Chapter Text
Jule war noch nie gut darin gewesen loszulassen.
Als er ein Kind war, hatte ihm seine Mama im Urlaub einmal eines dieser blinkenden, leuchtenden Spielzeuge gekauft, die sich in der Luft drehten. Jule hatte die ganzen Ferien über gejammert, bis seine Mama ihm schließlich die zehn Euro gab und er zu einem der Strandverkäufer gehen konnte, die die flimmernden Dinger auf ihren Handtüchern ausgebreitet hatten.
Nach den Ferien hielt es nicht mehr lange. Ob es an der billigen Batterie lag oder daran, dass es zu oft gegen eine Wand geflogen war, wusste Jule nicht. Aber anstatt es wegzuwerfen, legte er es kaputt in sein Regal, wo es einen festen Platz bekam. Vielleicht würde es ja eines Tages wieder funktionieren oder er würde einen neuen Nutzen dafür finden.
Bis zu dem Tag, an dem er nach Hause kam und seine Mama sein Zimmer aufgeräumt und es dabei weggeschmissen hatte.
Er hatte geweint, war nicht einmal zum Abendessen aus seinem Zimmer gekommen. Natürlich hatte sich der fünfjährige Jule schnell wieder erholt. Seine Mama hatte sich beim Frühstück bei ihm entschuldigt, ihm versprochen, nie wieder etwas von ihm wegzuwerfen, ohne vorher zu fragen, und ihm einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Dann war alles wieder gut.
Aber trotzdem hatte Jule es nie vergessen. Er war eben nicht gut darin, Dinge loszulassen — selbst wenn er es vermutlich sollte.
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Jetzt gerade kam die Erinnerung wieder hoch und er musste ein bitteres Lachen unterdrücken. Er kontrollierte noch einmal, dass er Kais Geschenk eingepackt hatte, presste seinen Koffer zu, um den Reißverschluss schließen zu können. Er fragte sich, wie lange er noch festhalten konnte. Ob Kai ihm bei diesem Besuch endgültig die Entscheidung abnehmen würde.
Wie in seinen letzten Winterpausen flog er nach London, um seine freie Zeit mit Kai verbringen zu können. Er fand es immer noch asozial, dass die Premier League keine Winterpause machte, konnte er nicht einmal über die Feiertage seinen Freund für sich haben?
Gestern war für ihn der letzte Spieltag gewesen, und es war sogar relativ gut für ihn gelaufen. Er hatte ein Tor gemacht, nicht dass das gegen Mönchengladbach diese Saison eine besonders große Leistung war.
Der Flughafen war kurz vor Weihnachten völlig überfüllt. Jule war froh, dass er seine Haare unter einer Beanie versteckt hatte und ein riesiger Schal sein halbes Gesicht verdeckte, sodass ihn wirklich niemand erkannte.
Der Flug nach London war problemlos, aber für Jule fühlte er sich trotzdem alles andere als schnell an. Alles, woran er denken konnte, war, dass das vielleicht die letzten Stunden waren, in denen er sich Kais Freund nennen durfte.
Die letzten Wochen war Kai einfach komisch gewesen. Wenn sie telefonierten, brach er manchmal mitten im Satz ab und fing dann plötzlich an, über etwas völlig anderes zu reden.
Auch ihr letztes Treffen hatte sich merkwürdig angefühlt — Kai hatte sein Handy immer wieder fast panisch weggedreht, sobald Jule den Bildschirm hätte sehen können. Und er hatte bis spät abends noch mit Jannis über irgendetwas gesprochen.
Seitdem warf Jannis ihm jedes Mal, wenn sie sich sahen, diese komischen Blicke zu. Blicke, die immer ein bisschen zu lange auf ihm lagen, als wüsste Jannis etwas, das Jule selbst noch nicht auszusprechen wagte.
Fast wünschte Jule sich, dass Kai und seine Brüder sich einfach nicht mochten.
