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Category:
Fandoms:
Relationship:
Characters:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Series:
Part 1 of Drachenfeuer
Stats:
Published:
2016-10-08
Completed:
2016-11-02
Words:
59,200
Chapters:
17/17
Comments:
6
Kudos:
30
Bookmarks:
1
Hits:
1,019

Das vergessene Tal

Summary:

Thranduil trägt viele Wunden, die er niemanden sehen lässt und die auf seiner Wange ist nur eine davon. Was geschieht, wenn noch eine weitere hinzukommt?

Notes:

Zur Geschichte:
Der Elbenkönig hat es mir angetan und als ich ein wenig über den von P.J. und seinem Team erdachten Hintergrund zu seiner Narbe recherchiert habe, hat sie mich nicht mehr losgelassen. Das und die traurigen Augen des Königs, als Legolas am Ende von Der Hobbit geht, haben diese Geschichte entstehen lassen. Beides konnte ich nicht stehen lassen, wie es war.
Die Geschichte spielt nach den Ereignissen von Der Hobbit und Der Herr der Ringe Trilogie.

Disclaimer:
Die Figuren und Mittelerde gehören Tolkien und ich hege keine Absicht irgendeinen Profit aus dem zu schlagen, was meine Fantasie mit ihnen anstellt. Nur einige von mir erdachte Charaktere haben sich dazwischen geschmuggelt und sie sind alles, was mir gehört.

Anmerkung:
Die Wörter und Namen in Sindarin habe ich mit dem Online-Wörterbuch „Elbisch“ von Pons übersetzt.

Chapter 1: Die Seele des Königs

Chapter Text

~ * ~ TEIL I - Das vergessene Tal ~ * ~

 

Thranduil wischte den Einwand mit einer unwilligen Handbewegung zur Seite. Die mürrische Falte auf der Stirn des Beraters ignorierte er ebenso wie dessen Brummen.
„Ihr solltet es besser wissen, als mich mit solchem Unfug zu behelligen, Naerim“, knurrte Thranduil und stand schwungvoll auf.

Seit Tagen schon quälte ihn eine innere Unruhe, deren Ursache er nicht ergründen konnte, gleich wie sehr er sich bemühte. Er schlief kaum noch, denn Alpträume von Drachenfeuer und Tod suchten ihn heim und ließen ihn schwer atmend und voll Furcht aufschrecken, kaum dass er sich niedergelegt hatte. Selbst der Wein, der ihm sonst zu einigen Stunden gnädigen Friedens verhalf, zeigte sich wirkungslos in diesen Tagen.

Naerim wich vor ihm zurück, als Thranduil mit schnellen Schritten begann im Arbeitszimmer auf und ab zu gehen. Es fiel ihm schwer, sich auf die Wünsche und Belange der Berater zu konzentrieren. Sie erschienen ihm so belanglos, so ohne Konsequenz. Nun, da die Bedrohung Saurons und damit auch die Finsternis, die den Dunklen Wald heimgesucht hatte gebannt waren, war Frieden und Ruhe im Eryn Lasgalen eingekehrt. Die Elben des ehemaligen Düsterwaldes nutzten ihre Kräfte, um Pflanzen und Tieren zu helfen und die Wunden zu heilen, die Spinnen, Orks und Krieg hinterlassen hatten. Niemand musste mehr in den Kampf ziehen und ein jeder konnte sich auf seine Familie und seine unmittelbare Umgebung konzentrieren.

Dadurch hatten sie aber auch Zeit für andere Dinge und mehr und mehr flackerten kleine Intrigen und Zwistigkeiten zwischen den diversen Fürsten und hohen Familien seines Reiches auf. Manches konnte er ja noch nachvollziehen und bei so manchem Disput war es sein Schiedsspruch, der die Gemüter besänftigte. Er versuchte die Geduld aufzubringen, die von ihm verlangt wurde, aber manchmal fühlte er sich einfach müde.
Thranduil wusste, woran das lag.

