Work Text:
»Und? Was willst du jetzt machen?«
»Weiß nicht. Mehr Alkohol klingt aber verdammt gut.«
Die Bar, in der sie ihren wohlverdienten Feierabend verbringen, ist voll für einen völlig normalen Donnerstag; sie können froh sein, noch einen Platz bekommen zu haben. Ihr Tisch ist relativ weit vom Tresen entfernt und dafür viel zu nah an den Toiletten, aber Felix ist überzeugt davon, dass das Till nicht gleichgültiger sein könnte.
Der hat nämlich ganz andere Sorgen: Er ist von seiner Freundin verlassen worden und dementsprechend beschissen ist seine Laune schon, seit er heute früh den ersten Fuß ins Präsidium gesetzt hat.
Abgesehen vom leeren Glas Whisky in seiner Hand scheint er sich momentan um herzlich wenig zu scheren.
Am Frühstückstisch, Felix, hatte er morgens im Büro geklagt, als ich gerade dabei war, Butter auf mein Brötchen zu schmieren. Wer tut sowas?
Besser als per SMS ist es allemal, hatte er daraufhin nur zu bedenken gegeben und Till hatte gegrunzt und sich missmutig wieder seinem kalten Kaffee zugewandt.
Dann hatten sie Pläne für nach dem Dienst gemacht, denn als bester Freund wird Felix einen Teufel tun und Till einfach so hängen lassen. Selbst wenn das jetzt bereits seine dritte gescheiterte Beziehung in sechs Monaten ist.
Nicht, dass Felix mitzählt. Das wäre schrecklich zynisch und irgendwie grausam.
»Sag mal, das mit dir und Ramona, dachtest du, das wäre was Ernstes?«
Die Frage lässt Till zusammenzucken und Felix fühlt sich sofort schuldig. Jedoch kann er nicht bestreiten, dass er auf die Antwort gespannt ist.
»Auch wenn es dir vielleicht schwer fällt, dir das vorzustellen, habe ich nicht nur Beziehungen zu Frauen, damit ich sie regelmäßig ins Bett kriegen kann«, sagt Till und senkt seinen Blick, als könne er dem wartenden Urteil in Felix’ Augen nicht standhalten.
Touché. Davon ist Felix in diesem Fall tatsächlich ausgegangen.
Von dem, was er persönlich wahrgenommen hat, hatten Till und Ramona wirklich nicht viel gemeinsam gehabt. Allerdings kann er auch nicht von sich behaupten, zu wissen, nach welchen Kriterien Till potenzielle Beziehungspartnerinnen auswählt – mal abgesehen von ihrer Attraktivität. Jedenfalls nicht nach geteilten Lebensrealitäten und Hobbys, so viel ist schon mal sicher.
Ramona ist definitiv hübsch gewesen, mit ihren kinnlangen blonden Locken, den funkelnden grünen Augen und der Stupsnase. Felix hat sie nur ein Mal getroffen und ihre freundliche Art und spritzige Persönlichkeit als sehr angenehm empfunden, aber er hatte sich schon gefragt, wie jemand wie sie sich für jemanden wie Till entscheiden konnte. Vor allem wegen des offensichtlichen Altersunterschieds – sechzehn Jahre sind schon ordentlich.
Seine Standardhypothese, wenn es um Till und Frauen geht, ist recht einfach: Er geht davon aus, dass Till verdammt gut im Bett sein muss, das aber nicht ausreicht. Sobald die Frauen sich dann mit seiner Alltagspersönlichkeit und seinem Lebensstil konfrontiert sehen, verlieren sie schnell das Interesse.
Nicht, dass er irgendwelche handfesten Beweise hätte, die das Ganze belegen würden. Als eine der wenigen Personen, die Till Ritter wirklich gut kennen, scheint es ihm nur sehr logisch geschlussfolgert.
Okay, vielleicht ist er ein klein wenig unfair. Till ist auch attraktiv, schlagfertig, selbstbewusst und ein Weltmeister im Flirten, aber Grundlagen für eine tiefgründige, langandauernde Beziehung sind das wohl eher nicht.
Da gehören noch andere Dinge dazu, Dinge, bei denen Felix sich nicht sicher ist, ob Till bewusst dazu fähig ist, sie zu leisten, weil sie ein Level an emotionaler Intimität erfordern, von dem er nicht glaubt, dass Till es leicht aufbringen kann, wenn die Nähe nicht existiert, die notwendig ist, damit Till auf andere Menschen so eingehen kann, wie er auf Felix eingeht.
Er bezweifelt stark, dass Tills Exfreundinnen ihn so kennen, wie Felix ihn kennt. Sie erleben nicht, wie geduldig er mit Basti umgeht oder wie aufmerksam er sein kann, wenn er will, zum Beispiel, wenn es um Felix’ Kaffeepräferenzen geht. Wie er mit Felix herumalbert, bis sie beide lachen müssen, oder nutzlose Diskussionen anfängt, um ihn aufzumuntern. Wie verlässlich er ist, wenn es drauf ankommt, und wie gut es sich anfühlt, ihn in brenzligen Situationen an seiner Seite zu haben. Er bezweifelt weiter, dass sie wissen, dass Empathie kein Fremdwort für Till ist, wenn er sich wirklich, wirklich Mühe gibt.
Felix würde wirklich zu gerne wissen, ob Till jemals einer Frau seine Gefühle gestanden hat, so wie er Felix gestanden hat, dass er sein bester und einziger Freund ist. Ob er jemals einer anderen Person dieselbe offene Verletzlichkeit gezeigt hat. Ihr so sehr vertraut und demonstriert hat, dass diese Person und ihr Leben ihm tatsächlich wichtig sind, ihm nahegehen. Ob er jemals so fest in das Leben einer Freundin gehört hat, wie er in Felix’ Leben gehört, sein Platz darin absolut unstrittig. Ob sie ihn wie Familie behandelt hat, weil er es verdient, dazuzugehören.
