Work Text:
Zwei Wochen in Italien.
Zwei Wochen nur für sie beide - ohne Sorgen, ohne Verpflichtungen. Sie hatten nicht mal Pläne gemacht, gerade einmal das Hotel gebucht. Und dann waren sie einfach los.
Natürlich gab es schon einiges, was Dieter vorhatte, während sie die Sonne des Südens genießen würden: Albrecht verwöhnen, von früh bis spät, auf jede erdenkliche Weise.
Es war ihr erster gemeinsamer Urlaub am Meer. Italien war Dieters Idee gewesen. Albrecht hatte die wilde Atlantikküste in Frankreich vorgeschlagen oder die Côte d'Azur, doch dann hatten sie doch umdisponiert und sich für eine Reise nach Italien entschieden.
Hier konnten sie beide die Sprache nicht sprechen und Albrecht wäre Dieter nicht meilenweit voraus mit seinem Französisch, das Dieter ohnehin immer den Verstand raubte und dafür sorgte, dass sie sich im Handumdrehen gemeinsam in der Horizontale wiederfanden. Oder zumindest abgeschieden genug von neugierigen Augen, dass sie sich gegenseitig die Kleidung vom Leib reißen und ihre fiebrigen Körper dem Hunger nacheinander überlassen konnten.
Sie würden sich mit Händen und Füßen durchschlagen müssen und hoffen, dass Albrechts Nähe zum Französisch und Dieters mehr als gebrochenes Schulitalienisch, das schon viel zu lange zurücklag und nie benutzt wurde - Sprachen waren Albrechts Fachgebiet, nicht Dieters - für den Urlaub ausreichte.
Dieter würde sich auch nicht darüber beschweren, wenn sie ihr Hotelzimmer nur ab und an verlassen würden und in einem großen, weichen Bett ihre Körper für sich sprechen lassen würden. Sex war schon immer die Sprache gewesen, in der sie am besten kommunizieren konnten.
Dieter wusste sich gesegnet, dass Albrecht genau so viel sexuellen Appetit hatte wie er selbst.
Albrecht war ein unersättliches, verführerisches, vor Gier nach Dieter loderndes kleines Ding. Er könnte sich nicht glücklicher schätzen. Auch Dieter sehnte sich beinahe pausenlos nach Albrechts Nähe. Sie harmonierten in vielerlei Hinsicht, auch wenn es nach außen und auf den ersten Blick nicht so wirken mochte. Auch die beiden selbst hatten erst lernen müssen, ihre Verschiedenheit zu akzeptieren und die anfängliche Abneigung zu überwinden. Körperlich hatte es niemals ein Problem zwischen ihnen gegeben. Es war beinahe so, als hätten ihre Körper von Anfang gewusst, was das für eine gute Idee mit ihnen beiden war.
Der anfängliche Hass war in einem Meer aus Lust und Leidenschaft ertrunken und sie waren versöhnt und in gegenseitiger Akzeptanz an die Oberfläche getaucht und gemeinsam in die Realität getreten, sobald es ihnen gelungen war, sich lang genug voneinander zu lösen und auch außerhalb des Betts ausreichend Zeit miteinander zu verbringen, um sich besser kennenzulernen, ohne sofort wieder übereinander herzufallen. Es hatte seine Zeit gebraucht, doch Dieter hatte sich Hals über Kopf in Albrecht verliebt. Und das in einer Geschwindigkeit, die Sturmbannführer Hellstrom beinahe Angst machte - nie zuvor hatte er so etwas für jemanden empfunden. Albrecht war der erste Mensch in seinem Leben, den er innig und ehrlich liebte.
Natürlich empfand er für seine Familie und die wenigen echten Freunde auch tiefe Zuneigung, doch es war eine vollkommen andere Art von Liebe als das, was Albrecht Stein Dieter bedeutete. Manchmal kam sich Dieter vor wie von Sinnen für all diese tiefen, ungewohnten Gefühle, die viel zu groß für ihn schienen. Er bekam in manchen Momenten keinen klaren Gedanken zusammen, der gut beschrieben hätte, was Albrecht in ihm auslöste und was er für ihn alles tun würde.