Er hatte ganze Zeitalter auf Mittelerde erlebt, hatte viel gesehen und vieles ertragen. Es hatte auch schon früher Zeiten gegeben, da war er allein gewesen. Nun aber hatte er auch noch Legolas verloren.
Sein Sohn lebte noch, aber er hatte sich weit entfernt vom Eryn Lasgalen niedergelassen und lebte sein eigenes Leben in dem der Düsterwald und sein Vater keinen Platz mehr hatten. Seit dem Ringkrieg waren Jahrzehnte vergangen, in denen er den jungen Sindar nicht mehr gesehen hatte. Jahrzehnte, die sich immer enger um den König schlossen und ihn einkreisten wie Wölfe das Wild.

Hatte er früher die Düsternis im Wald mit Festen zu vertreiben gesucht, so waren inzwischen auch die Musik und das Lachen in seinen Hallen verstummt. Er machte weiter, Sonnenaufgang für Sonnenaufgang und wusste dennoch nicht, zu welchem Zweck. Die Gefahr war gebannt, Mittelerde lebte in Frieden und zum ersten Mal seit er denken konnte, herrschte fast schon Freundschaft zwischen Zwergen, Menschen und Elben.

Seine Welt, die Welt in die er hineingeboren worden war, eine Welt die ihn brauchte, existierte nicht mehr.

Kam daher seine Unruhe? War sie ein Zeichen, dass es für ihn an der Zeit war in die Morgennebel zu gehen? Die ewigen Lande in Valinor reizten ihn nicht und so verschwendete er keinen Gedanken daran. Die Tawarwaith waren in Sicherheit, nichts bedrohte mehr ihren Wald. Sie brauchten ihren König nicht mehr.

Thranduil hatte in seiner Wanderung innegehalten und starrte nun blicklos aus einem der hohen Fenster. Der Wald lag ruhig und still im Abendlicht vor ihm.

„Aran nín ?“, hörte er hinter sich die fragende Stimme seines Beraters. „Wie soll mit den beiden verfahren werden?“

Thranduil rieb sich mit den Fingerspitzen über die Stirn. Bohrende Kopfschmerzen begleiteten ihn nun schon, seit er am Morgen mit dem ersten Sonnenstrahl aufgestanden war. Zwei junge Tawarwaith stritten sich um eine Elbin, die von beiden nichts wissen wollte, sondern einen anderen erwählt hatte, der wiederum von den beiden Rivalen in einem unfairen Kampf übel zugerichtet worden war. Keiner von ihnen hatte noch Eltern – die Väter waren im Ringkrieg gefallen und die Mütter folgten ihren Gefährten in den Tod, wie es so viele Elbinnen seines Volkes getan hatten. So war es an ihm zu entscheiden. Ausgerechnet an ihm, der ja wohl in Liebesdingen der schlechteste Berater war, der in Mittelerde lebte!

Thranduil schnaubte. Dann wandte er sich um. „Sperrt die beiden Unruhestifter für drei Tage in den Kerker. Sie sollen die Zeit nutzen um sich für den Verletzten eine Entschädigung zu überlegen und sie sollen sich von der Elbin fernhalten. Sie jedoch soll binnen eines Monats entscheiden, wem sie ihre Gunst erteilt. Dann kehrt hoffentlich Ruhe ein“, entschied er.

Übelkeit wogte in ihm heran und er griff haltsuchend nach dem geschnitzten Fensterrahmen hinter ihm. Was geschah mit ihm?

„Mein Herr?“ Der Berater machte einen unsicheren Schritt auf ihn zu und hob die Hand, als wollte er ihn stützen. Thranduil wischte sie mit einem Knurren beiseite. Er wollte nicht berührt werden, von niemandem.
Er schüttelte kurz den Kopf und atmete vorsichtig tief ein, hoffend die Übelkeit damit zu vertreiben. Tatsächlich, es gelang. Langsam ebbte sie ab, nur um von einem bohrenden, schmerzhaften Ziehen in der Schulter ersetzt zu werden. Unsicher tastete er danach, konnte jedoch nichts finden, was die Schmerzen verursacht haben könnte. Es war nicht das erste Mal in den letzten Tagen, dass er dies fühlte und noch immer hatte er keine Erklärung dafür gefunden.