Unwahrscheinlich. In seinen Geschichten kommt keine große, verflossene Liebe vor, ist nicht die Rede von Beziehungen mit Aussicht auf mehr. Christina Lehndorff hätte vielleicht eine Ausnahme darstellen können, aber damals waren sie beide zu jung gewesen, um das ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Und natürlich hatte sie ihn dann betrogen und für ihren späteren Ehemann verlassen.
Till war nie verlobt, nie verheiratet und ist nicht geschieden. Es gab keine Louisa in seinem Leben, keinen knochentiefen Einschnitt, nur eine ganze Liste an Ramonas und Melissas und Barbaras. Kurze, oberflächliche Flammen mit unglücklichen, verschmerzbaren Enden.
Aber diese Frauen haben auch nicht die gleichen Erlebnisse mit Till durchgestanden, die er und Felix gemeinsam hinter sich gebracht haben, und es ist nicht so, als hätte die Beziehung – die Freundschaft –, die sie heutzutage verbindet, sich aus dem Nichts materialisiert. Die hat auch gekostet: Arbeit und Geduld und Ärger und Selbstüberwindung und Akzeptanz und Ehrlichkeit und Schmerz. Oh, und einiges an Alkohol.
Die Frage bleibt nur, ob Till jemals eine Frau finden wird, die bereit ist, das Gleiche in der gleichen Menge zu investieren. Die so viel irrationale Zuneigung zu ihm hegt, wie Felix das tut.
»Das wollte ich damit doch gar nicht ausdrücken«, lügt er und nimmt einen Schluck von seinem Bier, um den Schuldgeschmack herunterzuspülen.
Die Mischung schmeckt bitter und lässt ihn das Gesicht verziehen.
»Sondern?«, fragt Till und weigert sich weiterhin, ihn anzusehen, schiebt stattdessen sein leeres Glas auf dem Untersetzer hin und her.
Felix zuckt hilflos mit den Schultern, sich nur halb bewusst, dass sein Gegenüber das gar nicht mitbekommt.
»Ich– Ich wollte einfach nur wissen, ob ihr darüber gesprochen habt, was ihr beiden von der Beziehung erwartet. Ob ihr da... auf derselben Wellenlänge wart«, stammelt er sich lahm zusammen.
Till hebt den Kopf und ihre Blicke treffen sich. Seine Stirn hat er in tiefe Falten gezogen und die schlechte Laune zupft immer noch an seinem Mundwinkel.
»Sie hat halt nicht verstanden, was es bedeuten würde, mit einem Kommissar zusammen zu sein. Sie sagt, mein Job sei schuld. Dass sie unterschätzt hätte, wie begrenzt meine Zeit für gemeinsame Unternehmungen sein würde. Dass sie gehasst hat, wie oft ich Pläne absagen oder aufschieben musste. Wie spät ich manchmal von der Arbeit kam und wie ich danach manchmal gelaunt war. Damit wollte sie sich nicht zufriedengeben. Es war ihr nicht genug.«
Dass sein Partner ihm nicht direkt auf seine Frage geantwortet hat, entgeht Felix nicht. Und so ganz kauft er ihm das auch nicht ab, aber Till ist nun mal nicht unbedingt der Typ Mensch, der sich gerne seine eigenen Fehler eingesteht.
»Vielleicht solltest du nächstes Mal versuchen, jemanden in derselben oder einer ähnlichen beruflichen Laufbahn zu daten? Die hätten sicher keine Illusionen, was das angeht. Ich meine, was macht Ramona beruflich, Reiseberatung? Da gibt es wohl kaum Überschneidungspunkte.«
»Nee, Katja war die Reiseberaterin. Ramona ist Hundetrainerin«, korrigiert Till und einen Moment lang schauen sie sich an, ohne zu blinzeln, dann müssen sie beide lachen.
Felix weiß nicht, was genau der Auslöser war; ob es an der merkwürdigen Stimmung lag, an der unpassenden Nüchternheit von Tills Ton, seiner Wortwahl oder der Absurdität des Kontrasts, aber er ist verdammt dankbar für den Bruch in der Spannung, die sich da zwischen ihnen aufgebaut hat.
»So, dein Rat lautet also, dass ich mir eine Freundin suchen soll, die ebenfalls Polizistin ist?«, will Till wissen.
Der Humor ist noch nicht ganz aus seinen Zügen verschwunden und er verleiht dem Ausdruck, mit dem er Felix mustert, eine gewisse Wärme. Wenn sein Herz deswegen anfängt, schneller zu schlagen, hat er keine Skrupel dabei, es auf das Ethanol in seiner Blutbahn zu schieben, auch wenn das nur die halbe Wahrheit ist.
Es gefällt ihm, wenn Till ihn anschaut, als wäre er Felix dankbar für seine Gesellschaft, als könne er sich keine bessere vorstellen. Er hat dann immer dieses leichte Schmunzeln auf den Lippen, das dem ähnelt, das sich zeigt, wenn ihm ein besonders guter Kommentar eingefallen ist, aber es ist etwas weniger schief, weicher und nicht so verschwörerisch.
Felix liebt dieses Schmunzeln. In seinen schwächeren Momenten stellt er sich vor, dass es außer ihm niemand zu Gesicht bekommt.
»Liegt doch nahe, oder? Wenn der Job das Problem ist.«
Er nickt bedächtig. »Schon. Ich werd’s mir durch den Kopf gehen lassen. Danke, Felix.«
»Kein Problem. Deshalb bin ich ja hier. Um dir zu helfen.«
Felix leert sein Glas und Till greift danach.
»Ich hole uns Nachschub. Für dich nochmal das Gleiche?«
»Klar. Wieso nicht.«
Und so macht Till sich auf zum Tresen, ein Glas in jeder Hand, und manövriert geschickt um die anderen Gäste herum, gar nicht den Eindruck erweckend, als wäre er schon zwei Gläser tief in seinem Trauerprozess. Allerdings hat er da auch deutlich mehr Toleranz aufgebaut als Felix.
Felix beobachtet, wie Till von einem fremden Mann angesprochen wird. Der Typ ist definitiv jünger – Felix schätzt ihn auf Anfang dreißig –, sein blonder Schopf reicht Till bis zur Nase, er hat schmale Schultern und trägt eine Brille.