Seit einiger Zeit hatte Dieter meistens blendende Laune und bemerkte, wie viel leichter es ihm fiel, freundlicher und mit mehr Lebensmut durch seinen Tag zu gehen - eine Qualität, von der er bisher nicht die geringste Ahnung hatte, dass er sie besaß.
Alles fühlte sich leichter und ein bisschen besser und so viel schöner an, seit es Albrecht in seinem Leben gab.
Und nun waren sie also gemeinsam in Italien, irgendwo an der Adria. Und Dieter konnte sich nicht sattsehen.
An den Farben des Südens, am gleißenden Licht der Mittagssonne, dem sanften Orange- und Rosatönen des frühen Abends und am Tiefblau der lauen Sommernächte.
An der Vielfalt der Früchte am Frühstückstisch und der Meerestiere auf seinem Teller.
An der Schönheit des dunkelroten Weins, spätabends an Albrechts Lippen und der glitzernden Wassertropfen, die sich in Albrechts Haaren und Wimpern verfangen hatten, wenn er nach dem Baden aus dem Meer kam.
An Aperol-Sprizz, der in sattem Orange mit der Nachmittagssonne um die Wette strahlte, wenn Dieter und Albrecht den Nachmittag am Pier am Hafen ausklingen ließen, aus Schutz gegen die Hitze saßen sie dort in weichen, weiten Leinenhemden und lockeren Stoffhosen. Dieters Füße in geschmeidigen Ledersandalen, Albrechts Füße nackt auf einem weiteren Stuhl aufgestellt, während er ein Buch oder Notizheft auf den Knien balancierte. Waren sie allein auf ihrem Balkon, dann hatte Albrecht die Füße oft in Dieters Schoß und er streichelte die weiche Haut seiner Fußknöchel …aber das führte dann meistens dazu, dass sie sich auf kurz oder lang die wenige Kleidung, die sie noch trugen, vom Körper zogen und sich heftig in der Mund stöhnten, während sie sich schamlos aneinander rieben. Sollte ein Nachbar aus einem anderen Hotelzimmer oder vom Haus gegenüber etwas mitbekommen, es war ihnen beiden egal, wenn Dieters Hände in Albrechts Haaren vergraben waren und ihm in ihrer wilden Umarmung das Haarband aus den kinnlangen Strähnen zogen. Oder wenn Albrecht sich rittlings auf Dieter setzte und genüsslich seine Hüften gegen Dieters rollte und dabei genug Lärm machte, dass auch die Pensionisten es mitbekommen mussten, die unten auf der Straße ihre Einkäufe erledigten - es war ihnen gleich. Der Balkon war ihr Reich und Dieter und Albrecht konnten nicht die Finger voneinander lassen. Es war wie ein Sog. Je öfter sie miteinander schliefen, desto hungriger wurden sie aufeinander.
Albrechts Hände waren in diesen Tagen nie frei - entweder hielt er ein Glas oder ein kühles, gespritztes Getränk, oder er blätterte in einem Buch, konzentriert in die Seiten versunken oder seine Hand flog über die leeren Seiten seiner Notizen, während er an einem neuen Gedicht schrieb. Am liebsten mochte Dieter es, wenn Albrecht seine Hand hielt, oft lagen ihre Finger verschränkt miteinander in Dieters Schoß, auf Albrechts Oberschenkel.
Dieter liebte den Anblick von Albrecht, wenn der junge Mann glücklich war - und dazu gab es in Italien wirklich viel Gelegenheit. Dieter selbst war von so viel Lebensfreude und Glück erfüllt, dass ihm der bloße Gedanke an ein Ende der Italien Ferien Panik bescherte. Albrecht konnte ihn und seine Stimmungen mittlerweile lesen wie ein Buch. Wann immer unruhige Gedanken in Dieter hoch kamen, nahm Albrecht seine Hand in seine und streichelte zärtlich mit dem Zeigefinger über Dieters gebräunten Handrücken. Waren sie gerade in einem Restaurant, nutzte Albrecht die Heimlichkeit der Tischdecke und strich mit seinem nackten, weichen, kleinen Fuß Dieters Schienbein und Wade entlang, vom Fußknöchel bis zur Kniekehle.
Waren sie gerade mit der Fähre unterwegs, legte Albrecht seinen Kopf auf Dieters Schulter und er konnte den Geruch des Sommers in Albrechts Haaren tief einatmen - Meersalz, Schweiß, Sonnenmilch und Zitrusfrüchte.