Draußen im Wald flogen einige Vögel auf. Der Klang schneller Hufschläge und der keuchende Atem eines Menschen drangen an sein Ohr. Er wirbelte herum und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Dämmerung. Die Baumkronen verbargen den Elbenweg, der direkt zu seinen Hallen führte. Doch die Vögel, die entlang des Weges erschrocken aufflogen sagten ihm, dass seine Ohren ihn nicht getäuscht hatten.

„Schickt zwei Wachen auf den Weg hinaus und lasst mir unverzüglich berichten, was dort vor sich geht!“, befahl er und hörte befriedigt wie der Berater nach einer knappen Verbeugung und einem gemurmelten „Ja, Aran nín“ mit raschen Schritten davoneilte.

 

~ * ~

Thranduil ritt ohne Pause. Die innere Unruhe, die ihn vor einigen Tagen ergriffen hatte, hatte nun einen Namen bekommen und der hieß Legolas.

Seine Gedanken rasten, während er die schnellen, ausgreifenden Bewegungen des Hengstes unter sich spürte und die Landschaft an ihm vorbeiflog. Der Bote, ein Krieger des Königs von Gondor, hatte nicht viel sagen müssen.
Er war, kaum dass ihn die Wächter erreicht hatten, vor Erschöpfung zusammengebrochen. Doch seine Botschaft hatte er noch überbringen können: Legolas und Aragorn hatten mit Drachen gekämpft und sein Sohn war schwer verwundet worden.

Die Pein in seinem Inneren war nun für Thranduil nicht länger unerklärlich, wusste er doch nur zu gut, welche Qualen Drachenfeuer verursachen konnten. Seine eigene Wunde, körperlich zwar geheilt und für die Augen der Elben, Zwerge und Menschen unsichtbar solange er sie nicht bewusst offenbarte, brannte noch immer in seiner Seele wie am ersten Tag.

Thranduil hatte sofort alle Krieger zusammengerufen, die bereit waren mit ihm zu reiten. Viele waren es nicht mehr, die in seinen Diensten standen, hatte doch die Schlacht am Erebor und der Ringkrieg große Lücken in die Reihen der Tawarwaith und Sindar gerissen. Er konnte und wollte es den wenigen Familien, die noch intakt waren nicht zumuten erneut die Väter und Söhne in den Kampf ziehen zu lassen. Denn dass es einen Kampf geben würde, dessen war er sich gewiss, hatte doch der Bote von mehreren Drachen gesprochen und einem Nest, das Legolas und Aragorn aufgestöbert hatten.

Legolas war jedoch über viele Jahrhunderte einer von ihnen gewesen und er war beliebt und geachtet gewesen unter den Kriegern und Wachen des Waldlandreiches. Deshalb hatten sich mehr Krieger bereit erklärt ihm zu Hilfe zu eilen, als Thranduil erhofft hatte.

So stürmte denn nun eine kleine Streitmacht aus fast achtzig Elbenkriegern hinter ihrem König her. Es war noch Nacht gewesen, als sie das Elbentor passiert hatten und nun dämmerte der neue Morgen am Horizont herauf, als sie über die weiten Ebenen ritten. In der Ferne, noch kaum erkennbar im Morgennebel, erhoben sich die Berge, in denen sich das verbarg, was er am meisten zu fürchten gelernt hatte.

Ein Schauer rann über seine Seele als in seiner Erinnerung erneut der dunkle Leib eines Drachen über ihn hinwegglitt und das heiß lodernde Feuer sich in seine Haut brannte.

Oft hatte er versucht, diese Erinnerung zu vergessen oder sie in den Tiefen vergangener Zeiten zu begraben. Die Narbe, die mit jedem Jahrzehnt mehr in seiner Seele brannte, ließ es nicht zu. Er wusste, noch einmal würde er das Drachenfeuer nicht überleben. Seine Kraft war erschöpft, aufgezehrt von den Jahrtausenden und der Einsamkeit. Doch er würde seinem Schicksal ruhig entgegentreten, wenn er damit das Leben seines Sohnes retten konnte.

