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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2026-01-15
Words:
1,417
Chapters:
1/1
Comments:
2
Kudos:
2
Hits:
34

Korb zum Geburtstag

Summary:

Morgens am 16. Dezember werfen Tim und Stegi Körbe am Rheinufer.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Kalte Luft kann beißen. Besonders die Rheinluft, die Mitte Dezember über den Uferrändern wabert und scheußlich bissig ist. Stegi steht in seinen Thermo-Sportsachen um 8:00 Uhr morgens auf dem Platz und schaut durch die Nebelschwaden auf das, was die Skyline Kölns sein muss. Aber so ganz sicher ist er sich nicht. Er sieht nur wenige orangene Punkte, die die Gehwege zieren. In seinem Rücken geht die Sonne auf und mit jeder Minute wird es ein bisschen heller.

Stegi zieht sein Handy aus der Jackentasche und schaut auf die Uhr. 8:04 Uhr. Tim hatte doch wohl nicht verschlafen? Dabei war er doch derjenige mit dem gesunden Schlafrhythmus und einem geregelten Tagesablauf. Widerwillig tippt ein paar schnelle Worte in ihren Chat: ‚Komm ran jetzt.‘ Schnell vergräbt er die Hände wieder in den Taschen und schaut dem Himmel dabei zu, wie er von dunklen Grautönen zu einem matten Blau wird. Dabei bläst er Wölkchen in die Luft und wartet bis sein Atem verschwindet. Langsam geht er kleine Runden über den Basketballplatz und überlegt sich, wie er Tim gleich begrüßen sollte. Schnippisch, herzlich, sentimental, sarkastisch … oder – und das ist ein Gedanke, der sich in solchen Situationen gerne einschleicht – überhaupt nicht? Sollte er nicht besser wieder nach Hause gehen?

Als Geburtstagsgeschenk Körbewerfen am Rhein. Im Dezember, um 8 Uhr, bevor Tim zu seiner Familie fährt. Ja, wirklich. Was ‘ne bescheuerte und dumme Idee. Da helfen auch die Thermosflasche und die Teilchen vom Bäcker in seinem Rucksack nichts. Was eine Scheißdee. Aber Tim wollte eben kein richtiges Geschenk. Zumindest nichts, das sich mit Geld bezahlen lässt. Und eigentlich hatte Tim sich bei dem Vorschlag echt gefreut, also so schien es, aber …

Bevor Stegi weiter overthinken konnte, kam Tim vom Weg auf den Platz gejoggt. Es war 8:18 Uhr und er sah ziemlich warm aus. Tim winkte bereits aus der Ferne und Stegi musste unweigerlich lächeln und hob die Hand.

„Die Bahn ist ausgefallen. Ich musste laufen, sorry“, rief Tim ihm zu, kam vor ihm zum Stehen und ließ seine Tasche fallen. „Hallo, mein Stegosaurus“, sagte Tim dann etwas sanfter, umarmte Stegi und legt ihm eine warme Hand in den Nacken. Stegi war einfach zufrieden, dass Tim jetzt da war, warm war und noch immer nach seinem Deo roch, so wie er es seit dem letzten Treffen in Erinnerung hatte. Nach einem kurzen Moment sagte er: „So hast du mich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr genannt. Haha. Und ja … Hallo, Timbo.“ Bei jedem anderen Typen wäre es komisch gewesen, sich so lange zu umarmen. Aber schließlich war das Tim und nicht nur irgendein Typ. Mittlerweile war es so hell, dass man den Basketballplatz gut sehen konnte und sogar wieder die Spitzen des Doms.

„Also … Wollen wir?“, fragte Stegi, nachdem sie ein wenig aus der Thermosflasche getrunken und von den Croissants gegessen hatten. Er schaute Tim erwartungsvoll an und der kramte den Basketball aus der Tasche und warf Stegi den Ball zu. „Das fängt doch schonmal gut an“, grinste Tim, als Stegi den Ball fing.

Und in einer alten Manier, die Stegi schon immer an Tim geliebt hatte, nahm sein bester Freund das Ruder in die Hand und beschloss, dass Stegi sich gemeinsam mit ihm warmlaufen und gleichzeitig dribbeln sollte. „Aufwärmen ist wichtig … und Dehnen nicht vergessen.“ Tim war der fürsorglichste Mensch, den Stegi hatte. Den er je gehabt hatte. Tim war das Beste auf der Welt. Vor allem, wenn er ihn von der Seite anlächelte.

Nachdem Stegi sich nicht mehr so steif und kalt fühlte, versuchten sie, sich gegenseitig auszutricksen, sich zu ärgern und – Tim seinerseits – Stegi Komplimente zu machen. „Sauber!“, rief er Stegi zu, als er einen weiten Korb erzielte.

Das klang genauso, wie es schon immer aus Tims Mund geklungen hatte. Tims Stimmbänder waren ein Geschenk des Himmels. Ähnliches hatte er bereits vor mehr als zehn Jahren gedacht, als er während des Anatomielernens für Medizin verstand, welches Wunderwerk sich in jedem menschlichen Hals verbarg. Tims Stimme war schon immer so wunderschön gewesen. Während er selbst versucht hatte, seine Sprachfehler glattzubügeln, war Stegi immer mit Tims Klangfarbe und -art zufrieden gewesen. Er hatte ihn beneidet, gelie–.