Am liebsten mochte Dieters es, wenn Albrecht abends seine Gedanken zum Schweigen brachte. Oft konnten sie dann die Dunkelheit der späten Stunde nutzen und ihre körperliche Zuneigung hatte eine Pause vom Verstecken Spielen von untertags: Saßen sie gerade in der hintersten Ecke einer Bar, eingehüllt in schummriges Licht, konnte Albrecht seinen Hals liebkosen, seine Zähne etwas weniger vorsichtig als ein schneller Kuss das erlaubt hätte, angespornt von dem Glas Rotwein in seiner Hand.
Wenn sie gerade am Pier spazieren waren, konnten sie eng umschlungen gehen und auch nah beieinander auf der Steinmauer sitzen, die Beine über dem Wasser baumelnd, in der Ferne ein Leuchtturm, dessen Lichtstrahl sie gerne beobachteten. Dieter mochte, wie Albrechts Augen dabei fast schon hypnotisch wurden, so gebannt starrte er übers Meer. Es erinnerte ihn an den Blick, den er von Albrecht kannte, wenn der Junge vor ihm kniete, hungrige Leidenschaft in den blauen Augen, wenn er dabei zusah, wie dem Sturmbannführer die Hose immer enger wurde, um seiner Erektion Platz zu machen. Dann würde er begierig an Dieters Gürtel nesteln und den Mund weit öffnen, seine rosa Zunge würde wie ein Verdurstender Dieters erste Tropfen der Lust auflecken und spätestens dann würde Dieter stöhnend Albrechts Kopf in seinen Schritt ziehen und beten, dass der Junge sich bald ans Werk machte.
Wenn sie so am Pier saßen miteinander, Dieters Kopf in Albrechts Schoß und die kühlen, schmalen Finger von Albrecht in kreisenden Bewegungen in seinem Haar, teilten sie sich gerne eine Zigarette und reichten sie zwischen sich hin und her, die glühende Asche wie ein Funken der Freiheit und des inneren Friedens, denn beides spürte Dieter ganz intensiv hier, am Meer, mit seinem Albrecht.
Er liebte es, wenn sie sich zu später Stunde durch die engen Gässchen in Richtung ihres Hotels zogen und für den Weg fünfmal so lange brauchten, einfach deswegen, weil sie alle paar Meter stehen blieben, um sich in dunkle Hauseingänge zu drücken und dort absolut hemmungslos übereinander herzufallen. Jedes Mal aufs Neue fanden sich ihre Lippen in tiefen Küssen, heftig und heiß wie ein Feuer loderte die Lust aufeinander zwischen ihnen. Oft genug schafften sie es gar nicht mehr ins Hotel, bevor das Verlangen sie überrollte wie die Wellen draußen im Hafen. Angespornt von dem Nervenkitzel und der Gefahr, entdeckt zu werden, war es schon vorgekommen, dass sie zusammen in einen Innenhof taumelten, sich abwechselnd gegen die Hauswände drückten, seufzend und stöhnend, während ihre Hände sich gegenseitig in den Weg kamen, in ihrer Hast, sich die Hosen von den Hüften zu schieben.
Es war gut mit Albrecht.
Dieters unfreiwillig schlaflosen Nächte wurden zu wundervollen Stunden, in denen der Sonnenaufgang immer zu früh kam, wenn er sich mit Albrecht eng umschlungen und keuchend in den verschwitzten Bettlaken wälzte und an Schlaf gar nicht zu denken war.
Die heißen Sommertage waren hier eine endlos schöne Schleife aus allem, was das Leben schön machte. Caffelatte und Cornetti zum Frühstück, Albrechts Haare zerzaust von der Hitze und den Aktivitäten der letzten Nacht, ein verschmitztes Lächeln um seine Mundwinkel, von dem Dieter sich sicher sein konnte, dass er das Spiegelbild davon in seinen eigenen Zügen trug. Bevor er Albrecht kennengelernt hatte, war ihm nur selten zum Lachen zumute gewesen und nun war es einfach für ihn.