Unermüdlich trieb er seinen Hengst weiter an, hörte hinter sich die anderen Reiter und für einen Moment empfand er Dankbarkeit für ihre Treue.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein Hengst zum ersten Mal strauchelte. Geistesgegenwärtig riss Thranduil ihn wieder hoch, doch er spürte, dass das Tier eine Pause brauchte. Nicht weit entfernt erspähte er eine Reihe Bäume und Gebüsch, die einen Bachlauf markierten und hielt darauf zu. Mit erhobener Hand bedeutete er dann seinen Kriegern anzuhalten und ließ gleichzeitig seinen Hengst langsamer werden. Das Tier schnaubte dankbar und blieb kurz darauf mit zitternden Beinen und hängendem Kopf stehen.

Thranduil schwang sich aus dem Sattel und strich dem Pferd dankend über den Hals, bevor er ihm Zaumzeug und Sattel abnahm. „Wir rasten hier!“, befahl er an niemand bestimmtes gewandt.

Ein erleichtertes Raunen ging durch die Reihen der Krieger, als auch sie absaßen und ihren Pferden die gleiche Erleichterung verschafften, wie es Thranduil getan hatte.

Er selbst ging zu dem schmalen Bach und tauchte sein Hände in das kühle Wasser um sich dann etwas davon ins Gesicht zu spritzen. Die kalte Nässe brannte auf seiner Haut, aber sie erfrischte ihn auch. Er wusch sich Schweiß und Staub vom Gesicht und trank dann aus der hohlen Hand, bis sein Durst gelöscht war.
Sein Hengst war ihm, wie immer an seiner Seite bleibend, gefolgt und senkte ebenfalls das Maul ins Wasser. Thranduil beobachtete ihn still. Das Tier war ein Geschenk seines Sohnes gewesen, der sich in den grünen Wiesen und lichten Wäldern Ithiliens mit der Pferdezucht versuchte und recht schnell erfolgreich geworden war. Das schönste Tier hatte er seinem Vater gesandt.
Der Hengst war groß und langbeinig, dabei kräftig genug um sowohl schnell als auch ausdauernd zu sein. Sein Fell war von einem hellen Gold, kaum dunkler als sein eigenes Haar, während Mähne und Schweif von einem satten Honigton waren. Nachts, im Mondlicht, schimmerte das Tier als wäre es aus reinem Silber gegossen, während es im Sonnenlicht hell wie gold glänzte. Sein Wesen war mutig, aber freundlich und treu und es hatte sich sofort an den König angeschlossen. Kein anderer konnte ihn reiten und er begrüßte seinen Herren jedes Mal, da er ihn sah mit einem freudigen Wiehern. Es zu hören und über das warme, seidige Fell zu streichen, war eine der wenigen Freuden, die Thranduil geblieben waren.

Nun riskierte er auch das Leben dieses edlen Tieres. Eine andere Wahl blieb ihm jedoch nicht, war es doch das schnellste Pferd im Stall und schnell musste er sein.

Das Pferd hatte seinen Durst gestillt und blickte ihn aus dunklen Augen an. Thranduil nickte ihm zu. „Komm, Glaurmellon , lassen wir die anderen an das Wasser.“

Er trat vom Bach zurück und kehrte dorthin zurück, wo er das Sattelzeug abgelegt hatte. Dies war das Zeichen für die Krieger nun ebenfalls ihren Durst und den ihrer Pferde zu stillen.
Thranduil ließ sich neben seinem grasenden Pferd auf den Boden sinken und kniete sich in den Staub. Es war ihm gleich, ob er damit seine edlen Kleider beschmutzte.
Sein Körper schmerzte, doch nicht vom langen Ritt. Seine Schulter brannte und nun, da er wusste, das Legolas vom Drachenfeuer verwundet worden war, erkannte er dass es dessen Schmer war, den er fühlte. Trotz der Qualen gab es ihm aber auch Hoffnung, bedeutete es doch, dass sein Sohn noch lebte.

Ihre Seelen waren verbunden, wie es bei allen Elbeneltern und ihren Kindern so war. Für gewöhnlich wurde das Band irgendwann schwächer, wenn die Elblinge erwachsen wurden und eigene Familien gründeten. Legolas war daran jedoch nicht interessiert und Thranduil, der wusste dass sein Sohn bereits die Sehnsucht nach den unsterblichen Landen in sich fühlte, rechnete auch nicht damit, dass er die Familie hier in Mittelerde weiterführen würde.

