Chapter Text
Die Stadt hatte einen seltsamen Geruch an diesem Abend eine Mischung aus Zuckerwatte, Popcorn, kaltem Metall der Fahrgeschäfte und dem süßlich-fauligen Atem des Spätsommers. Fazfest. Ein Jahr lang hatten die Zeitungen über das „Tragische Unglück in der alten Pizzeria“ geschrieben, die Polizei hatte Akten geschlossen, die Öffentlichkeit hatte getuschelt und dann hatten sie beschlossen zu vergessen. Vergessen durch Feiern, durch bunte Farben, durch laute Musik.
Für Mike war es wie ein Schlag ins Gesicht.
Er ging zwischen den Ständen hindurch, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben. Überall blinkten Lichter, Kinder lachten, Familien trugen bunte Heliumballons. Die Welt war laut, bunt und fröhlich und für ihn wirkte alles wie ein Alptraum, der sich als Traum tarnte.
Neben ihm hüpfte Abby, ihr Gesicht erhellt vom Riesenrad, das wie ein gewaltiges Auge über dem Platz thronte. In ihrer Hand eine Zuckerwatte, so groß, dass sie fast das Gleichgewicht verlor.
„Mike, guck mal!“ Ihre Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung. „Da vorne, die Clowns! Und die haben Tiere aus Ballons gemacht! Können wir hingehen? Bitte?“
Mike zwang ein Lächeln, nickte. „Klar, geh ruhig. Aber bleib in Sichtweite, ja?“
„Versprochen!“ Abby rannte los, ihre Zöpfe hüpften im Rhythmus ihrer Schritte.
Mike blieb stehen, ließ den Blick schweifen. Jeder Schatten zwischen den Buden ließ ihn erstarren. Jedes verzerrte Lachen eines Karussells klang wie das Echo metallischer Stimmen in seinen Ohren. Er wusste, dass es vorbei war. Dass sie tot waren. Dass er das Kapitel abgeschlossen hatte. Und doch sein Herz schlug schneller, je länger er zwischen all diesen lachenden Gesichtern stand.
Das ist falsch, dachte er. Es darf nicht einfach so weitergehen.
„Mike.“
Die Stimme ließ ihn zusammenzucken. Er fuhr herum.
Dort stand Vanessa. Jeansjacke, das Haar wirr und lose, die Augen so müde, dass es aussah, als hätten sie seit Tagen kein Licht mehr gesehen.
„Vanessa?“ Er brauchte einen Moment, um sicherzugehen, dass sie wirklich da war.
Sie trat näher, ihre Schritte hastig, als hätte sie Angst, er könne verschwinden, wenn sie nicht sofort bei ihm war. „Wir müssen reden.“
Er sah kurz zu Abby, die mit einem Clown diskutierte, ob sie einen Hund oder einen Schwan als Ballonfigur wollte. „Nicht hier. Abby“
„Es ist wichtig,“ unterbrach sie ihn. Ihre Stimme zitterte. „Mike sie sind zurück.“
Die Worte hingen wie Eis in der Luft.
Mike lachte trocken, ohne Freude. „Das ist nicht witzig. Sie sind weg. Ich habe dafür gesorgt.“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf, so heftig, dass ihr Haar ins Gesicht fiel. „Nicht alle. Ich habe Dinge gesehen gehört. Es fängt wieder an.“
Abby kam zurück, stolz einen Ballonhund in der Hand. „Mike! Guck mal!“
Er zwang ein Lächeln, ging in die Knie. „Schön, Abby. Richtig schön.“
„Können wir jetzt Riesenrad fahren?“ „Geh schon mal vor. Ich komm gleich nach.“
Als Abby weglief, wandte er sich wieder zu Vanessa. „Du kannst so was nicht sagen. Nicht hier.“
„Und wann dann?“ Ihre Stimme war eindringlich, fast flehend. „Willst du warten, bis es wieder passiert? Bis“
„Es wird nichts mehr passieren,“ schnitt er ihr das Wort ab. „Es ist vorbei.“ Doch er merkte, dass er sich selbst mehr überzeugen wollte als sie.
Sie gingen ein Stück am Rand des Festplatzes entlang. Hinter ihnen dröhnten Musik und Gelächter, das Riesenrad drehte sich langsam in der Dunkelheit, doch um sie herum wirkte alles gedämpft, wie hinter Glas.
Vanessa hielt die Arme verschränkt, als wolle sie sich gegen die Welt abschotten. Mike schritt neben ihr, die Schultern angespannt, die Augen wachsam auf jeden Schatten gerichtet.
„Du kannst es nicht ignorieren, Mike,“ sagte sie schließlich. Ihre Stimme war leise, aber fest. „Ich weiß, du willst, dass es vorbei ist. Ich auch. Aber es ist nicht vorbei.“
Er blieb stehen, starrte sie an. „Und was willst du, dass ich tue? Wieder Nächte durchstehen, wieder Türen verriegeln, wieder Abby in Gefahr bringen?“
„Abby ist in Gefahr, wenn du die Augen verschließt.“ Sein Blick verhärtete sich. „Sag das nie wieder.“
Für einen Moment standen sie einander gegenüber, zu nah, mit all dem Lärm des Festes im Hintergrund. Ihre Augen flehten, seine brannten. Es war wie ein unausgesprochener Kampf zwischen Angst und Verdrängung.