Zögerlich berührt er Tills Ellenbogen, während Till sich auf den Tresen lehnt und auf ihre Getränke wartet. Till wendet sich ihm zu und hebt fragend die Augenbrauen. Daraufhin lächelt der Typ schüchtern und sagt etwas, das Felix über den Lärm hinweg nicht ausmachen kann.
An und für sich ist die Interaktion nicht nennenswert, weil Till ständig von allen möglichen Menschen angequatscht wird, vor allem an Orten, wo Drinks im Spiel sind. Es ist Tills Reaktion auf den Mann, die Felix’ Aufmerksamkeit erweckt.
Überraschung zeichnet sich in Tills Gesicht ab, aber er kommt nicht irritiert rüber, eher... interessiert. Auch seine Körpersprache ist offen, nicht abweisend. Die vorsichtige Hand an seinem Arm rutscht tiefer, bis sie auf seinem Unterarm ruht, und Till scheint sich daran nicht zu stören.
Felix wünscht sich, er könnte hören, worüber die zwei reden, denn der Typ spricht weiter und im nächsten Moment weicht die Überraschung einem leichten Grinsen. Das Lächeln des Typen verliert ebenfalls an Schüchternheit und er lehnt sich etwas vor, sucht mehr Körperkontakt, flüstert Till ins Ohr und deutet anschließend Richtung Ausgang.
Till schüttelt den Kopf, und zwar auf eine Art, die Felix nur als entschuldigend lesen kann, holt dann aber sein Handy aus der Innentasche seiner Lederjacke und hält es dem Typen hin. Der greift sofort danach und tippt schnell etwas ein – seine Nummer, wenn Felix raten müsste.
Er gibt es Till zurück und verabschiedet sich mit einem kurzen Winken, das erneut von einem kleinen Lächeln begleitet wird, welches Till erwidert. Dann verzieht sich der Typ, Till nimmt ihre Gläser entgegen und kehrt zu ihrem Tisch zurück.
Felix hat vielleicht dreizehn Sekunden, um seinen eigenen Gesichtsausdruck wieder unter Kontrolle zu bekommen, denn er ist sich ziemlich sicher, dass sein Mund vor Schock offen steht und seine Augenbrauen auf seiner Stirn ungeahnte Höhen erklommen haben.
Hat Till gerade echt mit einem Mann geflirtet? Das war es doch, oder? Flirterei. Das Lächeln, die Berührungen, die Till ohne Widerspruch zugelassen hat, die Sache mit dem Handy.
Felix versteht die Welt nicht mehr. Ihm ist, als wäre er im falschen Film gelandet.
Ihm wird sehr heiß, dann sehr kalt. Ist seine Alkoholtoleranz gesunken? Ist er wahrnehmungsgestört und bei dem Typen handelte es sich in Wahrheit nur um eine Frau mit sehr kurzen Haaren?
An Tills Heterosexualität hat er noch nie vorher zweifeln müssen. Die schien ziemlich in Stein gemeißelt. Aber vielleicht ist ja auch Till derjenige, der hier zu viele Promille im Blut hat und nicht mehr zurechnungsfähig ist.
Ja, so wird es sein. Felix nickt bestätigend und schafft es gerade noch rechtzeitig, sich genug zu ordnen, um sein zweites Glas Pils mit einem neutralen Lächeln dankbar entgegenzunehmen.
Nur um das alles sofort zu ruinieren, indem er einen Moment später die Frage, die ihm auf der Zunge brennt, als wäre sie in Tabasco getränkt, nicht zurückhalten kann.
»Seit wann stehst du auf Männer?«
Tills Miene, die sich durch die Aussicht auf mehr Whisky und die Begegnung mit dem Fremden etwas entspannt hat, wird sofort wieder säuerlicher. Ob er sich ertappt fühlt oder nicht, kann Felix jedoch nicht beurteilen.
»Tu’ ich doch gar nicht.«
Er klammert sich an sein Glas.
»Und was war das dann?« Felix gestikuliert energisch in Richtung Tresen.
»Na ja, ich... das heißt...«
»Ja?«, ermuntert er ungeduldig.
»Ich hatte noch nie was mit ‘nem Typen, ehrlich. Aber in der Sekunde habe ich halt gedacht: Wieso eigentlich nicht? Schaden könnt’s nicht, es auszuprobieren. Und unter uns gesagt, denke ich das immer noch.«
Felix wird wieder heiß. Seine Handflächen fangen an zu schwitzen. Ärgerlich vergräbt er sie in seinen Jackentaschen und stiert den Schaum in seinem Bierglas nieder.
»Bist du dir sicher?«, setzt er sein unüberlegtes Verhör fort und tut sein Bestes, die Bitterkeit, die sich auf seiner Zunge ausbreitet, von seiner Stimme fernzuhalten.
»Warum?«, fragt Till zurück und die Gegenfrage scheint von tatsächlicher Verwunderung herzurühren, statt Teil einer schwachen Abwehrtaktik zu sein.
Felix verdreht die Augen.
»Weil deine Freundin mit dir Schluss gemacht hat und du angetrunken bist. Was, wenn das jetzt bloß eine Kurzschlussreaktion ist, die du später bereust?«
»Hm«, macht Till nachdenklich, hebt sein Glas an die Lippen und nimmt ein, zwei, drei Schluck Whisky. »Was, wenn es mir Spaß macht? Chancen soll man nutzen. Meine Woche ist eh ruiniert, vielleicht kann ich sie mir doch noch ein wenig versüßen.«
»Du willst also mit dem erstbesten Kerl ins Bett steigen, der es dir anbietet?«
Seine Worte kommen ihm viel zu hitzig über die Lippen und er erschreckt ein bisschen über sich selbst. Aber die Hitze ist überall in seinem Körper und macht keine Anstalten, abnehmen zu wollen. Eher im Gegenteil.
