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Fluixon saß in einem Zug.
Das war unumstritten.
Was jedoch leichte Nervosität in ihm auslöste, war das die Fenster stockdunkel waren: Wenn er zur Seite hinausblickte, konnte man nichts erkennen. Pure Dunkelheit. Aber es wird schon nichts Schlimmes sein. Nein, natürlich, er war nur müde.
Erinnern den Zug je betreten zu haben, konnte Fluixon auch nicht. Aber etwas Instinktives in ihm versicherte, dass seine Fahrt bis zur Endstation führte. Also blieb er sitzen. Allein. Das Geräusch der Schienen durchbrach die Stille und ließ alles belebter wirken. Das Rollen war auch eines der wenigen Sinneseindrücke, welche ein Fahren des Zuges bestätigten.
Er hatte kein Gepäck. Nur die Kleidung an seinem Leib. Aufzustehen und sich umzusehen traute er sich nicht. Wollte er auch nicht. Es war ihm bequemer auf der Bank an seinem kleinen Tisch zu sitzen, sich ans Fenster zu lehnen und den Rest des Wagons mit halbgeschlossenen Augen zu betrachten:
Der Wagon war, nach seinem kläglichem geschichtlichen Ermessens, in dem Stil der 18. Jahrhundertwende eingerichtet. Schmuckvolle Sitzreihen mit komfortablen Polsterungen die sich im Viererpack um kleine Holztische positioniert waren füllten den Raum. Edle Kronleuchter hingen von der Decke und tauchten alles in gelbliches Licht. Sie wackelten ein wenig mit der Ruckeln des Zuges. Hier und da standen Pflanzentöpfe und Teetassen, als ob der Wagon vor kurzem verlassen worden war.
Die Frage, wieso er den hier war, überkam ihn nie. Auf seiner ganzen Reise nicht. Er hatte diesen Zug nie betreten; generell, in seinem Leben war er nie in einen Waggon gestiegen. Doch jetzt fand er sich hier und es wurde nicht infrage gestellt, weshalb.
Es war laut hier drinnen. Aber es störte ihn nicht. Auf irgendeine eine Weise beruhigte ihn das Surren und Quietschen sogar. Die Lampen beleuchteten den Raum nicht intensiv. Der Waggons wippte leicht. So leicht, dass er langsam müde wurde. Schlafen tat er aber auch nie.
Das Öffnen einer Türe riss Fluixon ein wenig aus der Ruhe, er machte jedoch keinen Anstand sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Weiterhin ließ er nur seinen erschöpften Blick durch den Raum schweifen. Dann wand er sich wieder an das Schwarze nichts, dass draußen waltete.
Dunkel.
Wie eine Wand. Eine schwarz bemalte Wand, welche nichts des Dahinterliegenden entblößte, alles verbarg. Der Waggon war irreal hell im Vergleich.
Eine Stimme ertönte hinter ihm:
„Kann ich Ihnen etwas bringen?“
Ein Kellner. Wer hätte gedacht, dass Bedienung hier existieren würde? Fluixon starte weiterhin aus dem Fenster. Gestört und ein wenig entnervt murmelte er: „Nein, danke. Mir ist ausgeholfen.“ Dann richtete er sich auf und drehte sich um. Niemand zu sehen. Als ob die Stimme aus dem Nichts kam. Trotzdem führte er fort: „Eine Frage hätte ich aber: Wann erreichen wir die Endstation?“
„Wenn die Zeit recht ist.“
Fluixon nickte höflich ab. Keine Ahnung woher die Stimme kam, und lehnte sich wieder gegen das Fenster. Die Tür öffnete sich erneut.
Eine Frau betrat den Raum. Sie setze sich mit dem Rücken zu ihm gewandt weiter vorne auf einen Platz. Nach einer Weile konnte er erkennen, dass es seine Schwester war. Ohne ihn bemerkt zu haben lehnte sie sich gegen ihr Fenster und schaute in die Leere. „Wenigstens ein bekanntes Gesicht,“ strich ihm leise durch den Kopf.
Stören tat er sie nicht. Nur sanft ließ er den Blick auf ihrem Hinterkopf ruhen, als säße sie in einem anderen Waggon. Als wäre sie Millionen von Meilen entfernt, unmöglich für ihn zu erreichen. Vielleicht war sie das auch.
