nudel genannt hat.
„Ja“, platzt Schröder heraus. Schüttelt dann heftig den Kopf. „Also, nein. Oder, doch. Also, eine Freundin. Also, Mitbewohnerin. Ab jetzt.“ Deshalb ja auch das Möbelhaus. Geht die beiden aber eigentlich auch gar nichts an.
„WG also, ja?“ Schröder bildet sich ein, ein kurzes Grinsen über Schürks Gesicht huschen zu sehen, während er Bizeps-Boy einen verstohlenen Blick zuwirft. Der grinst genauso verstohlen zurück, und Schröder fühlt sich, als hätte sie gerade irgendeinen Witz verpasst, den alle verstehen, nur sie nicht.
Dann scheint Schürk für einen Moment mit irgendetwas zu ringen. Fässt sich an die Nasenwurzel, schließt die Augen und atmet einmal tief durch. Sieht aus, als würde er kurz alle seine Lebensentscheidungen in Frage stellen.
„Meine Fresse“, seufzt er, als er seine Augen wieder öffnet. „Okay. Dann suchen wir sie halt.“
Schröder will kurz protestieren. Sagen, dass sie das ja wohl noch alleine hinbekommt. Als ob sie ausgerechnet den Schürk und diesen anderen Bullen dafür braucht. Aber da fragt eben dieser andere Bulle auch schon: „Hat jemand von euch gesehen, in welche Richtung sie gelaufen ist?“
Schröder schüttelt den Kopf. Schluckt. Scheiße. Auf einmal fühlt sich das Brodeln, dass da vorhin noch in ihrem Bauch war, mehr wie ein Knoten an. Hätte sie doch bloß nicht… – nein, hätte der Dreckswichser nicht…
„Hey, das wird schon“, sagt Schürks immer noch namensloser Bullen-Kumpel beruhigend und lächelt ihr vorsichtig zu. Vielleicht ist der doch ganz okay. Obwohl er Bulle ist, und obwohl er sich mit dem Schürk rumtreibt. Und obwohl sie seinen Trost nicht braucht, natürlich.
„Wir teilen uns auf“, beschließt er. „Ich folg dem Rundgang einfach weiter wie angegeben…“
„…und Schröder und ich gehen in die entgegengesetzte Richtung“, ergänzt Schürk nickend. „Dann treffen wir irgendwo wieder aufeinander.“
Schröder starrt ihn entgeistert an.
„Was, dachtest du ich lass dich hier jetzt allein rumlaufen, nachdem ich quasi meine Hand dafür ins Feuer gelegt hab, dass du nicht noch mehr Ärger machst?“
Er wartet nicht auf eine Antwort. Nickt nur seinem Bullen-Kumpel zu und drückt kurz seine Schulter, dann dreht er sich um und steuert wieder auf den Service-Schalter zu.
Der Herr hinter dem Monitor beäugt ihn kritisch, so wie er ihren gesamten Austausch vorhin schon kritisch beäugt hat.
„Sorry, dauert noch ’n bisschen. Wir haben zu ermitteln. Vermisste Person. Sie verstehen.“
Damit greift Schürk einmal beherzt in den durchsichtigen Plastikbehälter mit Bleistiften, der neben dem Schalter an der Wand angebracht ist, und schiebt sich eine handvoll Stifte in die Jackentasche. Der Mitarbeiter öffnet verdutzt den Mund, aber ehe er etwas sagen kann, greift Schürk erneut in den Behälter und drückt Schröder ein weiteres Dutzend Stifte in die Hand.
„Hier. Man weiß nie, wann man die Dinger nochmal gebrauchen kann. Und wisch dir vielleicht mal das Blut von der Lippe.“
Mit der kaputten Lampe in der einen Hand und einem Jahresvorrat an Bleistiften in der anderen steht Schröder da. Ihr bleibt wohl nichts anderes übrig, als Schürk widerwillig hinterherzutrotten.