Die längste Zeit ist er sich wie ein schrecklicher Freund vorgekommen, weil er Gefühle für Till hat. Ihn begehrt. Er hat sich dreckig gefühlt, dreckig und schuldig, und hat alles Erdenkliche getan, um es einfach auszublenden, zu verdrängen.
Und jetzt? Jetzt?
Jetzt ist da plötzlich ein riesiger Riss in seinem Weltbild, der sich quer durch alles zieht, was mit Till Ritter zu tun hat.
Wenn er weiter darüber nachdenkt, wird ihm schlecht. Es mag bescheuert sein, aber er empfindet so etwas wie Ärger über die Ungerechtigkeit des Schicksals, von dem er sich verraten fühlt, und es ist ein Ärger, der sich nicht einfach schlucken lässt.
Versuchen muss er es trotzdem, daher greift er prompt nach seinem Bier und setzt das Glas erst wieder ab, als es halb leer ist. Dann wischt er sich achtlos mit dem Handrücken den Schaum vom Mund.
Leider ist Tills nächster Satz seiner Selbstbeherrschung absolut nicht zuträglich.
»Olli hat einen verdammt netten Eindruck gemacht.«
»Olli?« Felix ist kurz davor, den Verstand komplett zu verlieren.
»Olivier. Er ist Franzose und beruflich in Berlin.«
»Ach. So ist das also.«
Seine Worte sind voll von schneidendem Desinteresse. Leider muss er zugeben, dass der Einfluss des Alkohols seinen Filter deutlich durchlässiger gemacht hat, als er normalerweise ist. Seine Reaktion ist unangemessen, und wenn er nüchtern wäre, würde er sich sicher dafür schämen.
Tja.
Dass er nicht zu hundert Prozent heterosexuell ist, weiß Felix schon seit der Mittelstufe, als sein Körper auf eine Partnerübung mit Arne Jakobs im Sportunterricht nicht unbedingt so reagiert hatte, wie man das erwarten würde.
Er kann vom Glück reden, dass das keinem seiner Klassenkameraden aufgefallen ist. Anschließend hat er für den Rest seiner Schulzeit in der ständigen Angst gelebt, dass ihm das nochmal passieren könnte, und hatte versucht, so unauffällig zu bleiben wie möglich.
Sein erstes Mal mit einem Mann hatte er erst während des ersten Semesters seines Kunststudiums gehabt, nachdem ein feuchtfröhlicher Ersti-Cocktailabend seine Nervosität weggespült und seine Hemmschwelle drastisch genug gesenkt hatte, um ihn Martin Borowskis Angebot annehmen zu lassen.
Er kann sich zwar nur noch verschwommen an die Nacht und den Morgen danach erinnern, aber er weiß noch genau, wie froh er gewesen ist, es endlich ausprobiert zu haben und dem Ganzen auch einen Namen zuordnen zu können – Bisexualität. Das hatte sich gut, hatte sich richtig angefühlt. Passend.
Nachdem der Bann sozusagen gebrochen gewesen war, hatte er noch mit einigen anderen Männern herumexperimentiert, bis er Louisa kennenlernte. Seitdem hat er mit dieser Seite von sich nicht mehr viele Berührungspunkte gehabt und war auch nicht unbedingt unglücklich darüber, weil er schlichtweg zu beschäftigt gewesen war und zu viele andere Sorgen gehabt hatte.
Dann war Till Teil seines Lebens geworden und Felix hatte sich nach anfänglichen Differenzen eingestehen müssen, dass da etwas zwischen ihnen war, beziehungsweise dass er wollte, dass da etwas zwischen ihnen war und dass es sich bei diesem etwas um mehr handeln sollte als normale Freundschaft. Weil Felix sich in seinen verflucht unerreichbaren Partner verliebt hatte, verdammt nochmal.
Ein Partner, der für Männer nie einen zweiten Blick übrig gehabt hat, aber bei Frauen nie zögerte, sie wissen zu lassen, dass er sie attraktiv fand, der früher gerne auch den einen oder anderen billigen Witz über Schwule vom Stapel gelassen und Vergnügen daran gefunden hat, über Felix’ Sexualität zu spekulieren.
Und jetzt sitzt ebendieser Partner hier vor ihm, nachdem er praktisch vor seinen Augen mit diesem Olli geflirtet hat, und gesteht ihm, dass er sich eventuell auch zu anderen Männern hingezogen fühlt?
Felix’ Gefühlswelt steht Kopf.
Wenigstens ist er wohl nicht der einzige hier, der perplex ist, denn Till betrachtet ihn verwirrt.
»Hast du etwa was dagegen?«
»Und wenn?«, fragt er herausfordernd, die verdammte Hitze in jeder Silbe.
Sein rationaler Teil hat das Handtuch geworfen. Alles, wozu er noch im Stande ist, ist hier zu sitzen und sich selbst fassungslos zuzuhören. Was ist das eigentlich, das ihn so anstachelt und ihn von innen heraus verbrennt?
»Felix, du bist der Letzte, von dem ich so eine Reaktion erwartet hätte.«
»Ist das so?« Er hebt die Augenbrauen, spielt verdutzt und muss sich dafür nicht mal sonderlich anstrengen.
Till nickt bekräftigend. »Ja. Du bist doch sonst nicht so intolerant.«
»Und du bist ein Idiot, aber das ist ja nichts Neues.«
Eifersucht. Die Emotion heißt Eifersucht. Und sie brennt und sticht und macht ihn furchtbar ungenießbar. Verzweifelt ballt er unter der Tischplatte die Hände zu Fäusten und atmet tief durch, doch auch seine bewährtesten Beruhigungstaktiken bleiben erfolglos.
Die Dinge, mit denen er sich für gewöhnlich ablenkt, wollen ihm nicht in den Sinn kommen. Dafür fällt es ihm erschreckend leicht, sich auszumalen, wie Till sich von Olli küssen lässt, wie er sich anfassen lässt, wie die beiden zusammen–
Glücklicherweise unterbricht Till den Strang seiner Gedanken, bevor Felix sich darin verheddern kann wie in einem Spinnennetz.