Das Surren des Zuges hörte nicht auf. Jetzt fing auch Cynikka an, weg zu dösen. Wenigsten schaute es so aus. Nichtsdestotrotz konnte Fluixon ihr leises Schnarchen hören. Oder nein, Schnarchen konnte man es nicht nennen. Leichtes Dösen und dem unregelmäßigen Atem, der in einem solch ruckelnden Zug zustande kam.
Sie richtete sich auf. Sie sprach.
„Ja bitte; Könnten Sie mir bitte die Zeitung von Heute reichen?
Dankeschön.“
Hm. Schien als ob sie mehr von dem Kellner wollte als er. Lesen. Nein, er könnte sowas nicht. Die Endstation könnte ja jederzeit erreicht werden.
Das Rascheln der Zeitung riss ihn ein wenig aus den Gedanken. Unbemerkt spähte er einen Blick auf die Papiere in ihrer Händen. Die Seiten waren weiß. Interessant. Vielleicht sollte er sich auch eine holen. Nein, dann würde er ankommen. Er musste warten.
Er lehnte sich ans Fenster. Seine Schwester legte die Zeitung auf den Tisch und stand auf. Er konnte sie jetzt ansprechen. Er tat es nicht. Er starrte ihr nach wie sie den Waggon verließ. Die Türe schloss sich mit einem Klack. Die Zeitung war weg.
Und es war still.
„Kann ich Ihnen etwas bringen?“
„…
„Nein danke. Mir sehnts sich nach nichts. Eine zweite Frage hätte ich–“
„Man kann leider nur drei Fragen stellen.“
„Achso. Ja verständlich. Dann versuche ich es das nächste Mal erneut.“
Stille. Wieder. Und dann viel die Tür erneut in ihre Angeln.
Ein Mann schlenderte herein. Gelassen, vielleicht ein bisschen verwundert. Wenn nicht sogar entnervt. Er ließ sich willkürlich auf den nächstgelegensten Platz fallen. Es war die Reihe neben Fluixon. Langsam analysierte er den Raum und traf auf Fluixon’s Blick. Die beiden starrten sich an. Thomas saß dort, direkt vor ihm.
Schon fast entfremdet sahen sie sich an. Keiner traute sich den Mund aufzumachen. Schlussendlich nickte Thomas nur und Fluixon tat dem gleich. Beide drehten ihren Kopf voneinander weg. Weshalb Flux das tat, wusste er nicht. Ihm kam vor, reden war hier etwas ungewolltes. Oder vielleicht wollte nur er es nicht.
Schleichend verstrich die Zeit. Lange warteten sie in der Stille.
Fährt dieser Zug auch einmal bei einer Station an? Vielleicht würde einer der Passagiere etwas Luft mal vertragen. Zum Beispiel er könnte–
„Boah, ehhhh…“ zögerte Thomas.
Der Kellner. Wieder. Er sollte wirklich selbst auch mal was bestellen. Trotzdem blieb er still.
„Habt ihr Kaffee? Hier wird man echt schläfrig,“ beschwerte sich Thomas. Fluixon lachte in sich hinein. Welch andere Antwort hätte er von ihm erwartet? Einen schiefen Blick warf Thomas ihm zu, als er Fluixons Belustigung bemerkte.
Gehässig streckte er Fluixon die Zunge zu und lachte selbst. Sie redeten nicht. Als ob eine durchsichtige Glaswand zwischen ihnen stand. Beide wandten sich voneinander ab, etwas erfreuter als davor.
Diesmal war es nicht mehr so still. Weil Thomas seinen Kaffee so laut runterschlürfte, wie es nur ging. Schlürfen hat Fluixon schon immer extrem gestört und Thomas wusste das genau. Schon seit Ewigkeiten tat er es, um eine Reaktion aus Fluixon rauszukriegen.
Fluixon versuchte ihm nicht darauf einzusteigen und schaute stur aus dem Fenster raus. Doch der steinerne Blick, den Thomas ihn von der Seite zuwarf, war unmöglich zu ignorieren. Mit strenger Miene hob er seinen Kopf auf und sah Thomas mit einem Blick an, der offensichtlich: „Manieren waren nie deine Stärke, du bastard,“ schrie.
