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Archive Warning:
Category:
Fandom:
Relationships:
Characters:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2022-05-02
Completed:
2022-07-17
Words:
11,777
Chapters:
14/14
Comments:
39
Kudos:
103
Bookmarks:
10
Hits:
1,229

Entangled

Summary:

Mit seiner freien Hand riss er sich seinen Schal vom Hals, knüllte ihn zusammen und presste ihn auf die Wunde. Der helle Kaschmir saugte sich mit beängstigender Geschwindigkeit voll. Faser um Faser sickerte das dunkelrote Blut durch den Stoff, erreichte warm Boernes Finger und breitete sich darunter unaufhaltsam weiter aus.

Boerne war das gewohnt. Sollte das gewohnt sein. Doch dieses Mal war es Thiel, der unter seinen Händen wegblutete.

Notes:

Für cavalletta. Das wahrscheinlich Beste, was man sich als Reaktion auf die erste Geschichte wünschen kann, ist eine Bitte um Fortsetzung. Danke für all deine lieben Kommentare <3 Ich hoffe, ich kann dir hiermit eine kleine Freude machen!

Die Grundzüge dieser Geschichte habe ich seit fast zwei Jahren im Kopf, die Inspiration zu mehr kam mit folgendem Interviewausschnitt:

 

Kommissar Thiel und Prof. Boerne werden hier als Geiseln bedroht. Was fänden die beiden wohl schlimmer: Gemeinsam in den Tod zu gehen oder sich nie wieder sehen zu können?
Axel Prahl: „Wenn sich Boerne und Thiel nie wieder sehen und nie wieder kabbeln könnten, würden sie vermutlich ohnehin den Freitod wählen. Was wäre Boernie ohne Erd, äh, Ernie ohne Bert!“
Jan Josef Liefers: „Natürlich könnte Boerne ein Leben ohne Thiel leben, aber es würde sich nicht lohnen.“

 

und Corncrunchies Post dazu (https://boernepedia.tumblr.com/post/674169918250450944)

Chapter Text

Das Erste, was Boerne wahrnahm, war der widerwärtige Geschmack, der seinen Mund ausfüllte. Dann, dass er keine Luft bekam. Panisch riss er die Augen auf. Mit dem Gefühl, gleich zu ersticken, versuchte er, an dem Knebel in seinem Mund vorbeizuatmen. Kalte Luft fuhr durch seine Nase und seinen Rachen hinunter. Zu wenig Luft. Viel zu wenig Luft. Boerne versuchte, seine Hände zu heben, doch sie steckten hinter seinem Rücken fest. Verzweifelt zerrte er an ihnen, aber sie blieben fest an den Stuhl fixiert, der unter ihm knarzte. Etwas Raues schnitt schmerzhaft in seine Handgelenke.

Wo war er hier gelandet? Boerne sah schwer atmend um sich. Rohe Holzlatten formten um ihn Wände, von deren Anblick allein er schon fast Splitter bekam. Im trüben Licht der Lampe über ihm erschienen sie fast grau. Er sah zu der Lampe hoch. Ein Geflecht aus Spinnweben und Staub umgab die kahle Glühbirne, die leicht im Luftzug schwankte und schummriges Licht ausstrahlte. Draußen pfiff Wind um die Hütte und ließ ein paar Meter neben Boerne eine Tür in ihrem Schloss rütteln. Fenster schien die Hütte keine zu haben, und von Boerne und ein paar Laubblättern in der Ecke abgesehen war sie gänzlich leer.

Obwohl er noch immer das Gefühl hatte, nicht genug Luft zu bekommen, sah er, wie sein Atem vor ihm kleine Wölkchen bildete. Er musste sich beruhigen. Was war passiert?

Morell.

Thiel und er waren hinter Morell her. Ein ganz verdächtiger Charakter, wie Boerne von Anfang an betont hatte. Eigentlich hatten Thiel und er auf dem Heimweg nur kurz bei der Spielhalle vorbeischauen wollen, wo der flüchtige Förster sich angeblich zum Tatzeitpunkt aufgehalten hatte. Doch dann war er ihnen dort praktisch vor die Füße gelaufen. Und als Morell auf der Stelle kehrtgemacht hatte und über den Parkplatz davongerannt war, hatten sie die Verfolgung aufgenommen. Irgendwann war Thiel keuchend zurückgefallen, aber Boerne war ihm weiter auf den Fersen geblieben. Split hatte unter seinen Sohlen geknirscht, als er hinter Morell die dunkle Gasse entlanggerannt war, vorbei an Müllcontainern und an halb von Schnee begrabenem Gerümpel. Thiel hatte hinter ihm irgendetwas gerufen, er war Morell um eine Ecke gefolgt, und dann...