Und Jule war nicht dumm. Er wusste, dass Kai irgendetwas vor ihm geheim hielt. Ob es einfach nur der Fakt war, dass er nicht mehr mit Jule zusammen sein wollte, oder ob er eine neue Beziehung hatte, wusste Jule nicht. Aber er konnte es Kai nicht einmal wirklich übel nehmen. Ihre Situation hatte sich so sehr verändert, seit sie zusammengekommen waren. Damals war Jule gerade Anfang zwanzig gewesen und Kai noch nicht einmal das, und sie hatten ständig zusammengehangen. Jetzt lebten sie nicht einmal mehr im selben Land, und Kai und er konnten kaum noch miteinander verglichen werden.
Vielleicht hätte Jule schon längst wissen sollen, dass es nicht ewig halten würde. Damals, als Kai nach Chelsea gewechselt war.
Aber Jule hatte so unbedingt daran glauben wollen, dass sie es schaffen konnten.
Und er hatte es geglaubt – besonders an dem Abend vor Kais Abreise, als er ihm die Kette mit dem K Anhänger geschenkt hatte. Da hatte Jule mehr daran geglaubt als an irgendetwas anderes.
Er wusste nicht einmal mehr, warum Kai überhaupt noch behauptete, sich darauf zu freuen, dass Jule ihn besuchen kam.
Vielleicht wollte Kai ihm einfach noch den Respekt erweisen, ihm ins Gesicht zu sagen, dass es vorbei war zwischen ihnen.
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Am Flughafen wartete Kai schon auf ihn und strahlte, als er Jule erblickte. Er ging die paar Schritte schnell auf ihn zu und schloss ihn in die Arme. Als sie sich nach ein paar Sekunden wieder lösten, sah Kai ihn mit diesen lieben, grünen Augen an, die Jule so sehr liebte.
„Ich habe dich so vermisst, Jule“, flüsterte er, bevor er sich herunterbeugte und seine Lippen auf Jules drückte.
Jule seufzte in den Kuss hinein. Fuck. Warum fühlte sich das immer noch so gut an?
Kai löste sich von ihm, nur um ihm den Koffer abzunehmen und ihn ins Auto zu hieven.
Jule stieg auf den Beifahrersitz, lehnte den Kopf gegen die kühle Scheibe und blickte hinaus auf die vorbeiziehende Stadt, auf die kitschige Beleuchtung, die überall flackerte, während Kai konzentriert durch die Straßen navigierte.
Er fragte sich, wie er den Moment verpassen hatte, in dem alles auseinanderfiel.
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„Du bist so ruhig heute“, bemerkte Kai, als sie ausstiegen.
„Bin nur ein bisschen müde“, log Jule und vermied es, Kai dabei anzusehen.
Kai schaute ihn besorgt an. „Willst du dich hinlegen?“
„Nee, geht schon“, lächelte Jule schwach.
Balou, Summer und Pooch begrüßten sie voller Begeisterung, und Jule konnte nicht anders, als sich sofort zu ihnen auf den Boden zu setzen und sie ordentlich zu knuddeln. Gerade als er Balou einen dicken Kuss auf die Stirn drückte, bemerkte er Kai, der die Szene mit einem sanften Blick beobachtete.
Jule zog eine Augenbraue hoch. „Was?“
„Nix.“ Kai schüttelte den Kopf, zog dann eine gespielt beleidigte Miene. „Ich frage mich nur, warum die so eine herzlichere Begrüßung kriegen als dein Freund.“
Jule lachte, stand aber auf und ging zu ihm rüber. Er schlang die Arme um Kai und drückte ihm einen Kuss auf die Nasenspitze, dann auf beide Wangen und schließlich runter zu seinem starken Kiefer, den er entlangküsste.
Kai hatte seine Arme längst um Jules Taille gelegt und zog ihn näher an sich. „Jule“, beschwerte er sich leise.