»Was willst du jetzt damit sagen?«
»Egal. Ruf doch Olli an und lass dich von ihm ficken. Oder andersherum. Ich gehe jedenfalls nach Hause.«
Felix sammelt sich, trinkt sein Bier aus und stellt das leere Glas bestimmt vor sich auf den Tisch, dann kramt er 20€ aus seiner Geldbörse und hält sie Till hin. »Hier. Mein Anteil. Den Rest kannst du behalten.«
Er ist verhältnismäßig ruhig geblieben. Gefasst. Hat trotz Versuchung nicht die Stimme gehoben, und darauf ist er stolz.
»Felix–«, fängt Till an, aber Felix lässt ihn nicht ausreden.
»Gute Nacht. Und viel Spaß noch, Herr Ritter.«
Den Seitenhieb konnte er sich dann doch nicht verkneifen.
Er steht auf, schiebt den Stuhl ordentlich ran und wendet sich entschlossen dem Ausgang zu, in der stillen Hoffnung, dass die kalte Abendluft die Hitze und das Kopfkino von Till und Olivier vertreiben wird.
Doch Till, der ebenfalls aufgestanden ist, packt ihn am Handgelenk und zieht ihn zurück. Die Berührung lässt die Hitze noch stärker auflodern und Felix versucht instinktiv, sich zu befreien, aber vergeblich – Till hält ihn fest.
»Glaub’ ja nicht, dass ich dich einfach so gehen lasse. Nicht, bevor du mir nicht gesagt hast, was genau dein scheiß Problem ist.«
Resigniert bleibt er stehen und gibt sich geschlagen. Eine Szene kann er nun wirklich nicht gebrauchen.
»Ich habe kein Problem«, lügt er stattdessen halbherzig. Seine zweite Lüge heute Abend, aber Ehrlichkeit würde ihn hier zu viel kosten. Mehr, als er sich leisten kann.
»Doch, hast du. Und zwar mit mir. Aber ich weiß, dass du normalerweise nichts gegen Schwule hast, also kann es das nicht sein. Was dann? Ist das so ein Komplex, wo du es bei Fremden tolerieren kannst, aber nicht bei Freunden und Familie?«
»Nein!«, zischt er mit Blick auf die anderen Gäste, die sie glücklicherweise ignorieren, und schüttelt angewidert den Kopf. »Damit hat das rein gar nichts zu tun. Aber ich schulde dir auch keine Erklärung. Das wäre sowieso sinnlos.«
»Sinnlos? Warum das?«
Till macht den Eindruck, als hätten ihn die Worte echt verletzt, aber Felix kann sich darauf gerade nicht konzentrieren. Sein Hauptziel ist es nach wie vor, hier herauszukommen.
»Wenn du das nicht weißt, kann ich dir auch nicht helfen.«
Er hält Felix immer noch am Handgelenk gepackt und Felix kann spüren, wie sein Herz in seiner Brust hämmert. Die unerträgliche Hitze ist und bleibt allgegenwärtig, kriecht weiterhin in jedes seiner Worte, das Bier ein verlässlicher Brandbeschleuniger.
»Ich verstehe nicht, was ich getan habe, das dich so wütend gemacht hat, Felix. Aber es tut mir leid.«
Das Schlimmste, denkt er verbittert, mal abgesehen davon, dass Till keine Ahnung hat, wofür er sich entschuldigt, ist wahrscheinlich, dass er rein gar nichts dafür kann. Er hat Felix nicht darum gebeten, unerwiderte Gefühle für ihn zu hegen.
Als Felix diese Gefühle noch für völlig aussichtslos gehalten hat, waren sie ironischerweise besser zu ertragen gewesen als jetzt, wo er weiß, dass andere Männer für Till scheinbar eine Option sind.
Nur halt nicht er.
Die Eifersucht tobt in ihm wie ein wildes Tier, sie beißt und kratzt und der Schmerz lässt nicht nach.
Vor einer halben Stunde war Till noch derjenige, der Trost brauchte. Jetzt ist er an der Reihe, und in seinem Schrank daheim steht eine Flasche Cognac mit seinem Namen, die nur darauf wartet, geöffnet zu werden, Dienst hin oder her. Um den Rausch kann er sich morgen früh Gedanken machen.
Darüber, dass Basti etwas mitbekommen könnte, muss er sich immerhin keine Sorgen machen, denn der ist die Woche über auf Klassenfahrt in Eckernförde. Wenn ihr letzter Mordfall sich nicht so hingezogen hätte, wäre Felix wie ursprünglich geplant als Elternvertreter mitgekommen, dann wäre ihm das alles hier erspart geblieben. So hat ihm seine anhaltende Pechsträhne leider einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht.
»Dann lass los. Lass mich gehen. Bitte.«
Seufzend lockert Till seinen Griff und Felix zieht seine Hand ruckartig zurück, als hätte er sich verbrannt. Er massiert sich das Handgelenk und bringt mehr Abstand zwischen sie. Till beobachtet ihn, sichtlich hin- und hergerissen.
»Felix, ich wollte nicht–«
»Schon klar. Aber du bist betrunken und ich gehe jetzt heim. Ins Bett. Was du machst, bleibt natürlich dir überlassen, aber ich würde dir raten, es mir gleich zu tun.«
Er senkt den Kopf und wendet sich ab, wieder im Begriff, zu gehen. Diesen Abend hinter sich zu lassen.
»Du bist aber nicht eifersüchtig, oder?«
Erschrocken hält er inne. Die Frage wischt alle Gedanken aus seinem Kopf und lässt nur gähnende Leere zurück. Leere und die Hitze, die jeden noch so kleinen Raum in seinem Körper auszufüllen scheint, ihm zwischen den Zähnen und unter den Fingernägeln brennt.
»Wieso zum Teufel sollte ich eifersüchtig sein?«, bringt er schließlich heraus, ohne aufzuschauen.
»Ein anderer Grund für dein Verhalten fällt mir nicht ein«, sagt Till und er klingt frustriert. Es nervt ihn, dass er dieses Rätsel nicht lösen kann, dass er Felix nicht versteht.