Vormittage im Hotelzimmer, schwitzend aufeinander oder dösend eng umschlungen. Manchmal gingen sie auch auf den Markt und kauften frisches Obst ein: Saftige Pfirsiche, süße Melonen, Erdbeeren und Orangen.
Viele Stunden vertrieben sie sich mit Lesen, denn beide liebten es, sich in den Seiten eines Buches zu verlieren und für Stunden die Welt um sich herum zu vergessen. Sie nahmen ihre Lektüre mit auf den Balkon, in ein Cafe oder eine Trattoria, wo sie Tomaten mit Mozzarella und gekühlten Tè al limone genossen.
Den Nachmittag verbrachten sie entweder mit einem ausgedehnten Mittagsschlaf oder in der kühlen Temperaturen der Kirchen und Museen, welche sie besichtigten. Albrecht, der sich alle Zeit der Welt nahm, um Statuen und Bilder eingehend zu betrachten, war ein Anblick für sich. Er passte genau hierhin, zwischen die Kunstwerke talentierter Künstler, bildhübsch wie der Junge war. Dieter wünschte, er könnte selbst malen und Albrechts Schönheit für die Ewigkeit festhalten, doch er begnügte sich damit, mit seiner kleinen Kamera das Licht in Albrechts Haaren, den leicht gebräunten, schmalen Oberkörper mit den Sommersprossen auf den Schultern, die lachenden Augen, wenn Albrecht mit einem kecken “Na, Hübscher?” zu ihm aufsah, einzufangen.
Spätnachmittags, wenn es dann etwas kühler war, gingen sie gerne an den Strand. Albrecht begnügte sich damit, im seichten Wasser zu sitzen und die Finger in den Sand zu schieben und dabei nach Muscheln zu graben, während Dieter sich in die Wellen stürzte und sich glücklich treiben ließ.
Danach lagen sie gerne auf ihrem großen Handtuch im Sand, die kleinen Finger miteinander verhakt. Albrecht bekam Sommersprossen um die Augen und auf der Nase und Dieter musste sich am Riemen reißen, um nicht in aller Öffentlichkeit jeden einzelnen davon zu küssen, so hingerissen wie er von ihnen war.
Er begnügte sich damit, Albrecht einen raschen Kuss auf die Schulter oder die Schläfe zu drücken und ihm dann den Sonnenhut auf dem Kopf zurechtzurücken, damit der Junge keinen Sonnenstich bekam, mit seinen dunklen Haaren.
Manchmal unternahmen sie auch lange Spaziergänge am Strand, die nackten Füße in der Brandung, jeder mit einem Eis in der Hand; Zitrone und Haselnuss für Albrecht, Pistazie und dunkle Schokolade für Dieter. Er mochte, wie das bittere Sorbet auf Albrechts Zunge viel süßer schmeckte, als wenn Dieter sich frech etwas von Albrechts Eisbecher stahl.
Hatten sie nach Knabbereien und Aperol sprizz bei Sonnenuntergang noch Lust auf etwas zu essen, machten sie sich gerne über eine Fischplatte mit dem Fang des Tages her und teilten sich entweder Spaghetti aglio e olio zur Vorspeise oder Tiramisu zur Nachspeise.
Auch der Vino Rosso schmeckte ausgezeichnet, aus einem Glas auf einer Terrasse am Meer oder aus einer Flasche auf dem Balkon, wenn sie nackt draußen saßen und rauchten, die Körper klebrig und verschwitzt davon, wie sie zurück ins Hotel gestolpert waren und kaum warten konnten, bis die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, bevor sie sich schon leidenschaftlich küssten.
Dieter liebte das Feuer zwischen ihnen, aber er war auch ganz schrecklich verliebt in die Stunden, in denen sie sich Zeit ließen und einander genüsslich erkundeten, langsam und tief miteinander schliefen, die verschränkten Finger wie ein Anker zwischen ihnen und ihr geteiltes Seufzen wie eine sanfte Melodie in der Abendbrise.
Nein, Dieter Hellstrom dachte nicht gerne daran, dass die endlose, wunderbare Zeit irgendwann enden musste und sie die surreale Schönheit des dolce vita auch wieder verlassen mussten. Bis dahin würde er die Zeit in vollen Zügen genießen. Und nichts war leichter als das, mit Albrecht Stein an seiner Seite.