Doch Jule ließ sich nicht abbringen und lächelte nur leicht.
Kai legte eine Hand in Jules Haare und zog seinen Kopf ein Stück zurück, bis er ihn richtig küssen konnte. Jule lehnte sich vollkommen in den Kuss hinein, fast so, als könnte er Kai irgendwie davon überzeugen, dass er immer noch gut genug war. Doch bevor es sich zu sehr vertiefen konnte, löste Kai sich wieder.
„Ey, ich hab gar keinen Bock, heute Abend noch zu spielen. Ich will einfach nur den ganzen Tag hier bei dir sein“, murrte Kai.
„Aber dann kann ich dich nicht endlich wieder im Stadion spielen sehen. Und danach hast du ein paar Tage frei, die du noch mit mir verbringen kannst“, beschwichtigte Jule ihn.
„Nach deinem Spiel gestern muss ich jetzt was bringen, sonst ist es peinlich für mich“, jammerte Kai.
„Zum Glück für dich gehe ich auch mit Verlierern aus“, neckte Jule ihn, woraufhin Kai ihm in die Seite piekste.
„Warte ab“, grinste Kai und griff nach seiner Hand. „Nachher schieße ich noch ein Tor für dich.“
Jule verdrehte die Augen, spürte aber, wie ihm die Ohren heiß wurden.
Er sollte das wohl einfach genießen, solange er noch konnte.
Wahrscheinlich wollte Kai sich jetzt erst einmal auf das Spiel heute Abend konzentrieren, und würde Jule morgen, oder an einem seiner wenigen freien Tage, zu einem ruhigen Gespräch bitten.
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Später saß Jule neben den anderen Partnern der Spieler, Familienmitgliedern und verschiedenen VIPs, die vermutlich keine Ahnung von Fußball hatten. Er gähnte, 21 Uhr als Anstoßzeit war einfach zu spät.
Die Spieler waren noch nicht auf dem Feld, aber das Stadion war schon voll. Viele Zuschauer holten sich noch ein Bier, redeten mit ihren Sitznachbarn oder reckten die Hälse, um einen Blick auf den Spielertunnel zu erhaschen. Die Bildschirme wechselten von irgendwelchen Spielerpräsentationen zu Live-Aufnahmen der Zuschauer.
Jule sah sich selbst auf den großen Leinwänden und winkte in die Richtung, in der er hoffte, dass die Kamera war. Er konnte die TV-Kommentatoren förmlich hören, die sich bestimmt schon irgendeinen Spruch zurechtgelegt hatten.
Der Arsenal-Schal, zu dem Kai ihn überredet hatte, war gut sichtbar um seinen Hals geschlungen. Vielleicht hatte Jule sich auch gar nicht so sehr dagegen gewehrt.
Kai hatte es immer gemocht, wenn er offen zeigen konnte, dass Jule sein Freund war. Und Jule hatte sich immer darüber lustig gemacht, ihn damit aufgezogen, dass er so eifersüchtig war.
Dabei hatte es ihm insgeheim irgendwie gefallen.
Wäre es Sommer gewesen, hätte er wahrscheinlich jetzt das Trikot mit der 29 an, aber London im Dezember hatte einfach beschissenes Wetter.
Zum Glück kamen dann auch schon die Spieler aufs Feld.
Kai stand heute nicht in der Startelf, aber es war trotzdem ein gutes Spiel. Gyökeres verwandelte noch in der ersten Halbzeit einen Elfmeter, was Jule zusammen mit den Gunners natürlich ordentlich bejubelte.
Es war ein bisschen komisch für Jule, ein Spiel live im Stadion zu sehen, ohne selbst auf der Ersatzbank zu sitzen, aber auf eine gute Art.
Er freute sich, als Kai kurz nach der Halbzeit eingewechselt wurde, nachdem Gyökeres eine Gelbe kassiert hatte. Und als Kai dann kurz nach der 80. Minute elegant an der Abwehr vorbeidribbelte und den Ball sauber in die obere linke Ecke setzte, sprang Jule auf und jubelte mit dem Rest der Fans.