Unter normalen Umständen würde ihn das wahrscheinlich amüsieren, aber heute Abend ist alles andere als normal.
Er schnaubt abfällig. »Dann hör’ auf, dir den Schädel darüber zu zerbrechen. Es spielt eh keine Rolle.«
Till seufzt. »Für dich aber schon«, widerspricht er.
Felix holt tief Luft und atmet langsam aus. Seine Lungen brennen auch, aber husten muss er nicht. Die Hitze bekommt er nicht aus sich heraus, sie klebt an seinen Innenseiten wie Sirup. Wenn er nicht bald hier rauskommt, erstickt er. Zumindest fühlt er sich so.
»Ich werd’ schon drüber wegkommen.«
Vielleicht, vielleicht nicht. Seine Erfolgsbilanz ist nicht sonderlich gut, was das angeht. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und übermorgen ist auch noch ein Tag.
»Aber–«
»Es reicht, okay? Ich bin müde. Ruf ihn einfach an und finde raus, ob du auf Sex mit Männern stehst, wenn du’s so nötig hast. Wir sehen uns dann morgen pünktlich zu Schichtbeginn im Büro.«
Ohne sich nochmal umzudrehen, verlässt er die Bar. Draußen vor der Tür bleibt er stehen und gibt sich einen Augenblick, um runterzukommen. Leider stellt sich heraus, dass das gar nicht so einfach ist.
Seine Hände zittern und er atmet zu schnell, außerdem ist ihm leicht schwindelig. Er zwingt sich, seinen Atemrhythmus zu verlangsamen und seine Muskeln zu entspannen. Die durch sein regelmäßiges Ausdauertraining erworbene Disziplin lässt ihn auch diesmal nicht im Stich, und er schafft es irgendwie, das Ganze teilweise zu regulieren.
Der Wind bringt den Geruch von nassem Asphalt und altem Bratfett aus der Pommesbude ein paar Häuser weiter mit sich. Eine kühle Brise fährt ihm durchs Haar und streicht ihm beruhigend über die erhitzte Haut, eine Art Balsam für seine Seele, die ihn erdet.
Felix fühlt sich zu gleichen Teilen räudig und jämmerlich.
Die Bilder von Till und Olli sind immer noch da, suchen seine lebhafte Fantasie heim, hartnäckig wie eh und je. Sie werden sich auch nicht durch aktives Eingreifen verscheuchen lassen, so viel ist ihm klar. Rosa Elefant und so. Also gibt er auf und lässt sie zu.
Es ist nicht fair, dass Olli derjenige sein wird, für den Till sein grässliches Hemd aufknöpft, der lernt, wie Tills zögerlichen Küsse schmecken, wie seine neugierige Berührungen sich anfühlen, während er seinen Körper erkundet, der ihm sanfte Ermunterungen ins Ohr murmeln und ihn führen darf, der ihm zeigen kann, was sich gut anfühlt und mit seinem lüsternen Stöhnen belohnt werden wird.
Es ist nicht fair, dass Olli ohne jeden Kampf das bekommen wird, wovon Felix seit Jahren nur noch in seinen kühnsten Träumen fantasiert, weil er ein hübscher, junger, blonder Kerl mit einem netten Lächeln ist, der gutes Timing hat – quasi die männliche Ausgabe von Tills Beuteschema und die zweckdienliche Option in einem.
Ohne jede Anstrengung, für ein kleines bisschen Flirten, wahrscheinlich mit einem charmanten französischen Akzent. Eine Nummer, mit der er bestimmt regelmäßig Erfolge einfährt.
Vielleicht sollte Olli anfangen, Lotto zu spielen, denn er muss die Sorte Glück haben, die einen Millionengewinn garantiert und dann auch verhindert, dass anschließend der Lottoschein abhanden kommt. Quasi das totale Gegenteil von Felix.
Felix weiß, dass er sich unmöglich benommen hat. Till hätte niemals vor ihm mit einem Mann geflirtet, wenn er ihm nicht vertraut hätte, anschließend das Richtige zu sagen, ihn moralisch zu unterstützen und für ihn da zu sein, statt vorschnell zu urteilen und sich wie ein missgünstiger Volltrottel zu verhalten. Dass das anders gelaufen ist, kann er nur teilweise auf den Alkohol schieben.
Eifersucht ist ohne Zweifel die nutzloseste aller Emotionen, denn sie ist nur destruktiv und heilt nichts, macht niemanden glücklich. So kommt er sich höchstens vor wie ein unzufriedenes Kind, allerdings eins, das zusätzlich die Qualen einer tiefen, unerwiderten Liebe durchleidet.
Der wahrgenommene Verlust, der keiner war, weil man nichts verlieren kann, das einem nie zustand. Eine Chance, die er nie hatte und niemals haben wird; die alte, verschorfte Narbe in seiner Brust ist wieder aufgerissen und blutet heftiger als zuvor.
Verdrossen starrt er auf den Boden vor sich, begutachtet die Pfützen, die der starke Sommerregen zurückgelassen hat und in denen sich die Straßenlaternen spiegeln, und die durchweichten Kippen der Filterzigaretten, die das Pflaster verzieren. Wünscht sich inständig, er wäre bereits daheim und könnte in Frieden seine Wunden lecken.
Gerade als er sich auf den Heimweg machen will, steht Till auf einmal wieder vor ihm, die Hände vor der Brust verschränkt und sein Blick undurchsichtig. Er sieht gut aus mit dem Licht der Bar hinter ihm, es fängt sich in seinen Haaren und lässt seine Schultern breiter wirken.
Verdammt, denkt Felix und schüttelt innerlich den Kopf über sich, ich bin echt ein hoffnungsloser Fall.
»Du kannst mir erzählen, was du willst, aber du bist doch eifersüchtig.«
Und mit einem Mal ist er unsagbar müde. Müde von dieser Woche, diesem Abend, dieser Diskussion, die er nicht länger haben will. Dem Abstreiten, für das er keine Energie mehr aufbringen kann.