Und noch etwas hatte ihr Band stärker wachsen und enger werden lassen, als es bei den meisten üblich war. Durch den frühen Verlust seiner Mutter hatte sich der damals noch sehr junge Elbling sehr eng an seinen Vater gebunden und Thranduil hatte diese Verbindung mehr als alles andere gebraucht, um ihren Tod zu überwinden.

Die Krieger kamen wieder zurück und ließen sich rund um ihn ebenfalls nieder, um zu rasten. Sie stärkten sich am mitgenommenen Proviant und auch Thranduil aß etwas Dörrfleisch und einige getrocknete Apfelscheiben. Er fühlte keinen Hunger, aber er wusste, er brauchte die Nahrung wollte er den noch vor ihnen liegenden Gewaltritt durchhalten.

Ohne dass er ihnen ein Zeichen hätte geben müssen, begannen die Krieger ihre Pferde wieder zu aufzuzäumen und zu satteln, als die Sonne eine halbe Spanne weitergewandert war. Thranduil tat es ihnen gleich und schwang sich dann wortlos in den Sattel.
Sie folgten ihm ebenso schweigend, als sie ihren Weg, kaum langsamer als vorher, zu den Bergen fortsetzten, die sich nun grau und schwer vor ihnen im Sonnenlicht erhoben.

Noch ein weiteres Mal rasteten sie in der dunkelsten Stunde der Nacht, bevor sie mit dem beginnenden neuen Morgen die weiten Steppen verließen und mit dem Aufstieg in die felsigen, kargen Regionen begannen, die zu Füßen des hohen nördlichen Gebirges lagen. Kalte Winde fuhren auf sie hinab und brachten die ersten Boten des nahen Winters mit sich.

Im Eryn Lasgalen war der Herbst noch nicht ganz hereingebrochen, doch hier im Hochland und so weit nördlich, hatte der Winter größere Kraft und legte seine kalte, weiße Decke früher über das Land.

Thranduil zog seinen Umhang enger um sich und achtete darauf, dass auch die Kruppe und die Flanken seines Hengstes davon bedeckt waren, um das erschöpfte Tier vor der Kälte zu schützen. Schon bald würde der Aufstieg zu steil für die Pferde werden und sie würden absteigen und sie führen müssen. Thranduil versuchte diesen Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszuzögern, bedeutete er doch noch langsamer voranzukommen.

Er spürte Legolas Qualen nun als wären es seine eigenen und sie raubten ihm die Kraft, die er dringend brauchte. Schwer atmend klammerte er sich am Sattel fest und überließ es dem Hengst den besten Weg auf dem unebenen Boden zwischen Felsspalten und scharfkantigen Steinen zu suchen.

„Mein Herr?“, hörte er die leise, besorgte Stimme Giladhins neben sich. Der Heerführer hatte schon unter Thranduils Vater als Krieger dem Königshaus gedient und Thranduil wusste, dass er ihm bedingungslos vertrauen konnte. Müde warf er dem Elben einen Blick zu und schüttelte dennoch sacht den Kopf.
„Wir müssen weiter“, murmelte er und war selbst überrascht, wie rau seine Stimme klang.
Er schloss die Augen, um dem besorgten Blick zu entgehen und trachtete danach nichts von seinen Empfindungen in seiner Miene sichtbar werden zu lassen. „Ich kann Legolas spüren“, bot er dem Elben eine knappe Erklärung und dieser nickte grimmig, als er verstand.

Kurze Zeit später wurde der Pfad so schmal, dass sie tatsächlich absteigen mussten. Nach einiger Zeit, die sie in einem beschwerlichen Aufstieg hinter sich brachten, verbreiterte sich der Pfad zu einem kleinen Plateau. Thranduil zögerte kurz, doch dann ordnete er eine weitere Rast an. Er wusste nicht, ob sie in absehbarer Zeit noch einmal ein Gebiet erreichen würden, das groß genug dafür wäre und auf den schmalen Bergpfaden konnten sie nicht ausruhen. Hier bildeten ein flacher Felsvorsprung und etwas trockenes Gras noch einmal die Gelegenheit dafür.