Vanessa senkte schließlich den Blick, atmete tief durch. „Bitte. Nur heute Abend. Reden wir in Ruhe darüber. Ohne Abby.“
Mike schwieg, ließ den Kopf sinken. Er wusste, dass er nachgeben würde.
Das Diner lag ein Stück außerhalb der Stadt. Eine alte Neonreklame flackerte träge über dem Eingang, der Geruch von frittiertem Fett hing schwer in der Luft. Es war fast leer, nur ein paar Nachtschwärmer saßen an den Tischen.
Mike und Vanessa nahmen eine Ecke, weit genug weg von den anderen Gästen. Der Kellner brachte zwei Teller Burger mit matschigen Pommes und zwei dampfende Tassen Kaffee.
Vanessa rührte kaum an ihrem Essen. Ihre Finger umklammerten die Tasse so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Mike sah sie schweigend an. Er hasste es, wie sehr sie ihn mit diesem Blick aus der Ruhe bringen konnte verletzlich, und doch entschlossen.
„Also?“ Seine Stimme war knapp. „Du wolltest reden. Fang an.“
Vanessa zögerte, dann hob sie den Blick. „Ich weiß, wie das klingt. Aber Mike, ich schwöre dir, ich habe sie gesehen. Toy Freddy. Bonnie. Chica. Und“ Ihre Stimme stockte. „ihn.“
Mike runzelte die Stirn. „Wen?“ „Meinen Vater.“
Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Für einen Moment wusste er nicht, was er sagen sollte. Er suchte in ihrem Gesicht nach einem Anzeichen von Übertreibung, nach einem Scherz. Doch da war nichts. Nur nackte Angst.
„Vanessa“ Er lachte trocken, aber es klang mehr wie ein Husten. „Das ist unmöglich. Dein Vater ist tot. Du weißt das.“
Sie schüttelte den Kopf, Tränen glitzerten in ihren Augen. „Nein. Er war da. Ich habe seine Stimme gehört. Er hat meinen Namen gesagt.“
„Das das war nur dein Kopf. Albträume. Du bist müde.“
„Nein!“ Sie schlug mit der Hand auf den Tisch, die Tasse klirrte. Ein paar Gäste warfen ihnen neugierige Blicke zu, wandten sich aber schnell wieder ab. Vanessa beugte sich vor, ihre Stimme bebte. „Das sind keine Träume, Mike. Ich kenne ihn. Ich weiß, wann er da ist.“
Mike lehnte sich zurück, rieb sich müde über die Augen. Alles in ihm wollte ihr glauben. Aber wenn er es tat, würde er wieder in denselben Abgrund gezogen werden, aus dem er sich mit letzter Kraft herausgekämpft hatte.
„Ich will nicht, dass Abby das hört,“ sagte er schließlich, leise, rau. „Und ich will nicht, dass sie dich so sieht.“
Vanessa starrte ihn an, fassungslos. „Also willst du einfach so tun, als wäre nichts? Nach allem, was du gesehen hast?“
„Genau deswegen.“ Seine Stimme wurde härter. „Weil ich weiß, was passiert, wenn man nicht aufhört, sich damit zu beschäftigen.“
Er griff in seine Tasche, legte ein paar Scheine auf den Tisch und stand auf.
„Mike bitte. Glaub mir.“
Für einen Moment blieb er stehen. Seine Hand lag schon an der Tür. Alles in ihm schrie, zu ihr zurückzugehen, ihre Hand zu nehmen, sie in den Arm zu ziehen. Aber er zwang sich, den Blick abzuwenden.
„Es ist vorbei, Vanessa,“ murmelte er, mehr zu sich selbst als zu ihr, und ging hinaus in die Nacht.
Allein
Vanessa blieb zurück. Sie starrte auf den kalten Burger vor sich, auf die Pommes, die niemand essen würde. Ihre Hände zitterten. Sie fühlte sich, als würde die Welt sich langsam gegen sie schließen.
Das Neonlicht über ihr flackerte, surrte unbarmherzig.
Und dann hörte sie es. Eine Stimme. Tief, verzerrt, vertraut.
„Du kannst ihm nichts vormachen, Vanessa. Du gehörst mir.“
Ihre Finger krampften sich um die Tischkante. Sie wagte nicht, sich umzusehen. Doch sie spürte es – eine Hand, schwer und kalt, legte sich auf ihre Schulter.
Sie keuchte, Tränen liefen über ihr Gesicht. „Nein“, flüsterte sie. „Du bist tot.“ „Tot?“ Das Lachen war hohl, metallisch. „Ich war nie weg. Und du weißt es.“
Sie presste die Augen zusammen, biss sich auf die Lippen. Als sie sie wieder öffnete, war die Hand verschwunden. Das Diner war leer. Nur das Summen der Neonlampe blieb.