»Meinetwegen. Wenn du dich dann besser fühlst.«
»Felix, schau mich an.«
Mehr eine Bitte als eine Aufforderung, auch wenn ihm dafür das Hauptwort fehlt; er kennt Till lange und gut genug, um das einordnen zu können.
Genervt atmet er aus und schließt dann die Augen. Nicht aus Trotz, sondern aus Hilflosigkeit. Weil er nicht mehr weiß, wie er heil aus dieser Situation rauskommen soll.
»Das ist so albern«, stellt er fest.
Sagt es so daher. Meint Till und sich selbst, aber größtenteils sich selbst, sein Verhalten, seine Gedanken. Albern, kindisch, anmaßend. Bescheuert. Felix ist sich gewiss, dass ihm zuhause auf der Couch noch viele weitere passende Adjektive einfallen werden, sobald er sein erstes Glas Cognac intus hat. Je mehr Alkohol er konsumiert, desto kreativer wird sein Gehirn bei sowas.
Er zuckt zusammen, als er plötzlich Tills Hand an seiner Wange spürt, und blinzelt erstaunt. Till mustert ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Sorge. Felix verzieht das Gesicht. Die Stelle, an der Till ihn berührt, fühlt sich heiß an. Sein dämliches Herz pocht wie wild.
»Gib’s einfach zu.«
»Auf die Demütigung kann ich sehr gut verzichten, danke«, antwortet er, bemüht, nicht so zu gucken, als hätte man ihm ohne Betäubung den Brustkorb aufgeschnitten und hineingegriffen. »Was hättest du überhaupt davon?«
Sein Partner ist kein Sadist, das kann es also nicht sein. Will Till einfach recht behalten mit seiner Vermutung? Braucht er Bestätigung dafür, dass er die Hinweise richtig gelesen hat? Ist es bloß die ausgeuferte Form einer Berufserkrankung?
Till zuckt mit den Achseln, lässt die Hand fallen, die Felix sofort schmerzlich vermisst.
»Klarheit. Wir sind doch sonst auch ehrlich zueinander.«
»Mehr oder weniger, wie es scheint«, spottet er trocken.
»Dann fange ich eben an«, sagt Till und fährt sich fahrig durch die unordentlichen Locken, als würde er darin nach Halt suchen. »Ja, ich habe schon öfter darüber nachgedacht, mit Männern zu schlafen, bis heute hat mir aber der Mut gefehlt, es auszuprobieren. Und ich finde es unpassend, dass du es mir übel nimmst, dass ich unsere Freundschaft nicht für irgendwelche Experimente aufs Spiel setzen will.«
Felix blickt wortlos zu ihm auf.
»Was, wenn es mir nicht gefällt? Bei Olli wäre mir das egal. Aber bei dir... Bei dir kann ich das nicht riskieren.«
Das Geständnis macht etwas mit ihm, das er nicht in Worte fassen kann. Hier ist eine Offenbarung, mit der er nicht gerechnet hat: Till hat sehr wohl darüber nachgedacht, ihn zu fragen, hat aber Angst davor, ihre Freundschaft irreparabel zu beschädigen. Den Preis, der Felix zu hoch ist? Till will ihn ebenso wenig zahlen.
»Was, wenn ich das will?«, fragt er leise, fast lautlos. »Wenn ich will, dass du’s riskierst? Wenn ich das mehr will als alles andere?«
Das Blut rauscht in seinen Ohren und sein Hals wird eng, zwingt ihn dazu, den Impuls, seinen Hemdkragen zu lockern, zu unterdrücken. Sein Herz war schneller als sein Hirn, es hat in der Entscheidung Kampf oder Flucht vorweg gegriffen. Zu viel Verlangen und zu wenig Vernunft.
Die Ungläubigkeit in Tills Augen sagt ihm, dass es bereits zu spät ist, ungesagt machen kann er das nicht mehr. Der Geist ist schon raus aus der Flasche, er hätte nur nie erwartet, dass er in einer gewöhnlichen Pilsflasche leben würde.
»Du bist mir zu wichtig, Felix. Du bist mein bester Freund und nicht irgendein One-Night-Stand, mit dem ich mich über Ramona hinwegtrösten kann.«
»Kann ich aber sein. Wenn du... wenn du das brauchst«, widerspricht er beharrlich. Alles oder nichts. Till denkt vielleicht, dass er ihn versteht, aber das tut er nicht. Er begreift das Ausmaß der Hitze nicht, die nach wie vor Felix’ Zunge und Kehle versengt. »Du musst dafür nicht zu Olli oder sonst irgendeinem Typen gehen. Ich kann’s gut für dich machen, wenn du mich lässt.«
Felix kann Till schlucken hören.
»Bist du dir bewusst, was du da sagst?«
»Verdammt bewusst, ja.«
Tills Gesichtsausdruck wirkt gequält, da liegt so etwas wie Schmerz in seinen Zügen.
»Stopp. Mach das nicht. Bring mich nicht in Versuchung. Wenn unsere Freundschaft dadurch kaputt geht, würde ich mir das nie verzeihen. Ich hab’ doch nur dich«, gibt er zu. Seine Stimme wird gegen Ende des Satzes immer leiser.
Diesmal ist es Felix, der nach Tills Hand greift.
»Hör mal, Till. Ich will dich, okay? Das weißt du jetzt und ich kann es auch nicht wieder zurücknehmen. Dafür ist es zu spät. Vertrau mir. Komm mit mir nach Hause, trink ein großes Glas Wasser, leg dich zu mir ins Bett und wenn du dann merkst, dass es nicht passt, werden wir schon damit fertig.«
»Meinst du das wirklich?«
Der Zweifel in seinem Ton wird von Tills unsicherem Blick klar reflektiert. Seine Hand zieht er jedoch nicht zurück und Felix kann seinen unsteten Puls fühlen, der ihm widersinnig Hoffnung gibt.
Ich meine, dass ich nichts mehr von Olli hören will. Nie wieder, denkt er, verbeißt sich aber den Kommentar.