Thranduil verzichtete darauf sein Pferd vom Sattel zu befreien und löste lediglich das Zaumzeug, damit sich der Hengst nicht im Zügel verfangen konnte.
Keiner der Krieger sprach ein Wort, als sie sich wieder im Kreis um ihn herum niederließen. Er spürte dennoch ihre Sorge – um ihn und um Legolas und es verdrängte etwas vom Schmerz aus seinem Inneren.

~ * ~

Thranduil war erschöpft eingeschlafen und die Krieger hatten sich schweigend um ihn versammelt. Viele von ihnen dienten schon seit Jahrhunderten dem König des Düsterwaldes und sie hatten Legolas aufwachsen sehen. War der Prinz wegen seines Mutes, seiner Fröhlichkeit und seiner freundlichen Art überall beliebt und stets willkommen, so wurden dem König gemischte Gefühle entgegen gebracht. Er galt als launisch und herrisch, seine eisige Schönheit, die sogar die der meisten Elfen übertraf, konnte nicht über die Kälte seines Herzens hinwegtäuschen.
Jeder wusste von der tiefen Liebe, die er zu seiner Gemahlin empfunden hatte. Doch nach ihrem Tod war davon nichts mehr übrig geblieben. Selbst seinem Sohn gegenüber verhielt er sich kalt und abweisend. Sie dienten ihm dennoch willig, da er ihnen ein guter König war. Auf seine Art war er stets gerecht und besorgt um ihr Wohlergehen, was den Tawarwaith trotz der Bedrohung, die auf dem Dunkelwald lag, ein gutes Leben ermöglichte.

Giladhin trat zu dem ruhenden König. Er schlief zwar, doch würde es kein erholsamer Schlaf sein, ahnte der Heerführer. Leise, um kein Geräusch zu verursachen, das den König aufschrecken könnte, ließ er sich so neben ihm nieder, dass sein Gesicht den anderen Kriegern verborgen war.

Giladhin seufzte leise, als er den Schatten sah, der über die Miene des schlafenden Königs glitt. Er hatte ihn schon als jungen Elb gekannt, war dabei gewesen, wie er verstört, überfordert und, verborgen hinter einer Maske aus Arroganz und Stolz, zutiefst verletzt von jener Schlacht zurückkehrte, die seinem Vater das Leben raubte.
Thranduil hatte den Platz eingenommen, der verwaist im Eryn Lasgalen auf ihn gewartet hatte, aber tief in seinem Inneren war er der junge Prinz geblieben, der so dringend einen Halt gebraucht hätte.
Er war zu einem großen König geworden und hatte es stets verstanden die Elben des Düsterwaldes vor größerem Übel zu bewahren. Er hatte es dafür auch in Kauf genommen, von den anderen Elben Mittelerdes abgelehnt und abgewiesen zu werden und nur wenige im Volk der Tawarwaith und der Sindar ahnten, welchen Preis der König für ihre Sicherheit zahlte.
Die Einsamkeit umfing ihn mit jedem Jahr mehr und nun, da auch Legolas, das einzige Licht im Leben des Königs, dem Düsterwald den Rücken gekehrt hatte, verglomm auch langsam die Flamme des Königs.

Giladhin konnte es sehen und es schmerzte ihn, die Schatten in der Miene seines Königs nicht vertreiben zu können.
Als er von der Verwundung des Prinzen erfahren hatte, war die Flamme noch einmal hell aufgelodert und in den eisblauen Augen war die Sorge um den Sohn gestanden, die wichtiger geworden war als das Wohl des Königreiches. Giladhin wusste, dass dies schon immer so gewesen war, aber Thranduil hatte stets sein eigenes Wohl dem seines Volkes hintenangestellt – was auch die Liebe zu seinem Sohn beinhaltete.

Er fragte sich, ob beide heil aus diesem Unglück würden hervorgehen können.

Thranduil murmelte leise im Schlaf und Schmerz flackerte in den makellosen Zügen auf. Dann schlug er die Augen auf und war sofort hellwach. Kein Wimpernschlag verging, bevor nicht die kühle Maske des stolzen Königs wieder auf seinem Gesicht erschien.

Und Giladhin bat die Valar stumm um Gnade für die Seele des Königs.

~ * ~