Dann war er hier aufgewacht. Unbehagen breitete sich in Boerne aus. Er blinzelte, als etwas an seinem rechten Auge vorbeitropfte. Im nächsten Moment machte sich ein dumpf pochender Schmerz an seiner Stirn bemerkbar. Boerne stöhnte auf. Das war also passiert.

Jetzt, wo er einigermaßen ruhig atmete, fiel ihm die Stille auf, die um ihn herum herrschte. Keine Stadtgeräusche, kein Autolärm, nichts. Nur der Wind, der draußen um die Hütte fuhr, sich zwischen den Latten hereinschlängelte und mit eisigen Fingern um Boernes Knöchel strich. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, allein zu sein. Sehr allein. Boerne schluckte. Die Kälte begann, ihm in die Knochen zu kriechen. Er versuchte erneut, seine Hände zu befreien, zog und zerrte an den Fesseln, aber sie gruben sich nur unnachgiebig in seine Handgelenke.

Ob Thiel ihn schon suchte? Der würde ihm wahrscheinlich wieder Vorträge halten. Über Zuständigkeiten und Übermut, das alte Spiel. Aber selbst Thiels Tadel wäre Boerne lieber als diese Stille. Hoffentlich fand Thiel ihn, bevor Morell wiederkam. Hoffentlich fand Thiel ihn überhaupt. Aber Thiel hatte ihn bisher immer gefunden.

Was Morell wohl mit ihm vorhatte? Würde er überhaupt wiederkommen? Oder hatte er Boerne hier einfach abgestellt und wartete jetzt darauf, dass die kalte Winternacht die Arbeit für ihn erledigte? Seine Frau hatte Morell auch eher langsam und ohne viel eigenes Zutun sterben lassen. Bei dem neugierigen Nachbarn allerdings hatte der Förster kein Problem gehabt, ihn kurzerhand auf unschöne Art aus dem Weg zu schaffen. Ein Schauer durchfuhr Boerne. Bei der unwillkürlichen Bewegung rieben die Fesseln weiter in seine Haut.

Plötzlich mischte sich ein anderes Geräusch in das Pfeifen des Winds. Ein Knirschen, draußen vor der Hütte. Boerne erstarrte. Das waren Schritte. Schritte, die langsam näher und schließlich vor der Tür zum Stehen kamen. Wie von selbst glitt Boernes Blick zum Türgriff. Er wagte kaum zu atmen, als der Griff sich langsam nach unten bewegte. Er wollte nicht sehen, wie Morell durch die Tür kam, und konnte doch nicht wegschauen. Mit einem langsamen Knarzen öffnete sich ein schwarzer Spalt zwischen Tür und Wand. Boernes Mund wurde staubtrocken.

Doch der Arm, der die Tür aufdrückte, trug nicht Morells dunklen Parka, sondern eine hellbraune Jacke, die er überall wiedererkannt hätte. Thiel trat durch die Tür. Mit gezogener Waffe, die er schnell holsterte, als er Boerne erblickte. Boerne atmete auf und sank gegen die Stuhllehne. Thiel hatte ihn gefunden. Natürlich hatte Thiel ihn gefunden.

„Boerne, Gott sei Dank. Da sind Sie ja!“ Thiel eilte auf ihn zu. Boerne versuchte zu antworten, doch seine Stimme drang nur dumpf durch den Knebel. Wind fegte durch die offene Tür und fuhr ihm kalt durch die Haare.

„Meine Güte, Ihr Gesicht.“ Thiel zerrte ihm den Knebel aus dem Mund und Boerne atmete endlich tief ein. Wunderbare Luft füllte seine Lungen bis in die letzten Ecken. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Thiel ein unförmiges Stück Stoff zu Boden fallen ließ, aber so genau wollte er lieber gar nicht wissen, was er da im Mund gehabt hatte. Thiel besah mit besorgtem Gesichtsausdruck Boernes Stirn und die Platzwunde, die vermutlich darauf prangte.