Kai lief an der Kurve vorbei, an seinen Teamkollegen, und schickte eine Kusshand in Richtung der Tribüne, auf der Jule saß, bevor er mit ihnen feierte.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Jule, dass er wieder auf dem Bildschirm zu sehen war, doch er hatte nur Augen für Kai, der wie immer alle Blicke magnetisch auf sich zog.
Als er sich wieder auf seinen Sitz fallen ließ, beugte sich die Frau neben ihm, die Freundin von irgendwem, er hatte wirklich keine Ahnung, zu ihm rüber.
„That was so adorable. He must be so down bad for you.“
Jule spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Sie meinte es bestimmt nett, aber es erinnerte ihn nur daran, wie merkwürdig Kai sich in letzter Zeit verhielt. Daran, dass es vielleicht das letzte Mal war, dass er ihn so anfeuern konnte.
Er zwang sich zu einem schwachen Lächeln. „Thank you.“
Dann wandte er sich wieder dem Spiel zu, aber nichts von dem, was auf dem Feld passierte, interessierte ihn wirklich noch. Am liebsten hätte er einfach aufgestanden und sich irgendwo in eine Ecke verkrochen um zu weinen. Aber das wäre zu auffällig und er hatte wirklich keine Lust, dass sich die Medien auch noch eine Story daraus zusammenreimten.
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Es fühlte sich fast wie eine Erlösung an, als der Schiedsrichter abpfiff und Jule die Tribüne verlassen konnte. Die Arsenal Spieler waren noch auf dem Feld und feierten ihr 2:0, doch Jule stand sofort auf und ging hinaus.
Vor dem Stadion holte er ein paarmal tief Luft, doch die Enge in seiner Brust blieb. Er sah den Eingang für das Personal und ging zielstrebig darauf zu. Vom Security Guard wurde er ohne Probleme in den Spielerbereich gelassen.
Er lief durch die noch leere Kabine bis zum Spielertunnel. Eigentlich hatte er gar nicht bewusst entschieden, hierherzukommen, es war, als hätten seine Beine ihn ganz von allein hierhergetragen.
Draußen gaben einige Spieler Interviews, während andere sich noch mit den Fans unterhielten. Jule lehnte sich an der Wand ab, so dass er von außen nicht zu sehen war, und wartete einfach.
Schon bald kamen die ersten Spieler zurück. Saliba und Saka winkten ihm zu, warfen sich dann aber einen verwunderten Blick zu, als sie seinen alles andere als freudigen Gesichtsausdruck bemerkten.
Dann endlich betrat Kai den Tunnel. Martin hatte einen Arm um ihn gelegt, sagte noch irgendetwas zu ihm, bevor er Jule bemerkte und Kai leicht anstieß.
Kai sah auf, entdeckte Jule und sein Gesicht hellte sich sofort auf.
Er löste sich von Martin und kam die paar Schritte auf ihn zu.
„Hast du das gesehen? Ich hab dir doch gesagt, dass ich ein Tor für dich mache.“
Er sah so glücklich aus, dass sich Jules Kehle sofort zuschnürte und ihm die Tränen in die Augen stiegen.
„Warum?“, brachte er nur hervor.
Kai runzelte die Stirn. „Julchen, was ist los?“ Er hob eine Hand und legte sie vorsichtig an Jules Wange.
Jule wollte wütend sein. Wollte ihn wegstoßen, ihn anschreien. Aber Kais Nähe fühlte sich einfach zu gut an. Also lehnte er sich stattdessen in seine Berührung.
Er hasste sich selbst dafür.
Jule zog zittrig die Luft ein. „Warum tust du mir das an?“
„Was?“ Kai sah ihn völlig überfordert an, wischte sanft die Tränen weg, die jetzt über Jules Wangen liefen. „Jule, ich hab echt keine Ahnung, wovon du redest.“
Jule sammelte all seinen Mut und sah ihm direkt in die Augen.