»Es ist nur Sex, Till. Ohne Bedingungen und Verpflichtungen. Damit kennst du dich doch aus. Viele Menschen haben unverbindlichen Sex mit ihren Freunden. Du kannst mir nicht erzählen, dass gerade dir das Konzept fremd ist.«
»Schon, Felix, aber–«, fängt Till an, irgendwo zwischen besorgt und beunruhigt.
Nicht unbedingt die Reaktion, die Felix sich erhofft hat, und doch auf absurde Weise rührend.
»Was?«
»Für dich wäre es mehr als das«, gibt sein Partner zu bedenken, »Ich will dich nicht verletzen, Felix.«
Er studiert Felix eingehend, mit dieser wachen Aufmerksamkeit, die ihm verrät, dass Till versucht, seine Aussagen zu interpretieren und das zu herauszuhören, was Felix nicht laut sagt. Dass er vermutlich nach Spuren von Angst und Bedenken sucht, die nicht da sind, weil sie in der sengenden Hitze längst verglüht sind.
Zurück bleibt eine wilde, verzweifelte Überzeugung, die ihm die nächsten Worte praktisch in den Mund legt: »Und ich bin erwachsen und kann meine eigenen Entscheidungen treffen, Till. Ich werde damit klarkommen. Ehrlich.«
Till überlegt noch einen Moment, dann nickt er langsam. »Alles klar. Wenn du dir wirklich sicher bist.«
Das ist er. Gegen jede Vernunft ist er das.
»Bin ich.«
Dann beugt Till sich vor und küsst ihn vorsichtig auf die Lippen, etwas, auf das Felix absolut nicht vorbereitet war – nicht, dass er daran denkt, sich zu beschweren. Und trotzdem.
»Du musst das nicht tun«, versichert er Till sanft, aber bestimmt. Die Hitze kocht und brodelt. Da ist nichts als gierige Sehnsucht übrig, wo vorher die Eifersucht war.
»Ich will es tun. Sex gibt’s bei mir nicht ohne Küssen. Das ist mir zu billig.«
»Oh.«
»Ja.«
Und dann küsst Till ihn nochmal, und dieses Mal hat Felix die nötige Geistesgegenwart, den Kuss zu erwidern. Tills Lippen sind warm und weicher, als sie aussehen, und er schmeckt nach Whisky. Das Kratzen ihrer Bartstoppeln stört ihn nicht; er hatte ganz vergessen, wie aufregend sich das anfühlen kann.
Felix’ Herz schlägt Stakkato in seinem Brustkorb und seine Knie werden weich.
Till küsst ihn ganz und gar nicht zögerlich, er küsst wie jemand, der weiß, dass er extrem gut darin ist und der sich auch nicht davon verunsichern lässt, dass er sein ganzes Leben lang nur Frauen geküsst hat.
Auch wenn er keine Erfahrung mit Männern hat, küsst Till ihn ohne Scheu – nicht fordernd oder hungrig, sondern langsam, tief und leidenschaftlich.
Wie bezeichnend für ihn, dass er sich auch hier keine Blöße geben will. Seine Hände ruhen ganz natürlich auf Felix’ Hüften und er hat seinen Kopf geneigt, sodass der Winkel für sie beide passt.
Er hat damit gerechnet, dass Till ein talentierter Küsser ist, hat es praktisch als gegeben hingenommen, wenn man bedenkt, wie gefragt er als Liebhaber ist. Aber er hat sich die Hoffnung darauf nie erlaubt, dass er selbst mal in den Genuss kommen würde.
Seine Nackenhaare stellen sich auf und sein Blut beginnt sofort, in südliche Regionen zu fließen.
Felix fühlt sich, als würden seine Nervenenden unter Strom stehen, und er kämpft darum, die Fassung zu wahren, sein Stöhnen zu unterdrücken und nicht gierig nach mehr zu betteln. Denn er will mehr.
Jetzt, wo er einen Vorgeschmack bekommen hat, brennt der Wunsch in ihm stärker als je zuvor. Seine eigenen Hände krallen sich in den Saum seiner Jacke, weil er nicht klammern will, aus Sorge, Till damit abzuschrecken. In diesem Augenblick traut er sich selbst nicht über den Weg.
Till scheint diese Bedenken nicht zu teilen.
»Hör’ auf, dich zurückzuhalten«, murmelt er in den Kuss und lässt Felix kaum Luft holen, geschweige denn etwas erwidern. Nicht, dass er das Bedürfnis danach hat.
Als Till anfängt, seine Hände wandern zu lassen und ihm über Nacken und Schultern zu streicheln, gibt Felix nach. Er verliert sich in dem Spiel ihrer Lippen und Zungen, lässt sich alles fühlen, was da in seiner Brust lebt und seinen Magen zum Kribbeln bringt.
Das Leder von Tills Jacke ist warm und glatt unter seinen Fingern und sein breiter Rücken ist stabil und unnachgiebig; es ist viel zu leicht, sich an ihm festzuhalten, sich an ihn zu schmiegen und nicht mehr ans Loslassen zu denken.
Ihm kommt in den Sinn, dass er alles tun würde, um diese Nähe behalten zu dürfen. Gefährlich? Wahrscheinlich, aber das ist ihm gerade sowas von scheißegal.
»Schon besser«, ermuntert Till ihn und grinst.
Der nächste Kuss geht von ihm aus. Und es ist nicht so, als wäre er aus der Übung oder als könnte man das Küssen wirklich verlernen, aber es ist Jahre her, dass er eine andere Person geküsst hat und damit gleichzeitig etwas sagen wollte.
Ob Till die unausgesprochenen Worte und ihre Bedeutung versteht, ob sie ihren Weg überhaupt zu ihm finden, kann er nicht beurteilen. Alles, was er weiß, ist, dass Till keine Anstalten macht, das hier zu beenden. Da ist kein unnötiger Abstand zwischen ihnen.
Die Hitze wallt stetig unter Felix’ Haut, wird genährt von jeder Berührung, jeder Zärtlichkeit, die sie teilen. Jedoch ist an ihr nichts mehr unwillkommen. Sie vertreibt die Kälte und brennt alle Zweifel nieder.
Keiner von beiden bemerkt, dass es wieder angefangen hat, zu regnen.