„Zu langsam, du Bob!“ Tim ist schneller, agiler, sportlicher. Er zischt einfach an ihm vorbei. Immer wieder ohne Schwierigkeiten. Natürlich gewinnt Tim die Runden. Aber er ist nicht überheblich … und wenn er so dasteht, mit dem Ball unterm Arm und den Kakao aus der Kappe der Thermosflasche trinkt, wünscht Stegi sich, dass er sich früher getraut hätte, Tim zu treffen. Das war einer der größten Fehler gewesen.

Mittlerweile scheint die Sonne und erleuchtet jede Atemwolke, die die beiden in verschiedenen Rhythmen ausstoßen. Stegi nimmt die Thermosflasche an sich und schaut auf den Dom mit seinen Spitzen.

„Wir hätten das vor Jahren haben können.“ Tim dreht sich plötzlich zu ihm um, noch mit dem Backteilchen im Mund, und blickt ihn so an, wie er es immer tut, wenn er gespannt ist, was Stegi zu sagen hat. Stegi schaut ihn scharf an: „Nicht Basketball. Einfach allgemein. Ich bin immer noch so sauer deswegen. Die ganze Scheißangst für nichts …“ Tims Blick wird ruhiger und intensiver. Ihm fällt es auf. Natürlich fällt es Tim auf. Die blöden Tränen in seinen Augen glitzern bestimmt in diesem gottverdammten Sonnenschein.

„Ich bin froh, dass wir meinen Geburtstag zusammen starten. Genauso“, spricht Tim dankbar und wischt sich die Krümel vom Mund. Er kommt auf ihn zu und drückt ihn an sich. „Denk es nicht so. Wir finden uns immer noch okay. Und das nach all den Jahren. Das ist das Wichtigste. Ich hab dir das doch verziehen, Stegi. Und es gab ja echt nicht so viel zu verzeihen.“ Tim lacht und das Lachen vibriert auch in Stegis Oberkörper. Fuck, Mann. Er kann sich nicht halten und weint. Schlingt die Arme um Tim und heult einfach, wie so ein emotionaler Lappen.

„Ich hab dir noch gar nicht richtig zum Geburtstag gratuliert!“, fällt es Stegi, der sich zuvor nur zu große Sorgen um das Treffen gemacht hatte, da schreckhaft ein und löst sich von Tim. Seine Tränen kühlen ihm etwas die Wangen aus, deswegen möchte Stegi sich mit dem Ärmel abwischen, aber Tim ist mit seiner Serviette schneller. Das war schön. Komisch, aber schön.

„Die ist benutzt, oder?“, lacht Stegi, während er trocken getupft wird. Tim lacht auch und schaut in Stegis grüne Augen, auf seine hellen Haare, auf das Kinn – schaut alles an, was er sonst so selten sieht. „Komischer Geburtstagsglückwunsch, aber danke. Und ja, upps“, schmunzelt er und steckt das Papiertuch schnell wieder weg.

Dann schweigen sie kurz und schauen sich an, während weiter weg von ihnen auf den Fußwegen, die ersten Personen am Rhein Joggen gehen. Das Wetter ist ein weiteres Geschenk an dem Tag, und wäre Tim mit seinen braunen Haaren und seinem schönen Gesicht nicht so fucking blendend gewesen, wäre Stegi vielleicht nicht auf die Idee gekommen, Folgendes zu tun: Seine Trainingsjacke raschelt, während er sich vorlehnt, Tims Hand nimmt und ihm einen Kuss auf die Wange drückt. „Alles Gute zum Geburtstag, Tim“, sagt er sanft. Und ab dem Punkt weiß Tim nichts mehr mit sich anzufangen.

Das fühlte sich an wie Skypen, wie ein Eins-gegen-Eins auf Timolia, wie Stegis kreative Leidenschaften, wie jedes Kompliment, jede durchgemachte Nacht. Wie das Versprechen von Stegi vor einiger Zeit, ihn bald zu treffen. Es fühlt sich an wie das erste Treffen. Stegis Lippen sind warm auf seiner Haut, und als sie weg waren, wollte Tim, dass sie bleiben. Also entschied er sich, das einzig Sinnvolle zu tun: Er küsste Stegi auf die Stirn und hielt ihn sanft am Hinterkopf. Sachte schob er zwei Finger in Stegis blonde Haare. „Danke“, murmelt Tim gegen die warme Stirn. Zufrieden stellt er fest, dass Stegis Shampoo noch immer das gleiche war wie seit dem letzten Treffen. Endlich, endlich, endlich ...

Fuck, fuck, fuck. Stegis Augen waren geschlossen und er hätte sie am liebsten nie wieder aufgemacht. Also doch! Also ist es wahr. Also hätten sie das wirklich früher tun können. Also war es nicht nur für Content gewesen. „Ich hab Angst, Tim“, flüstert Stegi. Diese Worte brechen den Zauber und Tim geht demonstrativ einen Schritt zurück. Nimmt dabei seine Wärme, seine Lippen und seine Finger mit sich mit. Deutlich antwortet Tim: „Du musst keine Angst haben. Das ist nichts. Das muss nichts sein …“ Bei dem letzten Satz wird Tims Gesicht ernst. Aber was ist, wenn ich will, dass es etwas ist? Trotzdem entspannen sich beide und sie können sich ehrlich anlächeln.

„Noch eine Runde?“, fragt Tim. Und sie spielen weiter, bis Tim zu seinem Brunch muss.

Notes:

Den Schluss konnte ich erst heute Nacht zu Ende schreiben. Der Anfang wurde am 16. Dezember im Zug geschrieben. Das Tempus ist in diesem Text ein wenig experimentell.