„Alles in Ordnung?“

„Alles... alles gut.“ Boerne hustete und versuchte, den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. „Können Sie mich jetzt bitte befreien?“ Er zerrte an seinen Fesseln. Thiel kramte in einer seiner Jackentaschen, förderte daraus ein Klappmesser zu Tage und trat hinter Boerne.

„Da haben Sie ja schon ordentlich dran rumgezerrt.“ Etwas, das sich nach Thiels Daumen anfühlte, fuhr vorsichtig über sein Handgelenk. Im nächsten Moment spürte er, wie Thiel sich mit dem Messer an seinen Fesseln zu schaffen machte, und sog scharf die Luft ein, als die sägende Bewegung in seine Haut schnitt. Als hätte Boerne damit das OK zum Abschuss gegeben, schwang Thiels Sorge in Ärger um.

„Was mussten Sie ihm auch alleine so hinterherrennen?“, schimpfte er hinter ihm los.

„Ich wäre nicht allein gewesen, wenn Sie nicht nach zehn Metern schon schlapp gemacht hätten“, schoss Boerne zurück. „Ohne mich wäre der uns entwischt!“

„Er ist uns entwischt, Boerne!“, fuhr Thiel ihn an. „Was haben Sie sich überhaupt dabei gedacht?“

„Ich–“

„Überhaupt nichts, das haben Sie gedacht.“ Die Fesseln ruckten hart in seine Haut. Boerne biss die Zähne zusammen. „Wissen Sie, was ich mir für Sorgen gemacht hab? Sie waren auf einmal einfach weg! Haben Sie denn keinen Selbsterhaltungstrieb? Ich hätte Sie überhaupt nicht mitnehmen sollen. Was müssen Sie immer so übermütig sein?“

Boerne hielt inne. Thiel hatte sich Sorgen gemacht? Das war... ein unerwarteter Satz, inmitten von Thiels Tirade. Nicht, dass Boerne nicht davon ausgegangen wäre. Aber so offen ausgesprochen hatte Thiel das noch nie. Ob Thiel überhaupt gemerkt hatte, was er da gesagt hatte in seinem Redeschwall? Was für ein Satz sich da zwischen seine Meckereien geschlichen hatte und Boerne nun fröhlich aus dieser Reihe an anderen Sätzen zuwinkte, als ob er wie selbstverständlich dorthin gehörte? Einen Moment lang vergaß Boerne fast, wo sie waren, so abgelenkt war er von dieser Offenbarung.

Hinter ihm seufzte Thiel. „Ist ja jetzt auch egal. Jetzt müssen wir nur möglichst schnell hier raus. Bin fast...“

In dem Moment sah Boerne aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Die Tür, die fast wieder zugefallen war, hatte sich mit einem leisen Knarzen bewegt. Sein Blick fuhr zur Tür herum. Vielleicht war es nur der Wind? Die Tür regte sich erneut, als ein Windstoß in die Hütte fuhr. Boerne wollte schon aufatmen. Doch dann, kaum zu erkennen gegen die schwarze Nacht, sah er den Arm, der die Tür langsam, aber bestimmt aufdrückte. Die Erleichterung blieb ihm im Hals stecken. Morell erschien im schummrigen Licht, im Gesicht eine Ausdruckslosigkeit, die sich langsam zu Wut verzerrte. Wie gelähmt sah Boerne in seine undurchdringlich dunklen Augen. Und dann auf den genau so dunkel glänzenden Lauf der Waffe, die Morell auf ihn gerichtet hielt.

„Thiel!“, krächzte er.

„Was–“ Thiel verstummte.

Boernes Augen flackerten zurück zu Morells – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine Entscheidung fiel. Morell feuerte. Die Kugel schlug hinter Boerne mit einem Geräusch ein, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein erstickter Laut drang an seine Ohren. Boerne hörte, wie hinter ihm etwas Metallenes zu Boden klapperte. Und dann, wie etwas sehr viel Schwereres aufschlug.

Er schrie auf.