„Ich weiß, dass du nicht mehr dasselbe für mich fühlst wie ich für dich.“
Kai öffnete den Mund, doch Jule sprach weiter, bevor er ihn unterbrechen konnte.
„Und das ist okay. Wirklich. Vielleicht sind unsere Leben mittlerweile einfach zu unterschiedlich. Und ich bin froh, wenn du jemanden gefunden hast, mit dem du glücklich bist.“ Seine Stimme brach. „Aber es ist nicht fair, dass du so tust, als wäre nichts. Dass du mir immer noch Hoffnung machst.“
Für einen Moment sagte Kai gar nichts. Er sah ihn nur komplett verwirrt an.
Dann zog er Jule plötzlich fest an sich, so fest, dass diesem kurz die Luft wegblieb.
„Es tut mir leid“, murmelte er in Jules Haare. „Fuck, Jule, es tut mir so leid.“
Dass sie jetzt tatsächlich darüber redeten, und Kai nicht einmal versuchte sich zu rechtfertigen, sondern ihn einfach nur festhielt, war zu viel für Jule.
Er gab auf, ruhig bleiben zu wollen, und ließ den Tränen freien Lauf. Er vergrub sein Gesicht in die Schulter seines Freundes und schluchzte. Kai strich ihm mit zittrigen Händen über den Rücken, zeichnete fahrige Kreise, die mehr verzweifelt als beruhigend wirkten.
„Bitte lass mich das wieder gut machen“, flüsterte Kai. „Sag mir einfach, was du willst, okay? Bitte… ich kann dich nicht weinen sehen.“
Jule zog ruckartig den Kopf zurück. „Was?“
„Es tut mir leid“, wiederholte Kai hastig. „Ich hab keine Ahnung, was ich getan habe, damit du so denkst, aber ich hab’s offensichtlich komplett verbockt. Aber bitte… lass mich versuchen, es wieder gut zu machen. Du verdienst jemanden, der dich glücklich macht. Und bitte gib mir die Chance, das wieder zu sein. Ich verstehe, wenn ich es nicht mehr kann, aber ich—“ Er schluckte hörbar. „Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun soll.“
Jule starrte ihn an, völlig überfordert.
„Aber… du… das…“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Du bist so komisch in letzter Zeit. Und Jannis schaut mich immer so an, wenn wir über dich reden.“
Kai blinzelte ihn ein paar Sekunden lang einfach nur an.
Und dann, aus dem nichts, fing er an zu lachen. Atemlos und fast schon hysterisch.
„Oh mein Gott…“
Er lehnte seine Stirn gegen Jules, nahm sein Gesicht in beide Hände und wischte sanft die Tränen von seinen Wangen.
„Fuck, Jule… ich hab nur— also…“ Er brach kurz ab, schüttelte den Kopf, als müsste er sich sammeln. „Ich wollte dich fragen, ob du mich heiraten willst.“
Ein paar Sekunden lang war es völlig still im Spielertunnel, abgesehen von den dumpfen Geräuschen von draußen.
„Echt jetzt?“, brachte Jule hervor. Es fühlte sich an, als würde er im freien Fall nach unten stürzen.
„Ja.“ Kai lachte leise, immer noch ein bisschen außer Atem. „Ich wollte das richtig planen. Mit Location und Ring und allem. Und ich hab Jannis gefragt, weil ich dachte, es wäre cool, wenn er Fotos machen könnte…“ Er sah kurz verlegen zur Seite.
Jule zog ihn sofort wieder zu sich und küsste ihn stürmisch.
„Klingt perfekt.“ flüsterte er gegen seine Lippen.