Aber in ihrem Inneren wusste sie, Afton war nie verschwunden.
Und er würde sie nie in Ruhe lassen.
Der Regen hatte aufgehört, als Mike die Straße entlangging. Der Asphalt glänzte schwarz, jede Pfütze spiegelte das flackernde Neon der Laternen. Seine Jacke war feucht vom Niesel, doch er spürte es kaum. In seinem Kopf wirbelten Vanessas Worte im Kreis.
„Ich habe seine Stimme gehört.“
„Er hat meinen Namen gesagt.“
Er presste die Zähne zusammen, rieb sich über das Gesicht. Es konnte nicht sein. William Afton war tot. Verschwunden in den Flammen. Wenn Vanessa etwas gehört hatte, dann war es nur ihr eigener Kopf. So wie sein Kopf jede Nacht noch Geräusche hörte, die längst nicht mehr existierten.
Er schloss die Haustür auf, trat leise ein. Das Haus war dunkel, nur das Summen des Kühlschranks begleitete ihn. Er hängte die Jacke an den Haken, lauschte.
Stille.
Abby schlief.
Langsam ging er den Flur entlang, öffnete vorsichtig die Tür zu ihrem Zimmer.
Sie lag zusammengerollt im Bett, den Ballonhund vom Fest eng an die Brust gedrückt. Ihr Atem war ruhig, gleichmäßig. Auf ihrem Nachttisch lag eine halbfertige Zeichnung bunte Striche, ein großer Kreis, der an ein Karussell erinnerte.
Mike trat näher, betrachtete sie. So friedlich, so unschuldig. Ein Kloß stieg ihm in den Hals.
„Ich lass nicht zu, dass sie dich kriegen,“ flüsterte er. „Nie wieder.“
Doch die Worte schmeckten nach Lüge. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er etwas versprach, das er nicht kontrollieren konnte.
Er zog sich ins Wohnzimmer zurück, setzte sich schwer aufs Sofa. Der Regen hatte aufgehört, aber das Tropfen vom Dach rann gleichmäßig, wie eine Uhr, die die Sekunden zählte. Er starrte an die Decke, unfähig, die Bilder zu vertreiben: kalte Augen, mechanisches Kreischen, die Schreie der Kinder.
Und Vanessas Gesicht. Ihr Blick, voller Angst, voller Bitte.
Er schloss die Augen. Es ist vorbei, sagte er sich. Es ist vorbei. Aber er glaubte sich selbst nicht.
Das Diner war leer, die Stühle längst hochgestellt. Nur das Summen der Neonlampe über der Theke erfüllte die Stille. Vanessa saß noch immer am Tisch, die Hände um die kalte Tasse gekrallt.
Sie konnte nicht gehen. Sie wagte es nicht. Ihre Augen brannten, aber sie zwang sich, sie offen zu halten. Denn sobald sie sie schloss, sah sie ihn.
Und dann hörte sie es. „Vanessa.“
Sie zuckte zusammen, drehte sich um. Niemand war da. Nur ihr eigenes Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Doch da hinter ihr Spiegelbild.
Eine Gestalt. Groß. Verzerrt. Die Umrisse eines Mannes, verschwommen, als würde er halb in den Schatten existieren. Und die Augen violett, kalt, brennend.
Vanessa keuchte, wirbelte herum. Der Raum war leer. Nur das Brummen des Kühlschranks, das Flackern des Neonlichts.
„Nein“ Ihre Stimme zitterte. „Nein, nein, das ist nicht real.“ Aber die Stimme war da. Direkt in ihrem Kopf.
„Du kannst ihm nichts vormachen, Vanessa. Du bist mein Blut. Früher oder später wirst du es akzeptieren.“
Tränen liefen ihr über die Wangen. „Nein! Ich bin nicht wie du!“
Ein Lachen. Tief, metallisch, unnatürlich. „Du kannst rennen. Aber du kannst dein Blut nicht ändern. Du bist meine Tochter. Und du wirst zurückkommen.“
Sie presste die Hände gegen die Ohren, krümmte sich vor Schmerz. Doch die Stimme war nicht draußen, sie war drinnen.
Plötzlich spürte sie es.
Eine Hand. Schwer, kalt, wie Metall und verbranntes Fleisch. Auf ihrer Schulter.
Sie schrie auf, sprang hoch, schlug ins Leere. Da war nichts.
Nur der Geruch von altem Fett, das Summen der Neonlampe.
Sie stand zitternd da, ihr Atem ging stoßweise. Ihr Spiegelbild starrte sie aus der Fensterscheibe an. Blass, verweint, allein.
Langsam sank sie wieder auf den Stuhl, vergrub das Gesicht in den Händen.
„Er ist tot,“ flüsterte sie. „Er ist tot.“ Aber sie wusste, dass es eine Lüge war.
Denn William Afton war nie wirklich verschwunden.
Er lebte in ihr, in den Schatten, in der Dunkelheit.
Und er hatte gerade erst begonnen, sich zurückzumelden.