Thomas gluckste und stellte die Tasse ab. Er stand auf und nickte Fluixon zu, der diesem gleichtat. Lautlos formte Fluxion das Wort „Danke“ mit seinen Lippen, worauf Thomas belustigt durch die Nase schniefte und mit der Hand abwinkte.
Er verließ den Raum. Die Tür schloss sich hinter ihm.
Und es ward wieder still.
Diesmal verstrich mehr Zeit als zuvor. Langweilig wurde ihm aber nicht. Zum Spaß hatte er angefangen ans Fenster zu Hauchen und Bilder innerhalb ein paar Sekunden auf die Scheibe zu schmieren. Der Raum war weder kalt noch warm. Die Bilder verweilten ein paar Sekunden länger als es üblich wäre. Oder vielleicht kam es Fluixon nur so vor. Die Tür öffnete sich.
„Kann ich Ihnen etwas bringen?“
„Nein, ich warte noch eine Weile. Eine Frage würde mich drängen: Wie spät ist es?“
„Zu spät.“
„Danke. Sie können abtreten.“
Der Kellner tat wie ihm befohlen.
Die Tür Schloss sich.
Und Fluixon fiel eine Bitte ein.
„Hätten Sie noch kurz einen Moment?“ Die Türe öffnete sich schlagartig. Der Kellner war da, sagte jedoch nichts. Fluixon wusste es unterbewusst.
„Ich glaube es ist Zeit für ihn.“
Die Tür schloss sich. Und öffnete sich gleich wieder.
Eine Person kam herein. Fluixon
„Ist hier noch ein Platz frei?“
„Nur zu,“ ermutigte Flux und deutete mit seiner Hand auf den Sitz neben sich. Den Blick vom Fenster brach er nicht. In der Reflektion sah er die verschwommene Gestalt. Es war Saps. Doch das wusste Flux schon, bevor er eingetreten war.
Nun hatte er einen Sitznachbarn. Einen Sitznachbarn, der in Stille verharrte. Komisch war es, eine Person neben sich zu haben. Eine Person, die er so lange schon nicht mehr neben sich gehabt hatte. Er blickte ihn immer noch nicht an.
„Bist du zufrieden?“ Saparatas Stimme durchbrach die Stille.
„Noch sind wir nicht am Terminal.“
„Hm,“ kam es kurz zurück.
…
„Hattest du recht?“
„…
Nein, hatte ich nicht. Zuhören hätte ich sollen. Mir allein hatte ich zugehört.“ Antwortete Fluixon. Dann lachte kurz auf und fügte hinzu: „Man könnte sagen, ich sei der Architekt meines eigenes Todes.“
„Ist das nicht jeder?“
„Weiß ich doch nicht! Ich zähle bestimmt dazu.“
Die Geräusche des Zuges fühlten sich weit entfernt an. Als wären sie in einem isolierten Raum, weit weg von dieser Realität.
„War es das wert?“ fragte Saparata in einer irrealen Gelassenheit.
„Nichts hätte mir mehr wert sein können zu dem Zeitpunkt. Nicht einmal du.
Und diese Schuld werde ich wohl für immer bürden müssen. Zurecht.
Wirst du mir verzeihen?“
Unwohl war ihm wieder lauter und länger zu sprechen. Seine eigene Stimme hallte unendlich in seinem eigenen Kopf. Oder vielleicht war es normal, bei einer Beichte sich so zu fühlen. Ja, das musste es sein.
„…
Inwiefern bringt dir mein Verzeihen weiter?“
„Warst es nicht du, der nach meiner Zufriedenheit gefragt hat?“
„Touche.“
„Darf ich eine Rückfrage stellen?“
„Das Schlimmste, was ich dir entgegnen werde, wäre Stille.“
„Ich nehme das als ein Ja: Bist du zufrieden?“
Stille. Fluixon seufzte lachend aus. „Was erwarte ich mir denn,“ murmelte er.
„Ich verzeihe dir.“
…
Saparata stand auf und ging lange.
„Danke,“ sagte Fluixon ihm leise nach. Er blieb eine Weile sitzen und versankt in Gefühle die ihm nicht seine zu sein schienen.
Dann stand er auf und verließ den Zug.
Einmal drehte er sich noch um und blickte zurück:
Der Zug stand still.
Der Zug hatte sich nie bewegt.
Er ging fort und sah nie mehr hinter sich.