Kai schnaubte leise. „Das sollte es auch werden. Hat ja nicht so super funktioniert.“
Jule verzog das Gesicht. „Es tut mir leid, dass ich es ruiniert habe. Ich bin einfach so blöd.“
„Vielleicht ein bisschen“, grinste Kai. „Aber ich mag dich trotzdem.“
Jule boxte ihm gegen den Arm. „Wichser.“
Kai lachte.
Dann wurde er wieder etwas ruhiger, fast schüchtern. „Du musst aber trotzdem überrascht tun, wenn ich dich frage.“
Jule lächelte. „Mach ich. Versprochen.“
Kai zog ihn durch den mittlerweile leeren Spielertunnel und öffnete eine Tür, die Jule vorher gar nicht bemerkt hatte. Dahinter lag ein leerer Physioraumm.
„Warte hier, okay? Ich geh mich schnell umziehen, dann können wir nach Hause.“ Kai drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe.
„Sorry wegen dem Trikot“, murmelte Jule, als ihm auffiel, wie dreckig die Schulter war, in die er geheult hatte.
„Ach, das war doch eh schon total verschwitzt“, winkte Kai ab, bevor er aus der Tür verschwand, nicht ohne Jule noch einen spielerischen Handkuss zuzuwerfen.
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Jule sah sich in dem Raum um. Ganz normaler Physioraum, eine Liege, ein paar Fitnessbänder, und irgendjemand hatte seine Socken vergessen. Sein Blick blieb an dem Spiegel an der Wand hängen.
Verdammt, sah er scheiße aus.
Seine Augen waren rot und angeschwollen, Tränenspuren liefen über sein Gesicht und verklebten seine Wimpern. Schnell wusch er sich am kleinen Waschbecken das Gesicht, fuhr sich durch die Haare und atmete einmal tief durch.
Kai wollte sich gar nicht von ihm trennen. Er wollte ihn sogar heiraten.
Und er hatte sich auch noch so viel Mühe gegeben alles perfekt zu planen.
Womit hatte er so einen Menschen überhaupt verdient?
Fuck. Sie würden wirklich gemeinsam alt werden.
Jule grinste wie verrückt vor sich hin, als die Tür wieder aufging.
Kai kam zurück, und hatte ein mindestens genauso breites Lächeln im Gesicht.
Jule konnte gar nicht anders, als sofort zu ihm zu gehen und ihm um den Hals zu fallen. Der Kuss war ein bisschen schief, weil keiner von ihnen aufhören konnte zu lächeln, aber er war trotzdem traumhaft. Jule krallte sich in die kleinen Locken in Kais Nacken, die noch nass von der Dusche waren, und zog ihn näher an sich.
Als sie sich Minuten später wieder voneinander lösten und sich in die Augen sahen, mussten sie sofort anfangen zu kichern wie zwei absolute Idioten. Nachdem sie sich halbwegs wieder beruhigt hatten, hielt Kai ihm seine Hand hin.
„Lass uns lieber nach Hause gehen.“
Jule schnaubte leise. „Ja, die Liege sieht echt nicht so bequem aus“, meinte er und verschränkte seine Finger mit Kais.
Kai lachte auf. „Erst am Weinen und zehn Minuten später denkt er wieder nur an das eine.“
Jule stieß ihn leicht von der Seite an, konnte sich ein kleines Grinsen aber nicht verkneifen. Was sollte er denn tun? Sein Freund hatte gerade ein Tor geschossen, und er hatte herausgefunden, dass er ihm sogar einen Antrag machen wollte.
Sein Kopf kam immer noch nicht ganz hinterher, als sie gemeinsam nach draußen traten. Vor dem Stadion standen Fans, die überlegten, was sie mit dem restlichen Abend anfangen wollten, und Journalisten, die auf einen guten Schnappschuss hofften.
Kai drückte Jules Hand ein wenig fester und zog ihn mit sich, vorbei an den Leuten, in Richtung seines Autos.
Und Jule wusste, dass er diesmal wirklich nie loslassen musste.
